Diese Woche eröffnete Lidl feierlich seine ersten vier Filialen im Tessin. Doch der Schein trügt. Beim deutschen Harddiscounter gibt es grössere Probleme bei der Logistik und bei der Personalrekrutierung. Waren treffen zuweilen mit Verspätung ein, Lieferprozesse werden oft geändert, und in den Filialen fehlt es an Mitarbeitern.

Nun zogen die Verantwortlichen in Deutschland die Notbremse. «Der Sonntag» hat Kenntnis von einem internen Memo. Darin verordnet das Mutterhaus in Neckarsulm der Schweizer Tochter einen Expansionsunterbruch wegen der Probleme bei den Logistikprozessen. Demnach dauert die Verschnaufpause mindestens zwei Monate. Das mag nach wenig aussehen. Doch die Intervention zeigt, dass die Warnzeichen in Deutschland angekommen sind.

Bei Lidl heisst es, man wisse nichts von diesem Memo. Stattdessen spricht man von einer «Sommerpause». Dies mache Sinn, weil viele Leute dann sowieso in den Ferien seien. Wie lange diese dauert, wird jedoch nicht verraten: «Sie werden Verständnis haben, dass wir uns zur Detailplanung in der Öffentlichkeit nach wie vor nicht äussern», schreibt Lidl. Das Warenverteilzentrum Weinfelden habe ausreichende Kapazitäten, um die weitere Expansion zu begleiten. «Wir befinden uns somit absolut auf Kurs.»

Wirklich? Zweifel sind angebracht. Das zweite geplante Verteilungszentrum in Sévaz FR ist noch immer nicht in Betrieb. Und in verschiedenen Gemeinden lassen die Neueröffnungen auf sich warten, wie zum Beispiel in Pfäffikon ZH, wie Werner Büchi, Bauamt-Leiter der Gemeinde, bestätigt: «Die Filiale ist längstens fertig gebaut und hätte im Januar eröffnet werden sollen, die Plakate waren auch schon aufgehängt. Doch passiert ist nichts.»

Auch in Thusis GR brodelt es in der Gerüchteküche: «Die kürzlich fertig gebaute Filiale hätte im Frühling eröffnet werden sollen», sagt Bauamt-Chef Reto Mark. «Deshalb wird auf der Strasse heftig darüber spekuliert, ob sie überhaupt je aufgeht. Es ist zurzeit das Dorfthema.»

Zudem steht es anscheinend nicht sehr gut um die Stimmung beim Personal. In den letzten Monaten sickerten zahlreiche Kader-Abgänge an die Öffentlichkeit. Laut Insidern gab es kürzlich weitere Kündigungen. Zu den Kaderabgängen kommt eine hohe Fluktuation in den Filialen hinzu. Da in neuen Filialen Fachpersonal zu Beginn fehlt, werden Mitarbeiter aufgefordert, den Arbeitsort zu wechseln, was diese jedoch nicht immer hinnehmen.

Lidl versucht, den Ball flach zu halten: «Wie wir stets betont haben, ist uns wichtig, dass wir ein nachhaltiges Wachstum in allen Bereichen sicherstellen. Dies ist weiterhin der Fall, was weitere Neueröffnungen in diesem Jahr und in den darauffolgenden Jahren ermöglichen wird.» Vorerst wird aber nur eine weitere Filialeröffnung in Wilen bei Wil TG kommuniziert. Damit käme der deutsche Discounter auf 72 Filialen. Bis Ende Jahr sollen es rund 90 sein.

Dass die Expansion zurzeit in erster Linie Geld verschlingt, ist klar. Anfang Jahr sagte Lidl-Schweiz-Chef Andreas Pohl in der «Handelszeitung»: «Einen Auftrag für Gewinn habe ich nicht.» Es gehe jetzt zuerst um den Aufbau des Filialnetzes. «Profitabel sind wir nicht.»

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