Tomke König ist Professorin. Sie arbeitet, genauso wie ihr Mann, Vollzeit. König habilitiert an der Universität Basel, vertritt eine Professur an der Universität Bielefeld – und sie ist Mutter von zwei Kindern im Alter von fünf und vier Jahren. Kinder und Karriere vereinbart die Soziologin mithilfe ihres Mannes, zweier Ganztagesplätze im Kindergarten und eines Kindermädchens. «Ich bin froh, dass meine beiden Kinder mein Leben als Wissenschaftlerin häufig aus der Balance bringen», sagt König, die selbst zum Thema Kind und Karriere forscht. «Das häufig bemühte schlechte Gewissen der Frauen spielt in dieser Perspektive keine Rolle.»

Mit dieser Haltung ist König nicht allein. In einer neuen Studie des britischen Social Issues Research Centres im Auftrag von Procter & Gamble, die dem «Sonntag» vorliegt, gab ein Viertel aller Schweizer Mütter an, überhaupt keine Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern zu haben. Lediglich zwei Prozent gaben an, ein extrem schlechtes Gewissen zu haben. Damit haben Mütter hierzulande im europäischen Vergleich am seltensten Schuldgefühle. Gleichzeitig wird in der Studie auch deutlich: Mütter, die Vollzeit arbeiten, haben häufiger ein schlechtes Gewissen als solche, die nur Teilzeit arbeiten. 31 Prozent der Mamas, die Vollzeit arbeiten, gaben an, grosse bis sehr grosse Schuldgefühle zu haben. Bei den Müttern, die Teilzeit arbeiten, waren es lediglich 23 Prozent.

Eine neue Frauenbewegung sagt dem bisher obligatorischen schlechten Gewissen nun den Kampf an. In ihrem neuen Buch «Macho Mamas» beklagen die Journalistinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger: «Das schlechte Gewissen ist zum Erkennungsmerkmal einer ganzen Frauengeneration geworden.» Schuld daran sind Mutterbilder und Normen, die sich in den Köpfen der Gesellschaft festgebrannt haben. Die perfekte Mutter kann alles und macht alles: Sie kümmert sich liebevoll um die Kinder, kocht, putzt, wäscht und bäckt – und sieht dabei immer gut aus. Nebenbei arbeitet sie ein bisschen im Büro. Und sie ist ihrem Mann eine hingebungsvolle Ehefrau – die ihm den Rücken freihält und dafür sorgt, dass er sich voll auf seine Karriere konzentrieren kann.

Gegen eben diese Bilder kämpfen Althaus und Binswanger – und mit ihnen eine ganze Generation von Frauen. Es geht um die Entmystifizierung der Mutter-Rolle. Und um die Emanzipation 2.0. Denn die Frauenbewegung des letzten Jahrhunderts hat zwar die Gleichstellung in fast allen Lebensbereichen erreicht. Die Mutterschaft aber bleibt für die meisten Frauen die letzte und bisher unausweichliche Karrierebremse. Weil die meisten Chefs nicht damit rechnen, dass auch Mütter Karriere machen können und wollen – und weil sich die Mamas selbst nicht zutrauen, Kinder und Karriere in der heutigen Arbeitswelt unter einen Hut zu bekommen.

«Den modernen Müttern stehen nicht mehr die Männer im Weg, sondern der gefühlte oder eingelöste Kinderwunsch», konstatieren Althaus und Binswanger, die mit dem Mama-Blog auf «Tages-Anzeiger»-Online bekannt wurden. «Während kinderlose Frauen heute genauso Karriere machen können wie kinderlose Männer oder Väter, gelingt das den Müttern praktisch nicht.»

Um das zu ändern, bedienen die Journalistinnen, die je zwei Kinder haben und sich selbst als Karrieremütter bezeichnen, das Klischee des Machos: Der sich nimmt, was er will, ohne Rücksicht auf Verluste. Der über eine gesunde Portion Eitelkeit verfügt und der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt. Althaus und Binswanger wollen Frauen ermutigen, sich etwas zuzutrauen – in Zeiten, in denen Frauen mindestens so gut und manchmal sogar besser ausgebildet sind als Männer.

Ihre Lösungsvorschläge: Die Arbeitswelt muss mehr auf die Bedürfnisse der Mütter eingehen. Und sie nicht gleich abschreiben, wenn sie beruflich etwas zurückstecken, solange die Kinder klein sind. «Was junge Eltern brauchen, sind Arbeitsmodelle, die Rücksicht nehmen auf die intensiven ersten Kleinkinderjahre, und Karrieremodelle, die darüber hinausschauen», schreiben Althaus und Binswanger. Denn: Die Wirtschaft könne es auf lange Sicht sich nicht leisten, gut qualifizierte Frauen zu verlieren, nur weil sie Mütter werden.

Doch die Veränderung der Arbeitswelt ist nur das eine Element auf dem Weg zur totalen Gleichstellung. Wer die Rolle der Mutter radikal neu definiert, verändert auch zwangsläufig die des Vaters. Die neuen Väter sind längst nicht mehr Alleinverdiener. Sondern solche, die ebenfalls alles machen: Windeln wechseln, arbeiten, Kinder hüten und Wäsche waschen.

«Die Väter müssen endlich mitanpacken und in der Rolle des aktiven Vaters das Selbstvertrauen entdecken, mit dem sie den Macho-Mamas Paroli und Partnerschaft bieten können», fordern Althaus und Binswanger. «Der neue Vater ist das fehlende Stück der Emanzipation.» Dass es dabei für die neuen Männer nicht einfach ist, ihre Rolle zu finden, geben die Autorinnen zu – und sind gleichzeitig zuversichtlich, dass es schon irgendwie klappen wird.

Ohnehin ist für das Befinden der anderen kaum Platz in der Streitschrift der neuen Emanzipation. Deshalb bleibt nur noch die Frage: Wenn die Kinder da sind und die Karriere gemacht ist – sind die Macho-Mamas dann glücklicher als andere? Eindeutig ist die Antwort von Nicole Althaus und Michèle Binswanger nicht: «Das Leben als Karrieremutter ist nicht das reine Glück. Es ist meist anstrengend, oft hektisch und nicht selten nervenaufreibend. Aber es ist fast immer befriedigend und nie langweilig.»

Michèle Binswanger, Nicole Althaus: Macho Mamas, Nagel & Kimche 2012.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!