Die Dankbarkeit des gebürtigen Deutschen ging bis über den Tod hinaus. «Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Exit bedanken, die mich am Montagnachmittag von meinen Qualen erlöst und auf dem schweren Weg begleitet haben», schrieb Konietzka in der selbst verfassten Todesanzeige. Erst danach werden Frau, Kinder und Enkelkinder genannt.

Konsequent bis zum letzten Atemzug stand der 73-Jährige mit Name und Gesicht für Exit ein. Das zeigt nun Wirkung. «Wir haben weit über 100 E-Mails aus Deutschland bekommen von kranken Menschen, die wie Timo Konietzka mit einem Sterbemedikament friedlich einschlafen möchten», sagt Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter dem «Sonntag». Die meisten Patienten, die sich meldeten, hätten von Konietzkas freiwilligem Abschied aus dem deutschen Fernsehen oder aus dem Internet erfahren. Er war seit 2001 Mitglied von Exit und litt an Gallen-Krebs. Zu Hause in Brunnen SZ schluckte Konietzka den Todes-Cocktail Natrium-Pentobarbital.

Sein Tod hat einen Ansturm auf Exit ausgelöst. «Aus der Schweiz sind durchschnittlich 60 Anmeldungen pro Tag eingegangen von Menschen, die Mitglied werden», sagt Vizepräsident Sutter. Aus Deutschland gab es pro Tag bis zu 10 Telefonanrufe und durchschnittlich 30 Anfragen per E-Email. Weil nur Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz bei Exit Mitglied werden können, führe dies zu «herzzerreissenden Telefonaten». Viele Deutsche fragen, ob nicht eine Ausnahme gemacht werden könne – was laut Sutter nicht geschieht: «Wir verweisen nicht direkt auf andere Organisationen und arbeiten auch nicht mit Dignitas zusammen.» Das Verhältnis zwischen den Sterbehilfeorganisationen habe sich aber «entkrampft».

Das bestätigt auch Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli: «Wir haben kein Konkurrenzverhältnis.» Dignitas hat im letzten Jahr 144 Menschen in den Tod begleitet. Nur fünf davon kamen aus der Schweiz, die meisten stammten aus Deutschland, Grossbritannien und Frankreich. Exit hat im selben Zeitraum 305 Menschen bei ihrem Freitod betreut. Im Vorjahr waren es noch 257 gewesen. Auf die Auswirkungen von Konietzkas Freitod für Dignitas angesprochen, sagt Minelli lediglich: «Dadurch erfahren Leute, die noch nie von diesen Organisationen gehört haben, dass es sie gibt.»

Tatsache aber ist: Durch die rigorose Ablehnung ausländischer Sterbewilliger bei Exit werden die meisten Anfragen mehrheitlich bei Dignitas landen.

Nach den 6000 Neueintritten bei Exit im letzten Jahr geht es bei der Mitgliederzahl weiter in grossen Schritten vorwärts. «Es wird nun eine Generation älter, die es sich gewohnt ist, selbstbestimmt zu leben – und ihren Entscheid nicht von einem Arzt oder einem Pfarrer abhängig macht», sagt Sutter. Die enorme Nachfrage bei den Sterbehilfeorganisationen ist schlicht auch eine Frage der Demografie: Die Menschen werden immer älter.

Im Fall von Konietzkas Freitod hat Exit, wie es Sutter formuliert, «die Publizität nicht gesucht». Freitodbegleitungen würden absolut diskret behandelt. «Ob darüber kommuniziert wird, liegt allein im Ermächtnis des Kranken und seiner Familie.» Genau das war jedoch Konietzka ein grosses Anliegen. So gesehen war er für Exit bei aller Tragik ein Glücksfall, wie der Vorsitzende der international tätigen Werbeagentur Saatchi und Saatchi Schweiz, Pedro Simko, sagt: «Persönlichkeiten helfen, eine Marke oder Organisation bekannter zu machen und Vertrauen zu schaffen.» Noch entscheidender seien aber die Medien als Multiplikator.» Als Vergleich nennt Simko die Schauspielerin Cindy Crawford, die für Omega als Botschafterin tätig ist: «Der Effekt ist der gleiche wie bei Konietzka für Exit.»

Zum jetzigen Run führten aber auch irreführende Medienberichte in Deutschland. So wurde der Eindruck erweckt, in der Schweiz sei aktive Sterbehilfe erlaubt. Das ist falsch. Zugelassen ist hingegen Beihilfe zum Selbstmord. So wie bei Timo Konietzka.

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