Die ersten Lehrstellen für nächsten Sommer sind bereits vergeben. Vor allem Banken binden vielversprechende Lehrlinge immer früher an sich. Damit muss Schluss sein, fordert Daniel Jositsch, Nationalrat (SP/ZH) und Präsident des kaufmännischen Verbands (KV) Schweiz. Er wird deshalb kommende Woche ein Postulat im Nationalrat einreichen. Darin fordert Jositsch den Bundesrat auf, Massnahmen gegen das Problem zu ergreifen.

«Wir müssen auf Bundesebene handeln und dafür sorgen, dass die Lehrstellen nicht mehr vor dem 1. November vergeben werden», sagt Jositsch. Dieses Datum müsse für alle verbindlich sein. Der Strafrechtsprofessor will deshalb eine zentrale Stelle einführen, bei der Verstösse gemeldet werden können – auch anonym. Diese Whistleblowing-Stelle soll die verfrühte Jagd auf Lehrlinge stoppen. Wenn nötig, müssten Firmen sanktioniert werden, sagt Jositsch.

Das Problem habe sich in den letzten Jahren deutlich verschärft, wie Jositsch als Präsident des KV Schweiz immer wieder hört. An das Gentlemen’s Agreement, keine Lehrstelle vor dem 1. November zu besetzen, hält sich kaum jemand mehr. Die Unternehmen locken die besten Schüler schon im Sommer mit einem Lehrstellenvertrag und bringen so andere Firmen in Zugzwang.

Doch das steigert den Druck auf Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, obwohl sie eigentlich noch genügend Zeit hätten. Aus Angst nehmen viele das erstbeste Angebot an und merken zu spät, dass die Stelle nichts für sie ist. Das führt zu Lehrabbrüchen und unzufriedenen Betrieben.

Von einer Meldestelle, wie sie Jositsch fordert, hält Hans-Ulrich Bigler wenig. Für den Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV) ist das «Denunziantentum nicht sehr sympathisch». So würde man die Lehrbetriebe bestrafen, die dann lieber ganz auf Lehrlinge verzichten würden. Einig sind sich Jositsch und Bigler aber darin, dass das Problem dringend angegangen werden muss. Schüler benötigten mehr Zeit für eine systematische Berufswahl. Der SGV arbeitet mit den kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) an einem besseren Informationsprozess für die Berufswahl in der Sekundarschule. In diesem Projekt stimmen Jugendliche ihre Fähigkeiten auf die Anforderungen der Lehrstellen ab. Danach sollen die Lehrer gemeinsam mit jedem Schüler vier bis fünf Berufe ausarbeiten, die für die Jugendlichen infrage kommen. Erst dann steht eine Schnupperlehre an. Heute machen die Schüler diese bereits im Alter von 13 Jahren. Bei welchem Beruf sie reinschnuppern, entscheiden sie oft aus dem Bauch heraus.

Ende 2013 soll das Projekt ausgereift sein. «Die Schritte sind bisher zu wenig aufeinander abgestimmt», sagt Bigler. Je systematischer die Berufe ausgesucht werden, desto weniger Lehrabbrüche gibt es, was auch die Betriebe freut.

Während die guten Schüler bereits früh unter Vertrag genommen werden, haben Jugendliche mit schulischen Defiziten nach wie vor Mühe, einen Ausbildungsplatz zu finden – obwohl Tausende Lehrstellen offen bleiben, wie eine Umfrage des «Sonntags» in den Kantonen zeigt (siehe Tabelle). So bleibt jeder vierte Platz im Kanton Graubünden unbesetzt. Hingegen haben es Betriebe in Städten wie Basel, Bern oder Zürich offenbar einfacher. In Basel blieben 2011 nur 2 Prozent der Lehrstellen frei.

Die Erfolgsquote hängt stark von der Branche ab. Im Baugewerbe, technischen Berufen oder den Schweizer Metzgereien hätte es noch genügend Plätze. Deswegen werden der Schweizer Fleisch-Fachverband als auch der Baumeisterverband diesen Herbst Werbespots für ihre Berufe schalten, unter anderem in Schweizer Kinos. So wollen sie das Interesse der Jungen wecken.

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