Messen und Osterkonzerte mit der Musik von Mozart, Beethoven, Haydn und Händel: In zahlreichen katholischen Gemeinden in Zürich ist heute so viel los wie schon lange nicht mehr an Ostern. Und Zürichs Katholiken haben Grund zur Freude – denn sie wachsen wieder.

Neueste Zahlen zeigen: 2011 bekannten sich im Kanton Zürich so viele Menschen zum Katholizismus wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Gegenüber 2010 stieg die Zahl der Mitglieder von 387 678 auf 389 177. Trotz Missbrauchsdebatte und Querelen mit dem Bischof von Chur. Seit 1964 hat die Zahl der Katholiken im Kanton Zürich sogar um 14 Prozent zugenommen. Ganz anders bei den Reformierten: Sie verlieren konstant Anhänger. Zählten die Zürcher Reformierten vor 25 Jahren noch 577 247 Mitglieder, waren es 2011 nur noch 467 353 – ein Minus von 19 Prozent.

Aschi Rutz von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich weiss, warum seine Glaubensgemeinschaft gefragt ist wie selten zuvor: «Wir verlieren zwar Kirchenmitglieder durch Austritte. Aber unter dem Strich wachsen wir. Der Grund dafür ist die Zuwanderung.» Zudem hätten Katholiken tendenziell mehr Kinder als Reformierte. Tatsächlich profitiert die katholische Kirche von der starken Zuwanderung in die Schweiz. 2011 waren die Portugiesen die zweitgrösste Einwanderergruppe – sie sind fast ausschliesslich katholisch.

Nicht nur in Zürich , auch in anderen Kantonen ist der Katholizismus auf dem Vormarsch. Nach Angaben des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen nimmt die Zahl der Katholiken auch in den Kantonen Zug, Appenzell Innerrhoden und Waadt zu, ebenso wie im Kanton Aargau. Dort stieg ihre Zahl in den letzten 30 Jahren von 211 000 im Jahr 1980 auf 225 722 im Jahr 2010.

Die Schweiz, das Land der Reformatoren Calvin und Zwingli, wird katholischer. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2000 waren nur noch 33 Prozent der Bevölkerung reformiert, hingegen 42 Prozent katholisch. Darüber machen sich auch die Reformierten keine Illusionen: «Wir werden kleiner, älter und ärmer. Das ist eine Tatsache», sagt Simon Weber vom Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK). Nicolas Mori von der reformierten Landeskirche im Kanton Zürich sagt: «Uns Reformierten sterben mehr Mitglieder weg, als neue nachkommen.» Er rechnet damit, dass es in 20 Jahren im Kanton Zürich mehr Katholiken als Reformierte geben könnte. In der Zwingli-Stadt Zürich und der Calvin-Stadt Genf ist das bereits der Fall.

Die neuen Mehrheitsverhältnisse wecken Begehrlichkeiten. So wollen die Katholiken in der Stadt Zürich, wo die vier grössten Innenstadt-Kirchen von den Reformierten genutzt werden, Gotteshäuser übernehmen. «In der Stadt Zürich haben wir eher zu wenig Gebäude», sagt Aschi Rutz vom katholischen Synodalrat. «Gerne würden wir Kirchen der Reformierten nutzen, die diese nicht mehr brauchen. Es wäre naheliegend, dass wir uns so aushelfen könnten.» Vor allem bei Gottesdiensten und Anlässen der Migranten gebe es Engpässe.

Ganze Kirchen wollen die Reformierten derzeit aber nicht abgeben. «Auch wir brauchen Räume für Migrationskirchen», sagt Sprecher Nicolas Mori. Allerdings sei es naheliegend, dass gewisse Privilegien infrage gestellt würden, wenn sich die Mehrheitsverhältnisse änderten.

Die Reformierten im Kanton Zürich müssen deshalb bereits finanzielle Einbussen hinnehmen: Erhielten sie bis ins Jahr 2010 pro Jahr 42 Millionen Franken von der öffentlichen Hand, so sind es heute nur noch 27 Millionen. Die Katholiken konnten dank dem neuen System, welches Geld anhand der Zahl der Mitglieder verteilt, ihren Anteil von 8 auf 23 Millionen Franken pro Jahr steigern.

Dass die Reformierten in ihrem Stammland auf lieb gewonnene Privilegien verzichten müssen, ist auch Simon Weber vom Kirchenbund bewusst: «Es ist denkbar, dass wir Exklusivität aufgeben müssen», sagt Weber. So gebe es bereits heute Beispiele für die gemeinsame Nutzung von Kirchen. Seit einigen Jahren steht die Kathedrale von Lausanne Katholiken wie Reformierten für Gottesdienste zur Verfügung – und ist damit vor allem eines: Die Kirche der Zukunft.

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