Herr Irminger, Sie sind selbst Kapitän. Trägt Ihr Kollege die alleinige Schuld am Unglück der «Costa Concordia»?
Peter Irminger: Das glaube ich kaum. Das Problem ist nicht der Kapitän, sondern die Entwicklung in der Passagier-Schifffahrt.

Was meinen Sie damit?
Die schöne Fassade täuscht: Das Kreuzfahrtwesen ist ein knallhartes Geschäft, es besteht ein unglaublicher Konkurrenzdruck. Deshalb wollen die Reedereien die Reisen möglichst spektakulär gestalten. Da ist es nicht unüblich, dass man, um die Passagiere zu unterhalten, Risiken eingeht: Dass man sehr nah an eine Insel fährt oder an einen Eisberg, dass man in seichten Gewässern ankert, damit die Passagiere tauchen können, dass man Flüsse befährt, die kein Schiff zuvor befahren hat. Das ist für Reedereien und Kapitäne ein Balanceakt.

Aber ein Kapitän kann sich weigern, solch riskante Manöver zu machen.
Nur theoretisch. Wenn ein Kapitän in der Flotte solche Risiken eingeht, dann werden die anderen Kapitäne von der Reederei zu hören bekommen: Der fährt so nah ran, das gefällt den Leuten. Kapitäne, die das nicht machen, werden in den Augen der Reedereien zu Angsthasen. Da gibt es psychologische Zwänge, die einen Kapitän dazu verleiten, mehr Risiken einzugehen, als er eigentlich will und als es eigentlich gut ist.

Sie glauben wirklich, dass es viele Kapitäne gibt wie Francesco Schettino?
Auf jeden Fall bin ich vorsichtig, den Kapitän zu verurteilen. Er ist jetzt in einer absoluten Zwangslage: Die Reederei stellt ihn als Sündenbock dar und versucht, ihm die ganze Schuld zuzuschieben. Er kann dem nicht widersprechen, damit er es sich mit seinem Arbeitgeber nicht verscherzt. Der Kapitän der «Costa Concordia» ist jetzt ganz allein. Er tut mir, ehrlich gesagt, richtig leid.

Aber ist er kein Feigling, dass er so schnell von Bord gegangen ist?
Es gibt heute keine einzige Regel mehr, die besagt, dass der Kapitän als Letzter von Bord gehen soll. Das ist ein Mythos. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn der Kapitän die Rettungsaktion von Land aus effizienter koordinieren kann, dann muss er gehen. Ich sage sogar: Der Kapitän und seine Besatzung haben tolle Arbeit geleistet, Kompliment.

Warum?
Das Ganze hätte auch in einem riesigen Drama enden können. Ich bin überrascht, dass es so glimpflich ausgegangen ist. Es ist fast ein Wunder, dass es nicht mehr Tote gibt. Das zeigt, dass die Besatzung bei der Evakuierung des Schiffs professionell vorgegangen ist.

Die «Costa Concordia» hatte 4200 Menschen an Bord. Hat man in der Passagier-Schifffahrt das Mass verloren?
Die letzten Entwicklungen im Passagierschiffbau haben mir Sorgen gemacht: Es ging nur noch darum, mehr Aufbau zu haben und dafür weniger Tiefgang, damit die Schiffe näher an Objekte heran und leichter in Häfen fahren können. Da ist die Gefahr, dass solche Konstrukte kippen, natürlich grösser. Das ist nicht mehr sicher. Das hat das Unglück nun zum Glück gezeigt. Es wird jetzt ein Umdenken geben müssen, die Passagierschifffahrt muss wieder sicherer werden.

Bei den riesigen Luxus-Linern fährt also immer das Risiko mit?
Das ist so. Es war eine Frage der Zeit, bis so ein Unglück passiert. Aber die Reedereien wollten das bisher nicht hören. Wenn sie mehr in die Tiefe bauen und dafür weniger Decks, dann haben sie einen Wettbewerbsnachteil. Das ging bisher nicht. Das sieht jetzt anders aus.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Unglück?
Wir müssen uns fragen: Sind die Rettungsmittel, die auf den Schiffen sind, heute noch zeitgemäss? Es gibt Alternativen zu den Booten, aufblasbare Rutschen und Inseln. Sie sind noch nicht zwingend und teurer. Aber wesentlich sicherer. Und das Zweite: Sind die Vorschriften zur Heckstabilität noch zeitgemäss, braucht es nicht wieder mehr Tiefgang, mehr Gewicht? Die grossen Passagierschiffe sind hart an der Grenze. Die Reedereien streben allgemein eine grösstmögliche Auslastung an, und gleichzeitig wird nur das Minimum gemacht, obwohl es bessere Mittel gibt.

Werden Sie Opfer des Unglücks vertreten?
Ich rechne damit.

Haben die Betroffenen überhaupt eine Chance auf Entschädigung?
Aber ja! Allerdings muss man unterscheiden zwischen europäischen und amerikanischen Passagieren. Die europäischen Passagiere werden den Verlust von Handgepäck, von aufgegebenem Gepäck und ihre Reisekosten zurückerstattet bekommen. Die amerikanischen Passagiere aber können gegen die Reederei nach amerikanischem Recht klagen. Das sieht solche Posten wie emotionale Beeinträchtigungen vor, die man in Geld umrechnen kann. Da geht es rasch um bis zu 100 000 Dollar pro Person.

Von welchen Summen reden wir?
Das Klagevolumen wird sicher zwischen 20 und 120 Millionen Dollar betragen. Aber dafür ist die Reederei versichert, bis zu einer Milliarde.

Was raten Sie Schweizer Opfern?
Auf keinen Fall sollen sie sich mit Entschädigungen der Reederei abspeisen lassen und dafür eine Verzichtserklärung unterschreiben. Wenn der Reiseveranstalter die vollen Kosten übernimmt, dann ist das in Ordnung. Wenn nicht, dann sind sie gut beraten, sich von jemandem vertreten zu lassen, von einer Regress-Firma wie unsere, die zunächst einmal kein Honorar verlangt und nur im Erfolgsfall etwa 15 Prozent nimmt. Je mehr man sich zusammenschliesst, desto mehr Druck kann man machen. Ich weiss aus Erfahrung: Die Passagiere, die sich jetzt vertreten lassen, werden gegen Mühlen kämpfen. Aber es lohnt sich.

*Der gebürtige Zürcher Peter Irminger ist ausgebildeter Kapitän und bei Zass International in Hamburg zuständig für Schadensfälle im Schiffsverkehr. Er rechnet damit, dass er Betroffene des Unglücks der «Costa Concordia» vertreten wird. Zuvor war Irminger Professor für Seerecht und Navigation an der Hochschule Bremen.

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