Der Konzernchef der UBS verteidigt die Boni für das Bankpersonal, fordert im Streit mit den USA die Politik zum Handeln auf – und sagt, wie aus seiner Sicht das «Too big to fail»-Problem gelöst werden muss.
VON PATRIK MÜLLER

Herr Grübel, wie stabil ist die UBS zurzeit und wie beurteilen Sie ihre Reputation?
Es geht alles nach Plan. Die Reputation bessert sich langsam. Unsere Kunden warten jetzt noch darauf, dass wir profitabel werden. Wenn wir einige Quartale lang wieder Profit gezeigt haben, wird sich die Reputation schnell verbessern. Und wenn die Schlagzeilen in den Zeitungen nicht mehr nur negativ sind.

Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger hat im «Tages-Anzeiger» und in der «NZZ» gesagt, die UBS würde nie von sich aus Daten herausgeben. Das finden nicht alle Politiker richtig.
Solange wir ein Bankgeheimnis-Gesetz haben, können wir keine Daten herausgeben und werden es auch nicht tun.

Stattdessen hat es die Finma getan – gemäss Bundesverwaltungsgericht rechtswidrig.
Das Gericht hat hinterher entschieden. Die Finma ist so vorgegangen, wie sie es zum damaligen Zeitpunkt für richtig hielt.

In der Politik läuft die Debatte: Soll der Staat das Dossier UBS wieder der Bank zurückgeben und diese sich selbst überlassen. Welchen Standpunkt vertreten Sie?
Es geht um einen Staatsvertrag zwischen den USA und der Schweiz. Als man diesen abgeschlossen hat, wusste man, dass Gerichte noch entscheiden können – unter Umständen so, dass die Sache nicht so läuft, wie es vorgesehen war. Das ist jetzt passiert. Jetzt müssen sich die beiden Parteien – das sind die USA und die Schweiz – wieder an den Tisch setzen und sehen, wie es weitergeht.

Es wird kritisiert, dass der Bundesrat auslöffeln muss, was ihm die UBS beziehungsweise deren alte Führung eingebrockt hat.
Die damaligen Manager sind nicht mehr da. Wir können nicht in die Vergangenheit zurückgehen, sondern müssen nach vorn blicken. Da gibts nur die Lösung, dass man eine Regelung auf Staatsebene findet. Es gibt keine andere Lösung.

Die UBS könnte bei der Politik Goodwill schaffen, indem sie sich bei den Boni mässigen würde. Es ist von 4 Milliarden Franken Boni für 2009 die Rede.
Wir haben bislang nicht über die Höhe der Boni informiert. Sie müssen auf unseren Jahresbericht warten. Dann werden Sie sehen, was für Boni wir insgesamt zahlen. Diese sind ja Teil der gesamten Bezahlung des Bankpersonals. Wir sind nun eben in dieser Industrie, da können wir nicht als einzige Bank unseren Angestellten sagen: Weil ihr bei der UBS arbeitet und weil sie dieses Jahr noch aufgeräumt hat und insgesamt unter Umständen Geld verliert, kriegt ihr keine Boni – während andere Banken erfolgreich waren und zahlen. Dann gehen alle guten Leute weg von der UBS. Weshalb sollen sie dableiben?

Sie würden die besten Leute verlieren?
Ja, und dann würde die Bank nicht mehr führbar sein. Das ist weder im Interesse des Landes noch im Interesse der Aktionäre. Kein Stakeholder hat daran ein Interesse. Deshalb: Wir zahlen insgesamt weniger als die Firmen, die sehr erfolgreich waren. Aber wir müssen hier mitmachen – solange die Industrie Boni zahlt. Wir können uns nicht total zurückziehen.

Es geht ja mehr um die Höhe der Boni.
Die sind in der ganzen Industrie sehr stark zurückgegangen.

Wie nehmen Sie als CEO Ihre Vorbildfunktion in Sachen Bonus wahr? Werden Sie weniger beziehen?
Ich werde natürlich keinen Bonus beziehen.

Sie erhalten gar keinen Bonus?
Nein, denn die Firma macht keinen Profit. Für mich gilt das schon. Es muss eine Vorbildfunktion geben.

Die Forderungen – insbesondere aus den USA – werden lauter, dass das Investmentbanking von den Banken abgetrennt werden soll.
Man muss es spezifizieren. Es geht um den Eigenhandel im Investmentbanking – beziehungsweise darum, ob man diesen aufgrund der grösseren Risiken reduzieren soll. Und das wird gemacht – auf jeden Fall bei den Universalbanken. Bei uns wurde der Eigenhandel im Investmentbanking sehr stark reduziert – es gibt ihn eigentlich nur noch, um die Liquidität unserer Kunden zu unterstützen.

In der Schweiz ist auch das «Too big to fail»-Problem nach wie vor ungelöst. Christoph Blocher und Nicolas Hayek schlagen eine Holding-Struktur vor. Sind Sie immer noch dagegen?
Man muss sich die Sache einfach gut überlegen. Was man mit einer Holding erreichen will, ist die Abschirmung des Schweizer Geschäfts – und dass das ausländische Geschäft in separaten Firmen innerhalb dieser Holding geführt wird. Das würde dann allerdings bedeuten, dass die Holding auch im Ausland sein müsste. Das ist meiner Ansicht nach die Logik. Es würde keinen Sinn machen, die Holding in der Schweiz zu haben, denn dann würde man ja doch wieder auf diese Holding durchgreifen.

Und dann würde das «Too big to fail»-Problem für die Schweiz bestehen bleiben.
Ja. Als ich dies das letzte Mal zu erklären versuchte, wurde mir vorgeworfen, ich drohe mit dem Abzug der UBS aus der Schweiz.

Wie würden Sie denn das Problem lösen?
Nach dem, was in den letzten zwei, drei Jahren geschah, muss man alles Mögliche unternehmen, dass die Banken sicher sind. Da geht es ums Risikomanagement der Banken, um das Sicherstellen der Kontrollen, um das Thema Leverage. Man muss erreichen, dass ein komplettes Versagen der Banken gar nicht möglich ist.

Einen Bankenkollaps wird man aber nie ausschliessen können – und einen solchen kann ein kleines Land wie die Schweiz nicht verkraften.
Ausschliessen kann man nie etwas. Aber selbst wenn eine grössere Bank in Schwierigkeiten kommen sollte, geht es um eine etwa zehnprozentige Kapitalbeteiligung des Staates und unter Umständen darum, dass die Nationalbank hilft, gewisse Positionen zu übernehmen. Ich glaube, es war eine gute Lösung in dieser Krise, und wie Sie gesehen haben, konnten wir das relativ schnell wieder umdrehen. Das, was geschehen ist, wird sich in den nächsten 15 bis 20 Jahren nicht wiederholen, davon bin ich überzeugt.

Anmerkung: Das Interview wurde in Davos geführt, der «Sonntag» konnte Oswald Grübel am WEF spontan einige Fragen stellen. Es ist von der UBS autorisiert.

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