Der Konkurs von Lehman-Brothers ist eines der grössten Desaster der Wirtschaftsgeschichte. Als die Investmentbank am 15. September 2008 zusammenbrach, hinterliess sie einen Schuldenberg in der Höhe von 200 Milliarden Dollar. Ein bisher unveröffentlichter Bericht vom März 2009 der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) zeigt erstmals das gesamte Ausmass des Debakels für Schweizer Banken und ihre Kunden. Fakten, die bislang verschwiegen wurden.

Der Bericht mit dem Titel «Verkauf strukturierter Produkte i.Z. mit dem Konkurs der Investmentbank» basiert hauptsächlich auf der Befragung von 17 Banken. Das Augenmerk legte die Finma besonders auf die Credit Suisse, welche die weitaus grössten Verluste in den Kundendepots auswies. Begonnen hat die Untersuchung wenige Tage nach dem Kollaps mit der Befragung von 113 Banken.

Darauf gaben 92 Institute an, dass sie Lehman-Positionen in Kundendepots gehalten hatten. Das Ausmass ist riesig: «Gesamthaft dürfte der Ausfall Lehmans’ über 4 Milliarden Franken an ursprünglich investierten Nennwerten strukturierter Produkte in Kundendepots von Schweizer Banken betroffen haben», schreibt die Finma.

Für die weitere Untersuchung legte die Finma den Fokus «auf mögliche Verletzungen von Kundeninteressen» im Vertrieb. Die Bank filterte 17 Banken aus, die strukturierte Lehman-Produkte im Umfang von mindestens 10 Millionen Franken in den Kundendepots führten. Dazu gehörten Sarasin, Berner, Walliser und Luzerner KB, HSBC und EFG.

Für diese teilweise später vertieft analysierten Banken ergab sich ein Gesamtbetrag von 3,5 Milliarden Franken. Mehr als die Hälfte lag in Depots der Grossbanken, wobei der mit Abstand grösste Brocken mit 1321 Millionen Franken bei der Credit Suisse verbucht war. Damit ist das Ausmass im Fall der CS mindest doppelt so hoch als bisher geschätzt (600 Millionen Franken).

Die Finma stellte den betroffenen Banken einen Katalog mit «25 konkreten Fragen» zu. Die Behörde wollte wissen, wie die Banken diese Produkte vertrieben, wie sie die Kunden über die Risiken aufgeklärt haben und wie die Anreizsysteme ausgestaltet waren.

Ausführlich vergleicht die Finma die Credit Suisse und UBS. Dabei stellte sie zum Teil eklatante Unterschiede fest. So offerierte die UBS strukturierte Produkte nur vermögenden Kunden. Bei der Credit Suisse wurden auch Privat-, Geschäfts- und Retailkunden «angegangen». Hinzu kommt, dass die CS im Unterschied zur UBS Verkaufsinformationen (Termsheets) verwendete, auf denen prominent das CS-Logo prangerte, bei der UBS nicht.

Auch bei der Beratung und Verwaltung von Kleinkunden gab es Unterschiede. So hat die UBS ein spezielles Werkzeug (Suitability Risk Rating Tool), das unter anderem Konzentrationsrisiken in Depots erkennt und im Bedarfsfall Meldungen generiert. Diese müssen vom Kundenberater in zehn Tagen abgearbeitet werden. Laut der Finma verfügte die CS über keine solchen Systeme. Die CS schob die Verantwortung vor allem auf die Kunden.

Schaut man auf die Zahlen in den Kundendepots, ergeben sich grosse Diskrepanzen. Bei der CS sind 10000 Kunden mit 1,321 Milliarden Franken betroffen (UBS: 5000 Kunden mit 630 Millionen). Bei der UBS machte der Anteil von strukturierten Lehman-Produkten 1,08 Prozent aus. Anders bei der CS: In den Worten der Finma «alarmierend» hoch ist der Anteil bei Vermögensverwaltungskunden (siehe Ausriss). Ins Auge sticht der sprunghafte Anstieg von Lehman-Produkten im Juni 2008, als die Bank bereits in Schieflage war.

Nach dem Konkurs stellte sich schnell heraus, dass viele CS-Kunden betroffen waren. Die Finma kritisiert in scharfen Worten das Kompensationsmodell der Bank. Ursprünglich schlug die Grossbank vor, nur solche Kunden zu entschädigen, deren Lehman-Anteil am Kundenvermögen mehr als 50 Prozent ausmachte. «Die 50-Prozent-Hürde erscheint fragwürdig, bereits ein Klumpenrisiko von 15 Prozent wäre klar problematisch», heisst es. Für unerfahrene Kunden sei diese Schwelle «nicht haltbar». Es stelle sich die Frage, ob die «Kunden hinsichtlich der Diversifikation genügend sorgfältig beraten wurden».

Im Fazit des Berichts heisst es: «Bei der Credit Suisse scheinen verschiedene Schwachstellen in der Organisation und den Prozessen zu bestehen. Im Vergleich zu anderen Banken verkaufte sie überdurchschnittlich viele strukturierte Produkte an Retailkunden. Daraus ergeben sich verschiedene Problemstellungen, zum Beispiel im Bereich der Risikoaufklärung oder der Überwachung der Kundenportfolien. Hier und in anderen Bereichen fällt die Credit Suisse im Vergleich zur UBS (aber auch z.B. zur HSBC oder J.P. Morgan) ab.»

Im Anschluss an diesen Bericht wurde die CS eingeladen, der Finma «in Form einer Präsentation umfassend über den ‹Fall Lehman›, die erkannten internen Schwachstellen und die ergriffenen bzw. geplanten Massnahmen zu informieren». Offenbar war die Finma nicht überzeugt und führte in der Folge ein aufsichtsrechtliches Verfahren durch. Dieses wurde aber bereits Ende des Jahres 2009 wieder eingestellt.

Im März 2010 publizierte die Aufsichtsbehörde dann einen öffentlichen Schlussbericht zu den Folgen des Lehman-Konkurses. Dieser Bericht kommt zum Teil zu völlig anderen Befunden als der frühere Bericht. So schreibt die Finma im früheren Bericht: «Es fragt sich grundsätzlich, ob strukturierte Produkte für Retailkunden geeignete Anlageinstrumente sind.» Im öffentlichen Schlussbericht kam sie zu einer gegenteiligen Einschätzung: «Die Finma kam zum Schluss, dass kapitalgeschützte strukturierte Produkte an sich für einen Vertrieb an Retailkunden geeignet sind.»

Im früheren Bericht kritisiert die Finma zudem, dass in den Verkaufsunterlagen nicht deutlich auf den Emittenten hingewiesen wurde. «Es stellt sich die Frage, ob Kunden ohne grosse Geschäftserfahrung vorliegend nicht in guten Treuen davon ausgehen konnten, dass es sich bei den erworbenen Produkten der Lehman um CS-Produkte handelte.» Im öffentlichen Bericht wurde die Kritik massiv abgedämpft: «In allen Dokumenten wies die CS auf die Emittentin und das Emittentenrisiko hin, allerdings nicht sehr prominent»

Eklatant ist zudem die unterschiedliche Einschätzung zur Bonität von Lehman Brothers. Im früheren Bericht geht die Finma ausführlich darauf ein und beschreibt, dass die Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS) bei der Selektion der Produkte «angebracht» seien. Sie verwies zudem darauf, dass etliche Banken durch den massiven Anstieg der Lehman-Ausfallprämien bereits frühzeitig den Vertrieb einstellten (J.P. Morgan bereits im September 2007). Im öffentlichen Bericht heisst es dann lapidar: «Die Lehman-Gruppe verfügte bis zum Zeitpunkt der Insolvenzerklärung mit einem Kreditrating von A2 über eine gute Bonität.»

Auf Anfrage teilt die Behörde dem «Sonntag» mit: «Die Finma hat ihren Standpunkt (...) im Bericht vom 2. März 2010 dargelegt. Dieser ausführliche Bericht (...) war und ist unsere verbindliche Position in dieser Angelegenheit.» Zu den offensichtlichen Unterschieden und wie diese zustande kamen, gab sie keinen Kommentar ab.

Die CS schreibt in einer Stellungnahme: «Die Finma hat festgehalten, dass sie bei der Credit Suisse (...) kein systematisches Fehlverhalten festgestellt hat. Sie hat darum ihre Untersuchungen eingestellt. Allfällige ‹Berichte›, die aus der Zeit vor der Finma-Untersuchung stammen und die uns nicht vorliegen, haben keine Bedeutung und wir können sie selbstverständlich nicht kommentieren.»

Zu den angebotenen Kompensationen für die Lehman-Opfer schreibt die Bank: «Die Credit Suisse bot sehr rasch und kulant ein umfassendes Lösungsangebot und hat damit rund 4000 Kunden mit einer Gesamtsumme von über 150 Millionen Franken entschädigt. Sie tat dies freiwillig und ohne Rechtspflicht. Kaum eine Bank weltweit hat ähnlich umfangreiche Angebote gemacht.» Die CS senkte die ursprüngliche Kompensationsschwelle auf 20 Prozent.

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