Belegt ist die Episode nicht. Doch sie gilt als gut gestützt. Als Uefa-Präsident Michel Platini vor zweieinhalb Jahren das Kiewer Olympia-Stadion besichtigte, stand ein einziger Bagger im Stadion, sonst nichts. «Was tun Sie, wenn es für die Euro nicht rechtzeitig fertig wird?», fragte er Grigori Surkis, den Präsidenten des ukrainischen Fussballverbands (FFU). Surkis’ trockene Entgegnung: «Then I kill the manager.» Den Worten folgte betretenes Schweigen. Die Anwesenden spürten: Das war keine leere Worthülse des Oligarchen. Sondern eine ernst zu nehmende Drohung.

Grigori und Igor Surkis, besser bekannt als die beiden schwerreichen Surkis-Brüder, kontrollieren nicht nur den FFU, sondern auch den Hauptstadtklub Dynamo Kiew. Und vor allem sollen sie 2007 für Platinis Wahl zum Uefa-Präsidenten die Stimmen der osteuropäischen Fussballverbände gekauft haben. FFU-Präsident Surkis gelte als «wichtigster osteuropäischer Verbündeter» Platinis, schreibt auch Olaf Sundermeyer, Autor des Buches «Tor zum Osten».

Das verpflichtet. Während die Uefa der Schweiz 2008 wegen kleiner Meinungsverschiedenheiten offiziell drohte, die Euro 08 zu entziehen, schwieg Platini in Sachen Ukraine trotz gravierender Missstände – bis auf einen Punkt: Angesichts der schwindelerregenden Hotelpreise, die sich ums 85-fache erhöht haben, geisselte er die Verantwortlichen als «Banditen und Gauner». Gemäss «Spiegel Online» hatte die «Luschniki»-Bande das Hotel Slawutitisch in Kiew gar stürmen lassen, um es in ihre Kontrolle zu bringen. Sie ist ein für Auftragsmorde berüchtigtes Verbrechersyndikat.

Ein Schweizer Experte hat vor Ort eigene, wenig erfreuliche Erfahrungen machen müssen, wie er erzählt. Er wollte für 30 holländische Gäste einen Ausflug nach Charkiw organisieren. Dort kommt es am 13. Juni zum Knüller Holland gegen Deutschland. Die exorbitanten Hotelpreise machten ihm aber einen Strich durch die Rechnung. «Für ein Zimmer in einem Zweisternehotel hätten wir 1250 Euro hinblättern müssen», sagt er. Normaler Tarif des Hotels: 100 Euro.

Die Reise wurde annulliert. Und die holländische Nationalmannschaft, die ihre Gruppenspiele in Charkiw austrägt, logiert in Polen. Sie jettet lediglich für die Partien selbst in die zweitgrösste ukrainische Stadt im Nordosten.

Wie besorgt die Holländer über die Situation vor Ort sind, zeigt die Tatsache, dass sie sich den Schutz des mächten Oligarchen Alexander Jaroslawski gesichert haben. Dieser finanziert den lokalen Fussballklub Metalist Charkiw.

Es sind die Oligarchen, die in der Ukraine den Fussball kontrollieren. Ihnen gehören Spieler, Klubs, Zeitungen, Fernsehsender und Übertragungsrechte, wie Buchautor Sundermeyer schreibt. Auch Rinat Achmetow ist ein wichtiger Medienunternehmer. Er ist der einflussreichste Oligarch, Förderer von Präsident Janukowitsch und Eigentümer des Klubs Schachtar Donezk. Nebenbei setzte er gleich noch einige der grössten Bauaufträge persönlich um.

Ukrainische Journalisten können solche Missstände praktisch nicht thematisieren. Zu gefährlich wäre das. Alleine 2011 gab es gemäss «Reporter ohne Grenzen» 35 tätliche Angriffe auf Journalisten. In der Rangliste der Pressefreiheit liegt die Ukraine auf Platz 116.

Mit der Situation um Julia Timoschenko, die im Gefängnis geschlagen worden sein soll, eskalierte nun die politische Situation. Insider berichten, in der Uefa sei von ganz oben ein Maulkorb verhängt worden. Martin Kallen, Schweizer Uefa-Verantwortlicher für die Euro, meldet sich selbst bei Freunden nicht mehr. Die Situation drohe ihm über den Kopf zu wachsen, sagen sie.

Nicht alles in der Ukraine sei schlecht, betont aber GLP-Präsident Martin Bäumle, ein Kenner des Landes. «Die Ukraine ist eine noch junge Demokratie mit vielen positiven Entwicklungen, aber auch Schattenseiten», sagt er, der vorletzte Woche für 26 Jahre Tschernobyl in Kiew weilte. «Sie ist im Umbruch.» Darin müsse man sie unterstützen. Bäumle zieht gar einen Vergleich mit Italien. «Die EM in der Ukraine wird funktionieren, wie auch die Olympischen Winterspiele in Turin funktionierten», glaubt er. «Ist Italien so viel besser?», fragt er rhetorisch. «In Italien sass der ‹Oligarch› selber in der Regierung.» Und zahlreiche Medien kontrollierte er.

Ein Boykott sei nicht der richtige Weg, betont auch Matthias Remund, Chef des Bundesamts für Sport. So behebe man keine Demokratisierungsdefizite, sagt er. «Gespräche führen ist besser als boykottieren. Staatschefs, Minister und Spitzenbeamte, die solche Anlässe besuchen, haben in der VIP-Zone viele Gelegenheiten zu persönlichen Gesprächen.» Damit könne man viel erreichen.

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