Schon bald werden Axa, Bâloise & Co. jedes Bremsmanöver registrieren. Jedes Parkieren und jede Geschwindigkeitsübertretung. Die Branche bereitet sich für eine Revolution der Autoversicherung vor: die totale Überwachung.

Vor kurzem beschrieb Bâloise-Chef Martin Strobel in der «Schweizer Versicherung» seine Vision der Zukunft: «Jedes Auto wird mit Sensoren ausgestattet sein, die sicherheitsrelevante Informationen erheben. Wie vorsichtig fährt der Fahrer, wie stark beschleunigt er, wie heftig und plötzlich bremst er? Fährt er immer auf der linken Spur der Autobahn mit ‹Blinker links› und ständig aufflackerndem Fernlicht?» Strobels Fazit: «Je weniger und umsichtiger die versicherte Person fährt, desto günstiger fallen ihre Prämien aus.» Oder umgekehrt.

Strobel setzte seine Prognose im weit entfernten Jahr 2038 an. In Wahrheit ist die Zukunft aber schon beinahe erreicht, und sie ist orange. Das Schweizer Mobilfunk-Unternehmen hat diese Woche ein neues Produkt für Versicherungen lanciert: Zusammen mit der US-Firma Drive Factor vertreibt sie ein Gerät, das in Autos eingebaut wird und alle spannenden Daten per Funk zur Analyse übermittelt. Je nach Einstellung «alle paar Sekunden, nach einer Reise oder nur einmal pro Monat», wie Drive-Factor-Sprecherin Jenifer Linton erklärt. Man sei bereits im Gespräch mit «etlichen Schweizer Versicherern», sagt sie.

Eine davon könnte Nationale Suisse sein. Man verfolge «das Thema Telematiklösungen mit Interesse», orakelt Sprecherin Christina Hartmann. «Vereinzelt führen wir auch Gespräche mit möglichen Partnern.» Auch bei der Bâloise ist man «mit Interesse» am Thema dran.

Die Zurich «beobachtet» und will «die verschiedenen Kundenbedürfnisse am Markt abdecken können». Die Mobiliar hat offenbar schon etwas in der Schublade. «Ich gehe davon aus, dass wir im Frühling 2014 mehr zum Thema zu sagen haben», sagt Sprecher Jürg Thalmann.

Bereits erste Schritte getan hat die Axa Winterthur. Seit 2008 fordert sie Junglenker auf, sich eine Crash-Box im Auto installieren zu lassen, aus der bei einem Unfall – und nur dann – Daten ausgelesen werden können. Wer das nicht will, zahlt eine höhere Prämie.

Im Ausland gibt es die Überwachung bereits heute. Für viel Aufmerksamkeit sorgte die Lancierung von Insure the Box in England vor drei Jahren. In Echtzeit übermittelt deren Box Daten an die Versicherung, die dann auf Grossrechnern analysiert werden. Wer besonders vorsichtig fährt, bekommt einen Rabatt. «Das ändert alles», stellt CEO Mike Brockman fest. «Wenn die Kunden vorsichtiger fahren, ist das besser für sie, besser für die Gesellschaft und besser für uns, weil sie keine Schäden melden.» Hinter dem Projekt steht auch das IT-Beratungsunternehmen IBM, ein Anbieter von Hochleistungs-Datenservern.

Die Datenberge sind der Horror jedes Datenschützers und der Traum jedes Versicherungsmathematikers. Je mehr dieser über das Verhalten eines Kunden weiss, desto genauer kann er die Prämie berechnen. Heute muss er sich mit Angaben wie Alter, Geschlecht oder Autotyp behelfen. Zudem lassen sich mit der Überwachung Betrugsfälle erkennen.

Bereits würden weltweit 3 Millionen Versicherte derart überwacht, heisst es in einer Studie, welche diese Woche vom US-Beratungsunternehmen Aité publiziert wurde. Derzeit mache dies etwa 1 Prozent des Marktes aus. Schon 2017 werde dieser Anteil aber bei 10 Prozent liegen, schätzt Aité.

Noch kann niemand gezwungen werden, sich auf diese Weise von seiner Versicherung analysieren zu lassen. Doch selbst wenn dieser Zwang formell ausbleibt, wird er faktisch bald bestehen. Denn wenn sich viele vorsichtige Autofahrer eine solche Box installieren lassen, steigt die Prämie für die anderen Versicherten bald an. Analog gilt auch für Versicherungsunternehmen: Wer die Kontrolle nicht anbietet, riskiert, nur noch schlechte Fahrer zu versichern.

Aus Kundensicht ist das Verdikt klar: Nicht überwacht zu werden, wird zum Luxus. Und wohl nicht erst 2038.

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