Die «Nacht von Dublin» ist mir so gegenwärtig, als läge sie erst ein paar Wochen zurück. Es war kurz vor der Geisterstunde an jenem 30. April 1988. Der Concours Eurovision de la Chanson war so spannend wie kaum je zuvor gewesen; zwei Titel hatten Kopf an Kopf um den Sieg gekämpft. Und dann wurde das Schlussresultat bekannt gegeben: Switzerland 137 Points, United Kingdom 136 Points. «Ne partez pas sans moi», das Chanson von Atilla Sereftug (Musik) und Nella Martinetti (Text) hatte gewonnen! Wir lagen uns in den Armen und jubelten, als hätte die Fussballnationalmannschaft eben den WM-Titel erobert.

Wir: Das war eine kleine Schweizer Delegation, bestehend aus einer Handvoll Journalisten und einigen Vertretern der Musikbranche, welche die damals völlig unbekannte Sängerin Céline Dion und das Autorenpaar Martinetti/Sereftug nach Irland begleitet hatten. An der anschliessenden Winner-Party, die im kleinen Kreis gefeiert wurde, mussten sich Nella und Céline immer wieder von uns herzen und abschmusen lassen. Ich habe Nella nie wieder so glücklich, ausgelassen und unbeschwert erlebt wie in der sagenhaften «Nacht von Dublin».

Selbstverständlich wurde die blutjunge Céline Dion als grosse Siegerin gefeiert. Sie hatte als stimmstarke Diseuse selbstredend grossen Anteil daran, dass die Schweiz am Concours zum zweiten Mal nach 1956 auf den ersten Platz kam. Weil der «Grand Prix», wie der heutige Eurovision Song Contest damals auch noch genannt wurde, aber kein Interpreten-Wettbewerb ist, sondern einer der Text- und Musikautoren, gehörte der Lorbeer eigentlich Atilla Sereftug und Nella Martinetti.

Als ich gestern Samstag Atilla Sereftug in Avenches anrief, um mit ihm über die verstorbene Nella zu reden, blieb die Leitung erst einmal stumm. Sereftug hatte vom Tod seiner besten Texterin noch nichts vernommen und wurde von der Nachricht ins Herz getroffen. Er musste um jedes einzelne Wort ringen. «Ich bin schockiert und tieftraurig», sagte er schliesslich. Und dann informierte er umgehend seine Ehefrau Daniela Simmons – auch sie war ob der Todesmeldung hörbar geschockt. Daniela Simmons, muss man wissen, feierte ihren grössten internationalen Triumph als Sängerin ebenfalls mit einem Martinetti/Sereftug-Titel, ebenfalls am Concours Eurovision Song Contest: Sie kam 1986 in Bergen mit «Pas pour moi» auf Rang 2. Das eingängige Lied wird noch heute häufig auf DRS1 gespielt.

Das Ehepaar Sereftug/Simmons hielt über viele Jahre engen Kontakt mit Nella Martinetti. Der Komponist sagt, dass er die Kollegin als «lustige und lebendige Frau» in Erinnerung behalten werde. Natürlich habe er um ihre schwere Krankheit gewusst, «aber sie erholte sich ja glücklicherweise immer wieder einigermassen». Viel mehr mochte Sereftug nicht sagen. Nur noch dies: «Daniela und ich werden für sie beten.»

Die «lustige» und «lebendige» Frau: Das war die Nella, wie sie sich gerne und jahrelang präsentierte. Die gelernte Kindergärtnerin war ursprünglich eine Vertreterin des klassischen Schlagers. 1972 kam sie mit dem Lotar-Olias-Titel «Junge, du bist eine Wucht» in die ZDF-Hitparade. Ihren eigentlichen Durchbruch schaffte sie als temperamentvolle Interpretin von Tessiner Schunkelliedern.

Sie wurde in der Deutschschweiz gleichsam zur Verkörperung des Tessins: Boccalino reimte sich bei ihr auf Vino und Ticino, Mandolinen und Zoccoli waren ebenfalls immer zum Greifen nah. Sehr zum Ärger vieler Südschweizer, die sich von Nella Martinetti arg klischiert dargestellt fühlten.

1986 gewann Nella Martinetti mit «Bella Musica» den ersten Grand Prix der Volksmusik. Und zwar gleich in dreifacher Weise: als Texterin, Komponistin und Sängerin. Bekannt wurde sie in der Folge auch, weil sie sich ziemlich ungeniert über ihre zumeist unglücklichen Liebschaften äusserte. Und sich dabei von der Klatschpresse in häufig entwürdigender Weise vorführen liess.

Auch ihre an schmerzhaften Vorfällen reiche Krankengeschichte wurde zum Gegenstand öffentlicher Erörterung. Denn Nella Martinetti litt nicht nur an Bauchspeicheldrüsenkrebs, sondern auch am Morbus Scheinwerferlicht. Süchtig nach Beachtung und Anerkennung, fütterte sie vermeintlich wohl meinende Journalisten mit intimsten Details. Und wurde manchmal genug für ihre Offenheit und Naivität bestraft.

Das Publikum hielt ihr aber die Treue: Wenn sie etwa in Roger Schawinskis «Talk Täglich» zu Gast war, schnellten die Zuschauerzahlen verlässlich in die Höhe.

Die letzte grosse Heftli-Geschichte über die leidende Nella erschien am 23. Juni. Die «Glückspost» legte der schwer kranken Sängerin auf dem Cover die Worte «Mein Grab wartet schon auf mich» in den Mund. Das Bild der gezeichneten Sängerin war garniert mit einem Foto, das den Friedhof von Brissago zeigte. Man hätte die Frau gerne noch einmal umarmt und ihr den Rat mit auf die letzte Etappe ihres Lebensweges gegeben, wenigstens das Geheimnis des Sterbens für sich zu behalten.

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