Die Schweiz war schon sehr früh im Bild über Gräueltaten der Nazis gegen die Juden. Diese Erkenntnis von Historikern stützen Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, die erst jetzt an die breite Öffentlichkeit gelangen. Sie dokumentieren, wie Polen an der russischen Front hingerichtet und wie Leichen von Juden aus deutschen Güterzügen entladen werden.

Es war Franz Rudolph von Weiss, der Schweizer Generalkonsul von Köln, der diese Bilder «streng vertraulich» an Roger Masson sandte, den Chef des Schweizer Nachrichtendienstes – und zwar am 14. Mai 1942. Kurz bevor der Bundesrat im August 1942 die Flüchtlingspolitik verschärfte: Juden wurden fortan konsequent zurückgewiesen – und in den sicheren Tod geschickt.

Die Schweiz war besser über die Gräuel informiert als die Grossmächte USA und Grossbritannien, die gegen Hitler Krieg führten. Hätte der Bundesrat die USA und Grossbritannien über sein Wissen informiert, «hätte die Schweiz die Zeit des Zögerns um mehrere Monate verkürzen können», schreibt Historiker Gaston Haas.

Einen Teil der Fotografien von 1942 machte die «Tagesschau» am Wochenende publik, «Der Sonntag» druckt nun als erste Zeitung fünf Bilder ab. Diese seien «eine erschütternde Quelle», sagt Sacha Zala, Direktor der Forschungsgruppe Diplomatische Dienste der Schweiz (DDS). «Die Fotografien zeigten dem Nachrichtendienst ein zunehmend klares Bild der Massenmorde und Gräueltaten, die stattfanden.»

Weshalb aber wurden die Bilddokumente der Öffentlichkeit bis jetzt vorenthalten? «Wir kannten diese und viele weitere Fotos», sagt Jakob Tanner, Historiker der Universität Zürich und Mitglied der Bergier-Kommission, welche die Rolle der Schweiz im Weltkrieg aufgearbeitet hat. Aus Gründen des «Rechercheaufwandes» und fehlender Ressourcen habe man damals aber verzichtet, die Bilder zu publizieren.

Die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Weltkriegs erscheint in zunehmend dunklerem Licht; auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga äusserte sich diese Woche dazu sehr kritisch. Dazu passen schockierende Protokolle aus dem Jahr 1942: Schülerinnen einer Rorschacher Klasse wurden wie in einer Diktatur stundenlang verhört, nachdem sie es gewagt hatten, dem Bundesrat einen kritischen Brief zur Ausweisung von Juden zu schreiben.

Das Verhör-Protokoll: http://www.dodis.ch/35365

E-Dossier: http://www.dodis.ch/dds/8

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