Frau de Weck, Sie sagten kürzlich an einer Diskussion in Zürich: «Ich verliebte mich in Deutschland.» Was meinten Sie damit?
Laura de Weck: Als ich vor fünf Jahren durch ein Engagement am Schauspielhaus nach Hamburg gekommen bin, habe ich mich total gefreut. Wenn man am Theater arbeitet, setzt man sich intensiv mit der deutschen Sprache auseinander. Und was ich in Deutschland liebe – neben all den äusserlichen Dingen wie dem Hafen in Hamburg oder dem Schwarzbrot –, ist der Umgang mit der Sprache.

Was ist denn anders am Umgang mit der Sprache?
Die Deutschen probieren das Leben, die Schwierigkeiten des Lebens mit der Sprache zu erfassen. Ein Beispiel: Wenn man jemanden fragt: «Wie ist Hans?» sagt der Schweizer: «Das isch en Komische.» Ein Deutscher dagegen erklärt: «Ja, der Hans ist in einer Grossfamilie geboren, er hatte eine schwierige Kindheit, dann hat er dort und dort studiert, ist einer Frau begegnet …» Da wird also probiert, die ganze Komplexität eines Menschen zu formulieren. Auch die Unmöglichkeit, Gefühle mit Sprache zu erklären, lässt der Deutsche nicht so gelten und probiert es immer wieder und wieder aus. Das macht das Leben in Deutschland interessant.

Ihre Liebe zu Deutschland, so scheint es mir, war nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern ein Prozess.
Ja, absolut. Auch ich hatte zuerst Schwierigkeiten, als ich nach Deutschland kam. Bei einer Probe sagte man mir etwa: «Das hast du scheisse gemacht!» Ich war verletzt. Erst nach und nach habe ich herausgefunden, wie die Direktheit der Deutschen funktioniert. Und ich habe gemerkt, viele Probleme, die Schweizer und Deutsche miteinander haben, sind Kommunikationsprobleme, sind Missverständnisse. Deutsche und Schweizer sind sich in ihren Zielen, menschlichen oder politischen, sehr ähnlich – aber sie formulieren sie anders.

Was kann man dagegen tun?
Man muss sich damit auseinandersetzen, sich fragen, warum gibt es bei den Deutschen die krasse Suche nach Auseinandersetzung? Es kann einem auf die Nerven gehen, dass sie immer über alles reden müssen, alles dauernd hinterfragen und kritisieren müssen. Aber diese Kritik hat auch etwas wahnsinnig Positives und würde den Schweizern gut tun. (lacht)

Neben der Liebe gibt es also doch auch Ärger.
Ja, es ärgert mich, dass sich die Deutschen oft betrogen fühlen. Sie fühlen sich betrogen, wenn etwas teuer ist oder wenn sie nicht permanente Aufmerksamkeit vom Staat haben. Auf der anderen Seite macht die kritische Auseinandersetzung mit dem, was im Land passiert, Deutschland zu einem faireren Land. Das Sozialsystem oder die Familienpolitik zum Beispiel funktionieren gut. Junge Mütter werden viel stärker unterstützt, gerade wenn sie freiberuflich arbeiten wie ich. Vom Schweizer Staat hätte ich keinen Rappen bekommen oder nur die ersten sechs Wochen. In Deutschland dagegen wird man ein Jahr lang unterstützt. Hier gibt es auch keine Steuergesetze, die Firmen, die Drittweltländer ausbeuten, Erleichterungen verschaffen. Und ein Bankgeheimnis wäre nicht möglich, weil die Leute breiter, sozialer und kritischer denken. Wenn ihnen etwas nicht passt, sagen sie es – laut und sofort. Vielleicht ist das eine Langzeitfolge des Krieges: Die Leute wissen, wir müssen aufpassen, es kann schneller, als man denkt, etwas Schreckliches passieren.

Wie reagierte man in Deutschland auf Ihre Liebeserklärung?
Viele Leute waren froh, dass man etwas emotional Positives über dieses Land sagt. Ich muss die Deutschen sehr oft verteidigen, wenn ich in der Schweiz bin. Die Schweizer haben Angst, dass ihnen jemand etwas wegnehmen will. Sie haben Angst vor dem Fremden. Bei der Angstbewältigung ist es aber so, dass man sich mit der Angst konfrontieren muss, und schon merkt man, dass alles gar nicht so schlimm ist. Und die Vorurteile, dass einen die Deutschen überrumpeln, nicht feinfühlig sind, keinen Humor haben, lösen sich in Luft auf.

Die Deutschen sind in der Schweiz nur bedingt beliebt. Wie steht es Ihrer Meinung nach mit der Liebe der Deutschen zu den Schweizern?
Die Deutschen sind den Schweizern gegenüber offen und herzlich. Ich hatte nie ein Problem. Ab und zu kommt ein Witz – im Moment etwa in Zusammenhang mit der aktuellen Ricola-Werbung und ihrem Slogan «Typisch Schweizer – immer flüssig». Natürlich meinen viele, dass Schweizer immer reich seien, aber das ist ein Bild, das die Schweizer, wie man an diesem Werbeplakat sieht, selber von sich prägen. Aber generell hört man nur Positives über die Schweiz. Trotz der grossen Negativpresse durch die Steuerpolitik bleibt die Schweiz das Land der Berge und Schokolade.

Als Schauspielerin haben Sie das Privileg, dass die Leute in Hamburg nicht beim ersten Wort von Ihnen hören, dass Sie Schweizerin sind . . .
Genau, in der Bäckerei oder so merken die Leute nicht, dass ich Schweizerin bin. Diese Erfahrung fehlt mir.

Ist es am Theater ein Thema, dass Sie Schweizerin sind?
Nein, die deutschen Theater sind voller Schweizer. In meiner Zeit am Schauspielhaus waren im Ensemble Marie Leuenberger, Daniel Wahl, Samuel Weiss . . . Ich habe mich gewundert, dass man sich in der Schweiz über die vielen Deutschen ärgert, während ich an einem deutschen Theater arbeitete, wo gefühlt ein Drittel Schweizer waren. Die vielen Schweizer Ausländer waren aber nie ein Thema – und das in der Schauspielerei, wo viele arbeitslos sind.

Sind in der Kultur die Ländergrenzen oder der gemeinsame deutsche Sprachraum wichtiger?
Der gemeinsame Sprachraum ist wichtiger. Die Unterschiede zwischen den Nationalitäten sehe ich eher in der Förderung. Die Schweizer bekommen mehr Fördergelder wie Stipendien oder Beiträge der Pro Helvetia. Es ist erstaunlich, wie viele Schweizer zu den Top-Künstlern der Welt gehören. Sei es in der bildenden Kunst, in der Musik oder auch im Theater. Ich glaube, das liegt an der starken Förderung und an der Förderung von Auslandaufenthalten. Was die Kulturstiftungen da leisten, ist gigantisch.

Sie leben in Hamburg, Ihre Stücke werden aber primär in der Schweiz aufgeführt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Das war nur bei den ersten Stücken so. Die Uraufführungen waren in der Schweiz, aber «Lieblingsmenschen» wurde danach beinahe in jeder deutschen Stadt gespielt. Meine letzte Premiere war jetzt in Deutschland, Mitte Mai bei den Ruhr-Festspielen in Recklinghausen. Aber es stimmt, dass die Schweizer ihren Künstlern treu sind, sie holen einen immer wieder zurück, deswegen habe ich auch in Zürich noch einen Wohnsitz.

Bei Ihrer ersten eigenen Inszenierung «Mit freundlicher Unterstützung von» haben Sie mit Material aus Politikerreden und Förderanträgen von Künstlern gearbeitet. Waren die Inspirationsquellen Texte aus Deutschland oder aus der Schweiz?
Aus der Schweiz. Tatsächlich. (lacht) Aber ich habe nach der Schweizer Erstaufführung in Zürich auch eine deutsche Version für Hamburg gemacht.

Nationen-Gefühle waren bisher nie das zentrale Thema in Ihren Stücken und Büchern. Nun sind Sie an der Vorbereitung für «Espace Schengen», das im September in der Gessnerallee Zürich uraufgeführt wird. Ist das Stück das Resultat Ihrer Erfahrung?
Ja. Thema all meiner Stücke ist die Kommunikation und vor allem die Kommunikationsmissverständnisse. Das Stück ist auch die Folge, dass ich die Kommunikationsmissverständnisse zwischen Deutschen und Schweizern, generell zwischen Schweizern und Ausländern so ausgeprägt erlebe. Ich habe den Blick vom Mikrokosmos Mensch - Mensch ausgeweitet auf die Beziehung Nation - Nation. Und ich bin in meiner Wahrnehmung politischer geworden – vielleicht gerade, weil ich hier in Hamburg die Aussensicht habe.

Kommen sich Deutschland und die Schweiz näher oder wächst die Entfremdung weiter?
Ich habe das Gefühl, sie kommen sich näher. Wenn ich deutsche Freunde in der Schweiz frage «Wie geht es euch, bekommt ihr viele böse Blicke?», dann verneinen sie und finden es rührend und wiederum sehr schweizerisch, dass alle dauernd nach ihrem Wohlergehen fragen, so als hätten sie etwas ganz Schlimmes erlebt. Ich glaube, das Thema ist ausgeleiert, ausdiskutiert.

Werden Sie je wieder in der Schweiz leben wollen?
Ich lebe in Hamburg, nicht nur weil ich mich in Deutschland verliebt habe, sondern auch in einen Mann. (lacht) Aber ich werde sicher wieder in die Schweiz zurückkommen. Sie ist meine Heimat und ich liebe sie mindestens so sehr wie Deutschland. Trotzdem möchte ich bei den Schweizern eine Lanze für Deutschland brechen und sagen: Hört genauer hin, bevor ihr über die Deutschen schimpft!

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