VON PATRIK MÜLLER

Die Meldung sorgte am Freitag weltweit für Schlagzeilen: Libysche Zeitungen berichteten, Saif al-Islam al-Gaddafi solle zweitmächtigster Mann im Staat werden. «Muammar Gaddafi sichert sich seine Nachfolge», kommentierte «Spiegel Online». Die «NZZ» sah gestern im Zusammenhang mit der Geisel-Affäre einen Vorteil für die Schweiz: «Die Krise aussitzen heisst nicht, jede Hoffnung zu verlieren. Die Zeit arbeitet für die Schweiz», schrieb die Zeitung mit Blick auf die Gaddafi-Nachfolge.

Ob der Aufstieg von Saif Gaddafi der Schweiz wirklich hilft, ist unsicher. Denn in libyschen Regierungskreisen wird zurzeit eine alte Geschichte hervorgeholt, die bisher in der Libyen-Affäre nicht publik wurde – und jetzt neue Bedeutung bekommt. In den 90er-Jahren hat die Schweiz Gaddafis Lieblingsssohn ein Studium in Genf verwehrt. Er erhielt sogar ein Einreiseverbot. Saif, der in Tripolis Architektur studiert hatte, plante in Genf ein ergänzendes Wirtschaftsstudium.

Ein Demütigung, die tief sitzt. «Die Schweiz hat mich besonders schlecht behandelt. Sie warf mich 1993 aus dem Land. Sie sagten, du darfst nicht hier bleiben, du bist der Sohn des Führers.» Dies sagte Saif Gaddafi an einem Treffen mit den heutigen Chefredaktoren von «Mittelland Zeitung» und «Sonntag», Christian Dorer und Patrik Müller, die ihn am Weltwirtschaftsforum 2005 in Davos interviewten. Saif war sichtlich bewegt und ergänzte: «Ich war doch bloss Student! Aber ich glaube, die Schweiz hat ihre Lektion gelernt. Ich hoffe, sie macht das nie wieder. Weder mit mir noch mit der nächsten Generation.»

Worte, die im Nachhinein wie eine Warnung klingen: Im Juli 2008 wurde Hannibal Gaddafi ebenfalls in Genf «schlecht behandelt» und verhaftet; dies löste die Geiselnahme zweier Schweizer in Tripolis aus. Im Gegensatz zu Hannibal gilt Saif als höflich und offen. Es heisst, er ähnele seinem Vater in jungen Jahren: Muammar Gaddafi, der am 1. September 1969 – im Alter von nur 26 Jahren – mit einem Putsch die Monarchie beendete.

Saif Gaddafi ist in der Weltpolitik salonfähig. Er spricht neben Arabisch auch Englisch, Französisch und Deutsch. Er ist ein Fan deutscher Autos und fährt BMW. In den Jahren 2005 und 2009 nahm er am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos teil. Er gehört nach wie vor zum erlauchten Kreis der «Young Global Leaders» des WEF. Im vergangenen Januar nutzte Aussenministerin Micheline Calmy-Rey die Gelegenheit und lud Saif in Davos zum Gespräch. Ein diplomatischer Fauxpas, wie sich zeigte: «Das hätte sie nie tun dürfen ohne Rücksprache mit den Verhandlungspartnern», sagte Charles Poncet, der Anwalt der libyschen Regierung, Ende August gegenüber dem «Sonntag».

Wie aus libyschen Kreisen verlautet, will Saif auch am kommenden WEF Ende Januar 2010 teilnehmen. Pikant: Er bemüht sich seit längerem, dass erstmals auch sein Vater Muammar nach Davos eingeladen wird. «Wir arbeiten daran», sagte er am WEF 2005. Bisher ohne Erfolg. Zu einer möglichen Teilnahme will sich das WEF nicht äussern: «Wir geben die Gästeliste erst im Januar bekannt», sagt Pressechef Matthias Lüfkens.