Rund zwei Wochen nach dem Fleisch-Skandal bei Coop kündigt die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), Sara Stalder, an: «Wir wollen den Begriff des Mindesthaltbarkeitsdatums neu definieren. Wir wollen diese absolute Aussage korrigieren.» Konkret heisst das: Statt bisher drei Daten «zu verkaufen bis», «zu verbrauchen bis» und «mindestens haltbar bis» soll es künftig nur noch ein Datum geben, das besagt: Dieses Lebensmittel ist am besten vor diesem bestimmten Tag, analog zum Englischen «best before». «Der Konsument soll wissen: Bis dahin sollte ich es verbrauchen», sagt Stalder. Demnächst will die SKS einen entsprechenden Vorstoss in Bern einreichen.

Sara Stalder prangert die Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln an: «Bei uns sind die Qualitätsansprüche an Nahrung extrem hoch. Nur die schönsten Äpfel kommen in den Verkauf, die anderen werden verarbeitet oder weggeworfen», sagt sie. «Dies ist ein Wohlstandssymptom, ein sehr verwerfliches und dekadentes, wie ich finde.» Auch würden die Leute zu sehr auf technische Vorgaben hören, wenn es darum geht, ob ein Lebensmittel noch gut ist oder nicht: «Wir müssen wieder mehr mit den Sinnen entscheiden, wie lang ein Produkt geniessbar ist», sagt Sara Stalder.

Derzeit erarbeitet die Stiftung für Konsumentenschutz die Details für die geplante Neuregelung. Das neue Datum muss auch mit der EU-Gesetzgebung vereinbar sein – was die Sache erschwert. In Bern aber findet der Vorschlag Unterstützung: «Das Ablaufdatum ist zu absolut gehalten», sagt Nationalrätin Ruth Humbel (CVP/AG), Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. «Die Daten spielen mit der Angst der Leute. Viele Lebensmittel sind auch noch nach Verfalldatum geniessbar. Ich begrüsse deshalb eine Neupositionierung des Haltbarkeitsdatums.»

Dass die derzeitige Etikettierung von Lebensmitteln nicht immer sinnvoll ist, zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Waren, die im Laden nicht mehr verkauft werden dürfen, an wohltätige Organisationen abgegeben werden. Die Grossverteiler und Hersteller liefern solche Lebensmittel an die Schweizer Tafeln, Tischlein Deck dich und die Caritas-Märkte. Diese wiederum verteilen die Waren, die das Verkaufsdatum überschritten haben, die aber noch gut sind, an Bedürftige, an Asylbewerberheime, Frauenhäuser und Arme.

«Die Wegwerfmentalität in puncto Lebensmittel ist eine Krankheit, mit der wir seit Jahren kämpfen», sagt Rolf Maurer, Geschäftsführer der Caritas-Märkte. Noch immer werde in der Schweiz viel zu viel weggeschmissen. Doch was noch störender sei: «Einige Firmen, die uns ihre Waren abgeben könnten, weigern sich, dies zu tun.» Die einen wollten nicht, dass ihre Produkte in den Caritas-Märkten im Regal stehen. Andere wieder sagen, entweder verkaufen wir die Ware oder wir schmeissen sie weg. Rolf Maurer: «Da gibt es noch grosses Potenzial.»

Das sieht auch Konsumentenschützerin Stalder so. Die Abschaffung des Verfalldatums sei nur ein Weg. Gleichzeitig müssten Detailhändler und Konsumenten umdenken: «Warum muss eine Viertelstunde vor Ladenschluss noch jedes Brot im Brotregal sein?», fragt Stalder. «Da wird unweigerlich viel Abfallware produziert.» Die Detailhändler müssten deshalb jede Quelle ausfindig machen, die ihnen die Waren, die sie nicht mehr verkaufen, für Bedürftige abnimmt.»

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