Verliebt, verlobt, verheiratet – das war einmal. Immer mehr Kinder kommen in der Schweiz unehelich zur Welt. Von insgesamt 82 164 Babys hatten vergangenes Jahr 14 268 eine ledige Mutter. Die Zahl steigt seit Jahren kontinuierlich an, während sich der Anteil der verheirateten Mütter eingependelt hat.

Wird ein Kind in ein Konkubinat geboren, muss der Vater vor oder nach der Geburt seine Vaterschaft auf dem Zivilstandsamt anerkennen. 16 234 Männer haben das 2012 gemacht – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

«Früher war es ein gesellschaftlicher Nachteil, unverheiratet ein Kind zu gebären. Nicht selten wurden Mütter sozial geächtet», sagt Alexandra Rumo-Jungo, Familienrechtsexpertin an der Universität Freiburg. Diese Zeiten scheinen vorbei. «Es gibt zunehmend Paare, die sich bewusst entscheiden, nicht zu heiraten und trotzdem eine Familie zu gründen.»

Besonders in den grossen Städten Zürich, Genf und Basel zeichnet sich dieser Trend ab. Anders sieht es in den ländlichen Kantonen aus. «Offenbar überwiegt hier noch ein eher konservatives Familienbild mit Ehe und klassischer Arbeitsteilung. Dagegen halten junge, progressive, gut ausgebildete und daher auch finanziell eigenständige Menschen, die häufig in den Städten wohnen, das klassische Ehemodell für ihre Situation nicht für passend und notwendig.»

Kinder ja, Ehe nein. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Zeitpunkt der Vaterschaftsanerkennungen wider. Seit 2006 unternehmen die Väter diesen Schritt bereits während der Schwangerschaft. 9370 machten es vergangenes Jahr so. 6864 anerkannten ihr Kind nach der Geburt. «Das hängt wohl auch damit zusammen, dass bei einer Anerkennung vor der Geburt die Räder der Vormundschaftsbehörde nicht schon zu laufen beginnen», sagt Rumo-Jungo.

Bekommt eine ledige Frau ein Baby, gelangt automatisch eine Meldung an die Kindesschutzbehörde – ehemals Vormundschaftsbehörde. Und bekennt sich innerhalb von einem bis drei Monaten kein Mann als Vater, erhält das Kind einen Beistand. Dieser soll helfen, die Fragen der Vaterschaft und auch des Unterhalts zu klären – wenn nötig mit einem Prozess.

In 1068 Fällen wurde die Kindesschutzbehörde aktiv. «Bei einigen Fällen geht es darum, dass sich Väter weigern, zum Kind zu stehen und Unterhalt zu zahlen. Es kommt aber auch vor, dass ein Vater das Kind anerkennen möchte, aber beispielsweise als Asylbewerber die nötigen Dokumente nicht vorweisen kann», sagt Diana Wider, Generalsekretärin der Konferenz der Kantone für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes).

Wie Recherchen zeigen, findet künftig die automatische Benachrichtigung bei einem unehelichen Kind an die Kindesschutzbehörde nicht mehr statt. Im Rahmen der Revision des Sorgerechts wurde der Artikel 309 «Feststellung der Vaterschaft» aus dem ZGB gestrichen. «Man sah in der Beistandschaft eine Diskriminierung für unverheiratete Mütter. Die Änderung benachteiligt nun unter Umständen die Kinder, denn es wird nicht automatisch versucht, den Vater ausfindig zu machen. Dabei hätte «jedes Kind ein Recht darauf», ist Wider überzeugt.

Bestreitet ein Mann die Vaterschaft, ist ein DNA-Test unausweichlich. In der Schweiz bieten elf vom Bund anerkannte Laboratorien Vaterschaftsabklärungen an. 1331 offizielle Tests wurden dort 2012 durchgeführt, rund 200 mehr als vor fünf Jahren. Bei rund 10 Prozent der Untersuchungen kommt ein «falscher Vater» zum Vorschein. Das stellt Christoph Noppen, Leiter Genetik und Molekularbiologie vom anerkannten Labor Viollier in Basel, fest. Über 100 Genprofile analysiert das Labor jährlich.

Noppen muss immer wieder Interessierte abweisen. «In drei Viertel der Fälle kommt ein Test nicht zustande. Viele Männer wollen ihre angeblich untreue Frau testen, doch heimliche Vaterschaftstests sind verboten», sagt Noppen. Und Rumo-Jungo stellt fest: «Männer wollen vermehrt die Frage geklärt haben, ob das Kind, das sie grossziehen, auch wirklich ihr Kind ist.» Es wird geschätzt, dass in der Schweiz etwa 5 Prozent Kuckuckskinder leben.

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