Unmenschlich», «beschämend»: Dass Asylbewerber künftig nur noch 6 bis 10 Franken pro Tag erhalten sollen, mobilisiert die grossen Religionsgemeinschaften der Schweiz. Mehrheiten von SVP, FDP und CVP haben diese Woche im Nationalrat das Asylrecht verschärft – gegen den Willen des Bundesrats und der Linken. Jetzt regt sich unerwartet deutlicher Widerstand, und zwar gleich von vier Religionsgemeinschaften. Sie sind nicht bereit, einfach so zur Tagesordnung überzugehen.

Römisch-Katholiken: Abt Martin Werlen bezeichnet die Streichung der Sozialhilfe als «beschämend». Und Felix Gmür, der Bischof von Basel, warnt die Politik davor, «Ängste zu schüren».

Juden: Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), kritisiert: «Die neuen Massnahmen widersprechen der langjährigen Tradition der Schweiz, den Flüchtlingen mit Menschenwürde zu begegnen.»

Reformierte: Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund erwartet, dass der Ständerat die Nationalratsbeschlüsse korrigiert und «zugunsten eines menschenwürdigen Asylrechts» berät.

Christkatholiken: Bischof Harald Rein sagt: «Die Massnahmen sind nicht nur unmenschlich, sondern sie verstossen auch gegen die humanitäre Tradition der Schweiz.»

Der Nationalrat hat beschlossen, dass Asylbewerber künftig nur noch Nothilfe (6 bis 10 Franken pro Tag fürs Essen) und keine Sozialhilfe mehr erhalten sollen. Zudem sollen Militärdienstverweigerer nicht mehr als Flüchtlinge gelten.

Heute feiern diese vier Religionsgemeinschaften gemeinsam den «Flüchtlingssonntag». In ihrem Aufruf heisst es: »Die Achtung der Menschenwürde jeder Person, ungeachtet ihrer Rasse, Sprache, Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Stellung gehört zu den Grundsätzen unseres Staates und unserer Kultur.»

Die Hoffnung der Kirche liegt nun beim Ständerat, der im Herbst die Asylrechtsrevision beraten wird. Insbesondere die CVP, die im Nationalrat grossmehrheitlich auf SVP-Linie war, steht im Ständerat unter Druck. Abt Martin Werlen sagt mit Blick auf die Christdemokraten: «Man glaubt, es sei erfolgversprechender bei der Wählerschaft, sich gegen die eigenen Prinzipien zu stellen. Das halte ich für bedenklich: Man versucht, sich auf Kosten von Menschen in Not zu profilieren.»

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