Mehr als 780000 Beschäftigte haben auf Anfang nächsten Jahres bereits eine Lohnerhöhung in der Tasche. Das zeigt eine erste Zusammenstellung der ausgehandelten Abschlüsse. Mehrere Verhandlungsergebnisse waren der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt, darunter jene der Elektroinstallateure, der Gebäudetechnik, des Carrosseriegewerbes und von Feldschlösschen. Der Schwerpunkt der Lohnerhöhungen liegt zwischen 1,2 und 1,5 Prozent.

Auch die überwiegende Mehrheit der übrigen Beschäftigten kann nächstes Jahr mit mehr Lohn rechnen. Das zeigt die grösste und repräsentativste Umfrage unter den Schweizer Personalchefs, die dem «Sonntag» vorliegt. Demnach planen 72 Prozent aller Unternehmen eine Lohnerhöhung. Bei 27 Prozent ist eine Nullrunde zu erwarten, bei 1 Prozent eine Lohnsenkung.

«Lohnsenkungen werden die Ausnahme bleiben», bestätigt Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbandes. «Das zeigt, dass die Arbeitgeber sehr sorgfältig mit diesem Instrument umgehen.» Der Verband Angestellte Schweiz kritisiert hingegen, dass die Angestellten in gut einem Viertel der Firmen keine Lohnerhöhung erhalten. Das sei «nicht gerechtfertigt», sagt Sprecher Hansjörg Schmid. «Noch ist keine Rezession da, und ob sie kommen wird, ist ungewiss.»

Lohnsenkungen planen laut der Umfrage vor allem das Bau- und das Transportgewerbe. Eine Nullrunde gibt es am ehesten in der Industrie, dem Gewerbe sowie bei Energieversorgern, Unternehmensdienstleistern, Immobilien- und Informatikfirmen. Wegen des massiven Importdrucks erwartet Arbeitgeberdirektor Daum auch in der grafischen Industrie und im Tourismus überdurchschnittlich viele Nullrunden.

Im Schnitt steigen die Nominallöhne laut der Befragung um 1,22 Prozent (im laufenden Jahr waren es noch 1,65 Prozent). Damit lässt sich schon jetzt sagen: Den Lohnempfängern verbleibt im kommenden Jahr mehr in der Tasche – sofern die Teuerung nicht unerwarteterweise in die Höhe schiesst. Damit ist aber nicht zu rechnen. Der Bund geht im Gegenteil davon aus, dass sie weiter sinkt, auf noch 0,3 Prozent. Die befragten Unternehmen selbst rechnen mit einer Teuerung von 0,55 Prozent. Trifft diese Prognose zu, ergibt das eine Reallohnerhöhung von 0,69 Prozent.

Die stärksten Erhöhungen der Nominallöhne versprechen Firmen der Branchen Verkehr und Nachrichtenübermittlung mit 1,7 Prozent, gefolgt vom Unterrichts-, Gesundheits- und Sozialwesen sowie den Banken und Versicherungen mit 1,6 Prozent. Am unteren Ende der Skala liegen die Industrie, das Gewerbe und der Energiesektor mit 0,8 Prozent.

Wegen des starken Frankens haben bereits 10 Prozent aller Firmen eine Bonussenkung beschlossen. 19 Prozent überlegen sich diese Massnahme noch, darunter vor allem Banken, Versicherungen und Baufirmen.

Die alljährlich durchgeführte Umfrage hat sich in den letzten Jahren als fast punktgenaues Prognoseinstrument erwiesen. Im Auftrag der Zürcher, Basler und Berner Gesellschaften für Personal-Management befragte die St. Galler Beratungsfirma Know.ch dieses Jahr die Personalleiter von 366 Deutschschweizer Unternehmen.

Mit den Lohnverhandlungen sind die Gewerkschaften halbwegs zufrieden. So sagt Unia-Co-Präsident Andreas Rieger: «Die bisher vorliegenden Abschlüsse in einzelnen Gewerbebranchen sowie in der Industrie zeigen: Reallohnerhöhungen im Bereich von 1 bis 2 Prozent sind verdient und möglich.» Arno Kerst, Verantwortlicher für Lohnpolitik der Gewerkschaft Syna, lobt die «einzelnen hoffnungsvollen Abschlüsse von verantwortungsvollen Arbeitgebern, die nicht in das allgemeine Gejammer eingestiegen sind.»

In der Exportindustrie seien die Verhandlungen hingegen schwierig, sagt Kerst. Längst nicht alle Firmen seien aber von der Frankenstärke und rückläufigen Aufträgen betroffen. Auch die Angestellten Schweiz warnen vor übertriebenem Pessimismus. «Man soll auch nicht in die Panik unseres Volkswirtschaftsministers einstimmen», sagt Sprecher Hansjörg Schmid. «Bei nüchterner Betrachtung liegt mehr Lohn in den meisten Betrieben durchaus drin.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!