VON YVES CARPY

Ulrich Kohli ist Ende 2009 als Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zurückgetreten. Nach der Publikation der Wertverluste von 11,3 Milliarden Franken, welche die SNB per Mitte Jahr erlitten hat, äussert sich Kohli jetzt erstmals zur expansiven Geldpolitik seiner ehemaligen Arbeitgeberin. Der Ökonomieprofessor, der an der Universität Genf lehrt, erhebt zwei Vorwürfe an die SNB: Erstens hält er ihre Interventionen am Devisenmarkt grundsätzlich für falsch: «Die Situation ist bedenklich. Mit ihren massiven Interventionen bis Anfang Juni hat die SNB vor allem die Spekulation alimentiert. Es hat ja nichts genützt.»

Zweitens hält er den Zeitpunkt für die Diversifikation ihrer immensen Devisenreserven für falsch. Die SNB hat diese vor allem in Form von Euro angehäuft (70 Prozent), und die Diversifikation tut not.

Doch der Euro sank diese Woche auf ein neues Rekordtief von unter Fr.1.30. Dennoch drang die Nachricht aus Londoner Devisen-Händler-Kreisen, dass die SNB etwa via Barclay Capital Umschichtungen von Euro in Dollar vornehme. «Es wäre besser gewesen, wenn die SNB das sofort gemacht hätte. Sowohl der US- wie auch der kanadische und australische Dollar oder der Yen sind deutlich von ihren Tiefstpunkten entfernt und bergen ein Abwertungspotenzial.» Der Euro befindet sich dagegen bereits auf einen Tiefststand und die SNB realisiere mit dem Verkauf die Verluste.

Auch eine Notenbank darf kein Geld zum Fenster hinauswerfen, kritisiert Kohli weiter. «Wenn schon, wäre der Zeitpunkt für Interventionen jetzt gekommen. Im Mai ging es der Wirtschaft nicht schlechter. Doch jetzt kann die Nationalbank nicht mehr.» Die SNB hat die Euros vor allem zu Kursen von Fr. 1.50, 1.43 und zuletzt im Mai bei 1.40 gekauft. Allein in diesem Monat hat die SNB für rund 80 Milliarden Franken Euro gekauft – das sind rund 15 Prozent des BIP. «Wieso konnte man da nicht mit 1.40 Franken pro Euro leben, soll es aber jetzt bei 1.30?», moniert der ehemalige Chefökonom.

Seine grösste Sorge gilt der immensen Liquidität, welche die SNB geschaffen hat: «Das Geld ist da und treibt die Immobilienpreise vor allem im Raum Genf und Zürich, solange der Leitzins bei 0 Prozent verharrt.»

Der US-Notenbankchef Ben Bernanke hat am Freitag zwar eine Verlängerung seiner expansiven Geldpolitik in Aussicht gestellt. Entgegen der allgemeinen Erwartung einer längeren Tiefzinsphase hofft Kohli aber auf eine baldige Erhöhung der Leitzinsen: «Die SNB muss das Preisniveau wieder mit den Zinsen steuern können. Ich bin gespannt, ob die SNB den Zins im September anhebt.»

Anders als das SNB-Direktorium sieht er eine Inflationsgefahr, aber keine Deflationsgefahr. «Das Risiko einer Deflationspirale gab es für mich zu keinem Zeitpunkt», hält Kohli SNB-Präsident Philipp Hildebrand entgegen. Mit der Gefahr einer schädlichen Lohn-Preis-Abwärtsspirale rechtfertigt der seine massiven Euro-Zukäufe. «Natürlich kann die Inflation über kurze Zeit leicht negativ sein», meint Kohli. Das käme immer wieder vor und sei kein Problem. Er bezweifelt aber, dass es der SNB gelingt, mit ihren «Nationalbank-Bills» Liquidität die Geldmenge zu steuern.

Damit die SNB ihren Handlungsspielraum wieder erlangen kann, muss laut Kohli auch in Kauf genommen werden, dass der Franken kurzfristig weiter im Wert steigt. Er ist überzeugt: «Wenn die SNB konsequent vom Devisenmarkt abstinent bleibt, dann werden die Hedge Funds müde werden, und es wird eine Normalisierung geben.» Diese sieht er rund um einen Kurs von Fr. 1.40.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!