Die Ärztinnen und Besucher eilen durcheinander in der Eingangshalle des modernen Spitals Chengdu, Provinz Sichuan. Auf den Gängen warten Kranke geduldig auf ihre Behandlung, und vor der Apotheke drängt sich eine Menschentraube. In dieser Klinik wird hauptsächlich Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) angeboten, und die meisten Patienten werden eine grosse Papiertüte voller abgepackter und beschrifteter Arzneibeutelchen nach Hause tragen: In China spielt Phytotherapie, die pflanzliche Arzneimitteltherapie, eine sehr wichtige Rolle.

Auch in der Schweiz boomt Chinesische Medizin: Bei der Schweizerischen Berufsorganisation für Traditionelle Chinesische Medizin (SBO-TCM) waren ein halbes Jahr nach der Gründung im Dezember 1995 die ersten 75 Mitglieder angemeldet, heute sind 1430 Therapeutinnen und Therapeuten registriert, hinzu kommt eine unbekannte Zahl an nicht SBO-TCM-Zertifizierten. Sie bieten in mehr und mehr Praxen und Zentren einzelne oder alle der fünf chinesischen Therapieformen Arzneimitteltherapie, Akupunktur, Diätetik (Ernährungslehre), Tuina-Massage und Qi-Gong (Meditations- und Bewegungsform) an.

Was aber bringt so viele Leute im Westen dazu, sich für östliche Medizin zu begeistern? «Viele schätzen es sehr, dass sich TCM-Therapeutinnen und -Therapeuten für die Behandlung mehr Zeit nehmen können, und insgesamt wirkt die östliche Kultur auf uns wohltuend», sagt Carla Fuhlrott, Präsidentin der SBO-TCM. «Zudem sind viele Leute nicht mehr bereit, ständig Medikamente zu schlucken, sondern suchen neue Wege.» Viele Patienten seien bereits schulmedizinisch untersucht und behandelt worden, bevor sie zur ihr in die Praxis gekommen seien. Sie seien froh, dass mit der TCM «weitere gute und effektive Behandlungsmöglichkeiten» bestehen.

«Die Methoden der TCM wirken, wenn korrekt eingesetzt, oft erstaunlich schnell und anhaltend, und das trifft sowohl auf die Akupunktur und Massage wie auch auf die Arzneitherapie zu», sagt Thomas Grauer, Arzt in Zürich, der in seiner Praxis seit 30 Jahren mit TCM-Methoden arbeitet. Er vermutet, dass viele Leute grosses Vertrauen in diese Methoden setzen, weil die Chinesische Medizin im Verlaufe von Jahrhunderten viel Wissen aufbaute und dieses immer schriftlich festgehalten wurde. «Die Chinesische Medizin hat eine Antwort auf viele Themen, zu denen der westlichen Medizin nicht viel einfällt», sagt Grauer.

Tatsächlich hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest, dass die Chinesische Medizin bei mindestens 40 Erkrankungen ausgezeichnet wirkt, beispielsweise bei Beschwerden wie wiederkehrende Erkältungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Reizdarm, Migräne, Menstruationsbeschwerden und Fruchtbarkeitsstörungen, sie alle sind auf einen «gestörten Energiefluss» zurückzuführen. Bei vielen dieser Probleme bietet die westliche Schulmedizin keine dauerhafte Hilfe. Die Wirkung der rund 13 000 Heilpflanzen in der Chinesischen Medizin dagegen gilt in China dank jahrhundertelanger Erfahrung als bewiesen.

Bei uns hingegen ist vor allem Akupunktur bekannt, die chinesische Heilkräutertherapie tut sich hierzulande ein wenig schwer. Schuld daran hat unter anderem der schlechte Ruf der Arzneimittel: Meldungen über giftige oder schwermetallhaltige Arzneimittel verunsichern, obwohl manche Meldungen beim genaueren Hinsehen gar nicht Heilkräuter betreffen. Die eben erst von Greenpeace gemeldeten pestizidbelasteten «Kräuter» beispielsweise waren per Internet vertriebene Nahrungsmittel. Inzwischen hat die chinesische Regierung allerdings für den Export einen Mindestabstand zwischen Feldern und Grossfabriken oder Atomkraftwerken festgelegt.

Ausserdem haben auch Kräuterproduzenten gemerkt, dass Abnehmer aus chinesischen Grossstädten und westlichen Ländern bereit sind, für qualitativ hochwertige Produkte mehr zu bezahlen, und ihre Anbauweise entsprechend angepasst. «Seit aber die Kosten für Arbeitskräfte auf dem Land in den letzten Jahren stark angestiegen sind, sehen viele in den billigeren Herbiziden und Pestiziden eine attraktive Lösung. Nur konsequent durchgeführte Belastungskontrollen werden zutage bringen, wo zu viel gespritzt wird», sagt Nina Zhao-Seiler. Sie arbeitet seit 1998 in Zürich als TCM-Therapeutin und hat mittlerweile schon sechs Kräuterreisen in China durchgeführt: TCM-Fachleute aus der Schweiz sollen vor Ort sehen, wo ihre Heilkräuter herkommen, wie sie verarbeitet werden.

Im Hochland von Yunnan wachsen unzählige kostbare Heilpflanzen: Wu Wei Zi (Schisandra Chinensis, zur Stärkung und bei Niedergeschlagenheit), Ge Gen (Pueraria Lobata, gegen Muskelschmerzen und Erkältung) und Chong Lou (Paridis Rhizoma, fiebersenkend und schmerzstillend) – teils findet man sie versteckt in den üppigen Bergwäldern, teils werden sie auf Plantagen kultiviert. Studentinnen und Studenten der TCM-Universitäten untersuchen diese Pflanzen auf dem Feld und in Labors sorgfältig.

Sie lernen dabei, welche Inhaltsstoffe vorhanden sein müssen und wie sie optimale Qualität, aber auch unsauberes Material erkennen können: Gut ausgebildete Fachleute fallen auf Tricks nicht herein. Zur chinesischen Arzneitherapie gehören allerdings nicht nur Pflanzen: Sorgfältig hebt Professor Zizhong Yang von der Universität Dali, Provinz Yunnan, eine dicke Glasscheibe in die Höhe. Darin konserviert steckt eine handtellergrosse, haarige Spinne – pulverisiert ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kinderkrankheiten. Das haben sich die Universitäts-Mitarbeiter bei Umfragen von der Landbevölkerung erklären lassen. Jetzt untersuchen sie die Spinnenart im Labor, erforschen, welche Wirkstoffe sie und ihre Seidenfäden enthalten und wie sich diese allenfalls für chinesische Arzneien nutzen lassen.

Bei uns im Westen stellt sich jedoch eine Schwierigkeit für die chinesische Arzneitherapie: Bei den Chinesen spielen vorwiegend Yin und Yang eine Rolle und der Lebensfluss «Qi» – bei uns die Symptome. «Bei der Behandlung nach chinesischer Methode steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Krankheit», bestätigt Therapeutin Nina Zhao-Seiler. «Die jeweiligen Rezepturen werden für alle Kranken individuell zusammengestellt.» Sie zeigen zwar in der Praxis oft eine erstaunliche Wirkung, aber diese lässt sich kaum durch Wirksamkeits-Studien nach westlichem Muster belegen. Versucht man beispielsweise, einen TCM-Wirkstoff an 100 Personen zu untersuchen, wird das Ergebnis verfälscht und wenig grossartig herauskommen. Denn damit entfällt genau jenes Grundprinzip der Chinesischen Medizin, dass jeder Mensch seine individuelle Therapie braucht, um wieder ins persönliche Gleichgewicht zu kommen. Würde man umgekehrt für eine Studie 100 individuelle Wirkstoffkombinationen für 100 Patientinnen mischen, ergäbe das ein ebenso wenig aussagekräftiges Ergebnis: Niemand könnte sagen, welcher Wirkstoff genau welchen Effekt hatte. Ein bisher bei uns ungelöstes Dilemma.

«TCM funktioniert grundsätzlich anders als westliche Schulmedizin», bestätigt Brigitte Ausfeld-Hafter, TCM-Ärztin und emeritierte Dozentin an der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin (KIKOM) der Universität Bern. «Menopause» als Diagnose beispielsweise existiere nicht. «Benannt werden die verschiedenen Symptome wie Hitze, Depression oder Trockenheit, und je nachdem muss die eine Patientin eine ganz andere Wirkstoffkombination erhalten als eine andere.» Ausfeld hat in 20 Jahren an der Universität viele Studien zu chinesischer Phytotherapie durchgeführt und sagt, ein gutes Studienprotokoll anzufertigen sei aus den oben genannten Gründen «recht schwierig».

Einer, der solche Rezepturen in der Schweiz zusammenstellt, ist der Zürcher Apotheker Guido Brun, und er erklärt: «In der Praxis wird fast nie ein Arzneikraut allein eingesetzt, sondern meist wird ein sogenannter ‹Kaiser› für die Hauptsymptome verwendet und mit einem oder mehreren ‹Adjutanten› und ‹Helfern› ergänzt.» Die richtige Kombination und Dosierung entscheide über den Erfolg, sagt er, und darum rät er dringend ab, wenn jemand nach einem einzelnen Kraut fragt, von dem er im Internet gelesen hat.

Eine Ausnahme sei allenfalls Chinesische Engelwurz (Arnikawurzel) als gesunde Zutat für eine Hühnersuppe oder ein paar Goji-Beeren als Müsli-Zusatz. «Chinesische Arzneimittel hingegen werden am besten in Apotheken gekauft, die verlässliche Bezugsquellen haben», betont Brun. «Beratung, Verschreibung und Herstellen der Rezepturen müssen Fachleute durchführen.»

Für die Leute im Spital Chengdu ist das selbstverständlich, viele sind sogar bereit, für die «besonders ausgezeichneten Ärztinnen und Ärzte» im fünften Stock etwas mehr zu bezahlen. Vor der Apotheke packen die Wartenden ruhig ihre Papiertüten voller kleiner Portionenbeutelchen mit Arzneimitteln ein, bezahlen sie beim Kassenpult und tragen sie nach Hause. Sie wissen, sollte ihnen die chinesische Therapie nicht innert ein paar Wochen helfen, können ihre Ärzte auf westliche Schulmedizin zurückgreifen, deren Grundkenntnisse sie in ihrem Studium auch gelernt haben: In China funktioniert östliche und westliche Medizin gut nebeneinander.

Zu dieser Reise wurde die «Schweiz am Sonntag» von der Schweizerischen Berufsorganisation für Traditionelle Chinesische Medizin SBO-TCM (www.sbo-tcm.ch) eingeladen. Informationen zu Kräuter- und Teereisen unter www.tcmherbs.org

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