Der Abend war kalt, das Thema trocken. Im Januar war Kurt Koch an die Universität Basel gekommen, um einen Vortrag über die «Bedeutung der Geschichte für die Ökumene» zu halten. Die Veranstalter hatten mit einigen Dutzend Zuhörern gerechnet. Es kamen einige hundert. Dass Kochs Ausführungen selbst manchen Theologen überfordert hätten, kümmerte sie nicht. Sie waren gekommen, um den Kardinal zu sehen.

Nun, nach dem überraschenden Rücktritt des Papstes, ist Koch noch gefragter. Als einer von 118 wahlberechtigten Kardinälen wird er Teil des Konklaves sein, das den Nachfolger Benedikts XVI. bestimmt. In den Schweizer Medien sprach Koch diese Woche ausführlich über seine Eindrücke der Ereignisse («In Rom sind alle völlig überrascht») und seine Meinung zum nächsten Pontifex («Ich könnte mir einen Afrikaner oder Lateinamerikaner vorstellen»). Und liess seinen Landsleuten in der Schweiz so das Gefühl, irgendwie auch ein bisschen an der Papstwahl beteiligt zu sein. In dicken Lettern titelte der «Blick»: «Herr Kardinal, werden Sie jetzt Papst?»

Es gab Zeiten, da kannte Koch nur die andere Seite. In seiner fast 15-jährigen Amtszeit als Bischof von Basel war er auf Dauerkritik abonniert. Als ihn Papst Benedikt vor zweieinhalb Jahren nach Rom beförderte, reagierte Koch erleichtert. In seinem Abschiedsbrief beklagte er die «zeitraubenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen», die «Polarisierung» und die «zunehmende antirömische Stimmung». Der Hirte Koch, sichtlich gealtert unter der Last seines Amts, war froh, vom Feld zu gehen.

Dabei hatte alles verheissungsvoll begonnen. Als Koch 1995 Bischof wurde, hatten liberale Katholiken grosse Hoffnungen in ihn gesetzt. Er stand im Ruf, ein brillanter Theologe zu sein, der sich für Reformen der Kirche einsetzen würde. In seinen zahlreichen Schriften hatte er sich etwa für die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. Diese halte er «theologisch nicht nur für möglich, sondern auch für wünschenswert», schrieb er 1988. Die katholische Kirche kritisierte er dafür, die «Ausgrenzung oder gar Stigmatisierung von Homosexuellen» zu unterstützen.

Mit Enttäuschung registrierten dann aber Progressive, wie Koch als Bischof zunehmend konservative Positionen einnahm. Zur grossen Belastung wurde der jahrelange Kampf mit dem aufmüpfigen Priester Franz Sabo. Ihm entzog Koch den kirchlichen Lehrauftrag. Sabos Kirchgemeinde Röschenz BL zog dagegen vor Gericht. Zur Versöhnung kam es erst, als die Kirchgemeinde recht erhielt.

Die Wirren im Bistum setzten Koch zu, körperlich und seelisch. 2008 erlitt er eine Erschöpfungsdepression und musste eine längere Auszeit nehmen. Wiederholt machten Gerüchte die Runde, Koch würde nach Rom abberufen. Doch erst 2010 war es so weit: Papst Benedikt, den Koch als Bischof stets resolut gegen öffentliche Kritik verteidigt hatte, ernannte ihn zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Im November 2010 wurde er zum Kardinal geweiht – als erst neunter Schweizer.

Im Vatikan ist Koch aufgeblüht. Es gehe ihm gesundheitlich deutlich besser, sagen Leute, die ihn gut kennen. Als «Ökumene-Minister» der Kurie ist Koch für die Versöhnung unter den gespaltenen christlichen Kirchen verantwortlich. Auch die Pflege der historisch belasteten Beziehungen zum Judentum obliegt Koch. «Als ehemaliger Theologieprofessor ist er in seiner vatikanischen Ökumene-Aufgabe in seinem Element», sagt Urban Fink, Redaktionsleiter der «Schweizerischen Kirchenzeitung». «Er kann sich in dieser Aufgabe nun wieder stärker wissenschaftlich betätigen.»

In seinem neuen Amt ist Koch auch Diplomat. Vertreter anderer Kirchen loben ihn für seine Arbeit: «Kurt Koch gehört zu den besten Kennern des Protestantismus im Vatikan, erst recht in Bezug auf die reformierte Kirche», sagt Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. In den zweieinhalb Jahren seit seiner Ernennung habe Koch auch mit anderen Konfessionen «nachhaltige Kontakte» entwickelt. «Vor allem sein Besuch in England hat ihm bei den Anglikanern Sympathien geschaffen», sagt Locher.

Als Denker scharfsinnig, als Diplomat beschlagen – wird der 62-Jährige vielleicht gar selber Papst? «Absolut unmöglich», sagte er diese Woche im «Blick». «Der Heilige Geist hat bestimmt mehr Fantasie.» Als Mann der Schrift weiss Koch aber, dass das so absolut nicht stimmt. Auch wenn er nicht zum erweiterten Kreis der Favoriten für Benedikts Nachfolge gehört: Theoretisch kann jeder der 118 wahlberechtigen Kardinäle Papst werden. Und immer wieder wurden in der Geschichte auch Aussenseiter gewählt.

Tatsächlich ist aber die Chance, dass Koch der erste Schweizer Papst wird, verschwindend gering. «Kochs Amt des Präsidenten des Einheitsrats ist zwar sehr ehrenvoll», sagt der Journalist und Buchautor Hanspeter Oschwald, der lange Jahre für deutsche Medien über den Vatikan berichtete. «In der Kurie spielt der Rat aber nur eine untergeordnete Rolle. Seine Rolle ist gering, wie das der Ökumene überhaupt.» Das habe nichts zu tun mit der «persönlichen Überzeugungskraft» Kochs, sagt Oschwald. Doch die mächtigsten Männer der Kurie seien nun mal Kardinäle, die eines der wichtigen «Ministerien» besetzen: zum Beispiel die Präfekten der Glaubens- oder der Bischofskongregation.

Hinzu kommt Kochs Nationalität: Die Schweiz ist nicht nur ein Kleinstaat, sie ist nicht einmal katholisch. Koch selbst sagte diese Woche in der «Rundschau»: «Nach einem polnischen und einem deutschen Papst wird nun sicher nicht ein Schweizer Papst gewählt.» Für langjährige Beobachter wie Oschwald deutet vieles darauf hin, dass Benedikts Nachfolger ein Italiener wird.

Und Personen, die Koch nahestehen, glauben ihm, wenn er sagt: «Das Amt ist so schwierig, dass ich es niemandem wünsche.»

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