KEINE REISEN MEHR NACH DEUTSCHLAND

Die Credit Suisse erteilt ihren Kundenberatern keine Reisebewilligungen nach Deutschland mehr. Zudem wird nun publik: Der Datendieb bekommt vom deutschen Staat sogar die Steuern bezahlt.

VON YVES CARPY UND PATRIK MÜLLER


Die Grossbank Credit Suisse rief eine De-facto-Reisesperre aus: «Die Reisetätigkeit nach Deutschland wird momentan sehr restriktiv gehandhabt», bestätigt Andres Luther, Sprecher der Credit Suisse. «Alle Reisen der Kundenberater müssen bewilligt werden, das geschieht nur noch in Ausnahmefällen.»

Damit reagiert die Grossbank auf die Offensive der deutschen Steuerfahnder. Am Freitag machte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» publik, dass bereits erste Hausdurchsuchungen bei potenziellen Steuerhinterziehern stattgefunden hatten, deren Namen auf der gestohlenen Daten-CD aufgeführt sind. Gegen 1100 Kunden und Mitarbeiter der CS haben die Behörden Ermittlungen eingeleitet. Einen direkten Kontakt zwischen Staatsanwaltschaft oder Steuerfahndern und Bank gab es bisher aber nicht.

«Die Bank hat kein Wissen, dass ein Kundenberater von der Staatsanwaltschaft vorgeladen worden wäre, weder in der Schweiz noch in Deutschland», hält CS-Sprecher Luther zudem fest.

Die CS hätte auch schon vor einigen Jahren «strikte Regeln fürs grenzüberschreitende Geschäft» eingeführt, gerade auch für die Reisetätigkeit. Ein CS-Handbuch gebe den Kundenberatern klare Hinweise, was sie dürfen und was nicht. «Sie dürfen sicher keine Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten», betont Luther. So wie es etwa Rivale UBS mit der Gründung von Scheinfirmen für ihre US-Kunden getan hat.

Die Bank ist in Kontakt mit der Finma. Dies, obwohl sie trotz eingehender Überprüfung aller Abläufe keinen Hinweis gefunden hat, wo das Datenleck gewesen sein könnte. Bei der Finma will man den Fall nicht kommentieren. Auf der vom Bundesland Nordrhein-Westfalen gekauften CD befinden sich ausschliesslich Informationen über Kunden der Credit Suisse, wie der Düsseldorfer Staatsanwalt Nils Bussee gestern dem «Sonntag» bestätigte: «Nach dem aktuellen Kenntnisstand sind keine anderen Banken betroffen.» Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass auch Kunden der UBS und der Zürcher Kantonalbank identifiziert worden seien. Aufatmen kann man bei diesen beiden Banken aber noch nicht, denn es sind in Deutschland weitere CDs mit Schweizer Kontendaten im Umlauf.

Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker machte gestern in der «Süddeutschen Zeitung» publik, dass der Datendieb von Nordrhein-Westfalen sogar die Steuern bezahlt bekommt. Der Dieb hatte ursprünglich 2,5 Millionen Euro für die CD verlangt.

Doch darauf wird in Deutschland ein pauschaler Steuersatz für Informanten von 10 Prozent fällig. Deshalb habe ihm der Staat sogar 2,75 Millionen Euro überwiesen, schreibt die Zeitung – in der Erwartung, dass der Mann nun brav 250000 Euro Steuern abliefert.

Für den deutschen Staat lohnt sich der Deal alleweil: Aus Angst vor Ermittlungen zeigten sich bislang 10000 Steuersünder freiwillig an. Deren Nachsteuern sowie die Strafsteuern der auf der CD aufgeführten Bankkunden sollen dem deutschen Staat rund 1 Milliarde Euro einbringen – das ist fast so viel wie die offizielle Steueramnestie in den Jahren 2004 und 2005, die dem Fiskus 1,2 Milliarden in die Kassen spülte.

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