VON NADJA PASTEGA

Die steigende Kriminalität schlägt voll auf die Strafanstalten durch. Viele Schweizer Gefängnisse sind brechend voll. In der Genfer Strafanstalt Champ-Dollon erreichte die Überbelegung 2009 einen neuen Rekordwert: «Die Auslastung betrug durchschnittlich 186 Prozent», sagt Sahra Leyvraz-Currat vom Amt für Strafvollzug des Kantons Genf. Champ-Dollon verfügt über 270 feste Plätze, das entspricht jährlich 98 550 Übernachtungen. Im letzten Jahr schnellte die Zahl auf die Rekordhöhe von 183 310 Übernachtungen. Abhilfe schufen zusätzliche Betten: In Einerzellen sitzen die Häftlinge zu zweit, in Dreierzellen zu fünft.

Der Kollaps droht auch den Gefängnissen im Kanton Waadt. Die Anstalten bieten feste Plätze für 232 000 Hafttage. Im letzten Jahr sassen die Gefangenen aber 260 000 Tage ab – eine Überbelegung von 12 Prozent.

Dramatisch ist die Situation vor allem im Gefängnis Bois-Mermet in Lausanne, wo die Auslastung zeitweise auf 170 Prozent kletterte. In der Anstalt la Croisée in Orbe lag sie im Schnitt bei 138 Prozent. «Die Zellen wurden mit Zusatzbetten ausgerüstet, in Spitzenzeiten sogar mit Matratzen am Boden», sagt Catherine Martin, Chefin Strafvollzug im Kanton Waadt.

Um den Häftlingsansturm zu stoppen, überwiesen die Waadtländer Strafanstalten einen Teil der Häftlinge in andere Kantone. Problematisch ist insbesondere, dass Freiheitsstrafen verschoben werden mussten: «Die Umwandlung von Bussen in Haftstrafen wurde momentan unterbrochen», sagt Martin.

Angespannt ist die Lage auch in den Gefängnissen und Strafanstalten anderer Kantone:

Zürich: Die geschlossenen Abteilungen der Gefängnisse waren ab Herbst überbelegt. Die Auslastung lag im Jahresschnitt bei 99 Prozent. Für die geschlossene Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf gibt es Wartelisten mit bis zu 70 Häftlingen.

Bern: Im Regionalgefängnis der Stadt Bern mit 129 Plätzen stieg die Belegung auf 107 Prozent. 9 Notbetten wurden in Betrieb genommen, dazu wurden Arbeitsräume in Zellen umgerüstet.

Aargau: An einzelnen Tagen waren alle 235 Plätze in den Bezirksgefängnissen und in der geschlossenen Strafanstalt Lenzburg belegt. In Lenzburg stieg die Auslastung von 95 auf 97 Prozent.

Thurgau: Aktuell sind 55 von 56 Plätzen besetzt.

In den Regionalgefängnissen sitzen viele Untersuchungshäftlinge. «Hier sollte die Belegung 90 Prozent nicht übersteigen, damit man auf Entwicklungen rasch regieren kann», sagt Marlise Pfander, Direktorin des Regionalgefängnisses Bern. Die 90-Prozent-Limite ist aber in vielen Gefängnissen überschritten.

Überbelegungen bergen Sicherheitsrisiken. «Das kann zu einem Anstieg von Gewaltsituationen führen», sagt Pascal Payllier, Chef Abteilung Strafrecht im Innendepartement des Kantons Aargau. «Auch der Drogenkonsum kann bei Überbelegungen zunehmen.»

Der «Boom» in den Haftanstalten habe vor allem mit der «enorm» gestiegenen Zahl von verwahrten Straftätern zu tun, sagt Felix Bänziger, stellvertretender Generalprokurator im Kanton Bern: «Schwere Gewalttäter, die als nicht therapierbar gelten, lässt man heute praktisch nicht mehr raus.» Das führe zu einem Rückstau in den Untersuchungsgefängnissen, da Häftlinge aus Platzmangel nicht mehr in geschlossene Vollzugsanstalten überwiesen werden können.

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