VON FLORENCE VUICHARD

Der Streit um unrentable Poststellen ist wieder voll entbrannt. Seit bekannt ist, dass die Post in drei Jahren rund 500 Kleinfilialen überprüfen will, laufen die Gewerkschaften Sturm. Und seit der «Sonntag» die Liste mit den 305 gefährdetsten Poststellen publiziert hat, opponieren auch Politiker.

«Wir werden einen neuen Vorschlag präsentieren»
Doch jetzt lenkt die Post ein: «Wir werden hier bald – schon in den nächsten Wochen – einen neuen Vorschlag präsen-tieren», sagt Verwaltungsratspräsident Claude Béglé im Gespräch mit dem «Sonntag». Die Aufsicht der Poststellen-Überprüfung werde verstärkt und klarer geregelt. Und: Die Bewertung der Poststelle solle künftig nach neuen, präzisen Kriterien durchgeführt werden. «Es ist ein guter Kom-promiss», verspricht Béglé. Und er versichert: «Die Konzernleitung und ich sind da einer Meinung.»

Und eine weitere klare Botschaft hat Béglé in Bezug auf die Poststellen: «Ersatzlos schliessen ist keine Option mehr.» Das war nicht immer so. Die Post hat bis heute 122 Filialen ersatzlos gestrichen. Die Poststellen werden laut Béglé neu entweder weitergeführt – oder die Dienste würden anders erbracht: in einer Agentur, das heisst im Dorfladen oder auf dem Gemeindeamt oder über einen Hausservice.

Mehrere Gründe für Kurswechsel bei der Post
Zudem wolle man die Attraktivität des Agenturenmodells verbessern. Denn Béglé hegt hier einige Bedenken: «Die Post ist Teil der schweizerischen Identität. Wird sie in den Lebensmittelladen integriert, geht ihre Rolle als Identitäts-träger etwas verloren.» Und noch etwas macht Béglé Sorgen: «Was passiert, wenn der Besitzer plötzlich seinen Laden dichtmacht? Agenturlösungen müssen unbedingt langfristig sein.»

Der Kurswechsel bei der Post hat mehrere Gründe. Einer ist sicher in der Person von Claude Béglé zu suchen. Der Romand schreibt den Service public gross: «Das dichte, flächendeckende Poststellennetz ist ein Wert. Wir sollten sehr vorsichtig damit umgehen.» Zwar will er es nicht für die Ewigkeit betonieren, wie er sagt, aber er will hier auch nicht allzu viel sparen.

«Wir müssen mehr ins Wachstum der Post investieren, statt immer nur Kosten abzubauen.» Letzteres sei zwar auch nötig, sei aber in den vergangenen Jahren zu stark gewichtet worden. Eine nicht zu überhörende Kritik an der ehemaligen Post-Spitze – an Ulrich Gygi und Anton Menth. Die Marke «Swiss Post» könnte unter weiteren Abbauplänen beim Netz leiden, befürchtet Béglé. «Heute ist die Marke extrem gut, auch im internationalen Vergleich.»

«Ich will keine Erpressung aussprechen»
Ein weiterer Grund fürs Einlenken der Post kommt von der politischen Agenda: Der Bundesrat will in Kürze seine Botschaft für das neue Postgesetz und das neue Postorganisationsgesetz zuhanden des Parlaments verab-schieden. Darin enthalten sind mehrere von der Post gewünschte Reformen. Ist das Klima durch den Streit ums Poststellennetz bereits aufgeheizt, drohen der Post durch die Politik mehr Einschränkungen.

Unter anderem erhofft sich die Post eine Banklizenz light für ihre Tochter Postfinance – ein Wunsch, der ihr die zuständige Kommission des Nationalrats diese Woche verweigert hat. «Ich will keine Erpressung aussprechen», betont Béglé. Aber: «Wenn wir keine Banklizenz light erhalten, dann müssen wir andere Wege suchen, um die sich abzeich-nenden Rückgänge bei den Einnahmen und Anstiege bei den Kosten zu kompensieren.» Und das hiesse wohl: doch wieder mehr sparen.

Foto: Adrian Moser - EQ Images