Jetzt sagt Beda M. Stadler, Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern: «Eine EHEC-Epidemie kann es auch in der Schweiz geben.» Er provoziert mit der Aussage: «An Bio-Gemüse kann man sterben, was beim Gen-Food bisher nicht der Fall war.»

Bio ist Trend und roh ist schick. Je naturbelassener und unbehandelter, desto besser – findet der Konsument. Mit dem Killer-Keim in Deutschland ist eine heftige Debatte um Bio-Produkte entbrannt. Die EHEC-Bakterien wurden auch durch spanische Bio-Gurken importiert.

Die gefährliche Durchfallerkrankung führte bereits zu zehn Todesopfern. In der Schweiz ist eine Frau nach der Rückkehr aus Norddeutschland, wo sie sich an einem Salatbuffet bediente, an EHEC erkrankt. Zwei weitere Verdachtsfälle werden laut «Sonntag»-Recherchen abgeklärt. Fälle werden auch aus Österreich, Schweden, Dänemark, Grossbritannien und den Niederlanden gemeldet.

Natur pur sei «nicht zwingend gesund», sagt Immunologe Stadler. Eine der häufigsten Todesursachen im Mittelalter seien verdorbene Lebensmittel gewesen: «Ich hoffe nicht, dass wir in diese Zeiten zurückfallen.» Die EHEC-Bakterien kommen im Darm von Wiederkäuern vor. Der Erreger könnte durch Gülle in die kontaminierten Lebensmittel gelangt sein. «Gülle ist die normalste Verbreitung solcher Bakterien und wird nun mal oft von Bio-Bauern eingesetzt», sagt Stadler. Er stellt die Hygiene-Standards auf Bio-Betrieben infrage und frotzelt: «Ein dreckiges Rüebli ist für viele Menschen ein Qualitätsmerkmal.»

Diese Aussagen ärgern den Dachverband der Schweizer Bio-Produzenten, Bio Suisse. «Über Öko-Landbau und Bio-Lebensmittel sind viele Halbwahrheiten im Umlauf. Die Hygiene ist genauso gewährleitstet wie bei konventionellen Betrieben», sagt Sabine Lubow von Bio Suisse. Ihr seien keine Fälle bekannt, bei denen in der Schweiz auf Bio-Betrieben der EHEC-Erreger festgestellt worden wäre. Eine europäische Studie, an der sich das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick AG beteiligt habe, zeige, «dass die Mehrheit der Bio-Gemüsebauer heute Bio-Handelsdünger verwendet».

Doch es gibt schwarze Schafe unter den 5800 Schweizer Bio-Betrieben. Rund 200 Sanktionen hat die Inspektions- und Zertifizierungsstelle Bio Inspecta im letzten Jahr ausgesprochen. Dabei wurden Verstösse festgestellt, die sowohl die Stallhaltung als auch den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel betrafen. Drei Bio-Betrieben wurde 2010 der Status aberkannt. Für die Tatsache, dass die Zahl der Sanktionen innert fünf Jahren um fast die Hälfte gesunken ist, hat Bio-Inspecta-Geschäftsführer Ueli Steiner eine Erklärung bereit: «Die Bio-Bauern wissen mehr, auf was sie schauen müssen.» Es sei ein «kontinuierlicher Verbesserungsprozess» im Gang.

EHEC-Risiken gibt es bei der Verarbeitung von unpasteurisiertem Apfelsaft, nicht erhitzter Rohmilch oder rohem Blattgemüse wie Spinat und Sprossen. Grundsätzlich sei neben den jährlichen Kontrollen in Bio-Betrieben die dauernde Überprüfung der gelieferten Produkte fast wichtiger, sagt Hans Schneebeli von der Fachstelle Lebensmittelsicherheit an der Zürcher Landwirtschaftsschule Strickhof. Bei den Grossverteilern bleiben denn auch Bio-Produkte in den internen Kontrollen hängen.

Erstaunlich: Die kantonalen Lebensmittelbehörden führen zu den Hygienekontrollen keine getrennten Statistiken über Bio- und konventionelle Betriebe. Mehrere angefragte Kantonschemiker würden dies begrüssen. Derweil schliesst der Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte, Chung-Yol Lee, eine EHEC-Epidemie nicht aus, «sollten entgegen den Beteuerungen der Lebensmittelimporteure doch grössere Mengen an kontaminiertem Gemüse oder Obst auch in der Schweiz in Umlauf kommen».

In der Schweiz wird der EHEC-Erreger jährlich bei bis zu 70 Patienten nachgewiesen. Seit Anfang Jahr sind es bereits 20 Fälle. Trotzdem sagt Andreas Baumgartner vom Bundesamt für Gesundheit: «Wir beobachten keine Auffälligkeiten bei den Fallzahlen.» Doch Experten sind sich einig: Der Killer-Keim wird vor der Schweiz nicht haltmachen.

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