Rund 22 000 Kinder haben morgen im Kanton Zürich ihren ersten Schultag – und müssen bald Hausaufgaben erledigen. Doch für Pädagogen wird die «Ufzgi» zunehmend zum Problem. «Sie zementieren soziale Ungleichheit», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Schweizer Lehrerverbands (LCH). Kinder aus bildungsfernen Schichten gerieten durch Hausaufgaben noch stärker ins Hintertreffen, weil sie von ihren Eltern keine Hilfe bekommen. «Die Unterschiede sind mittlerweile enorm.» Oft würden auch Schüler benachteiligt, wenn beide Elternteile arbeitstätig sind.

Deshalb fordert der LCH nun neue Angebote. «Kinder und Jugendliche sollten in allen Schulgemeinden betreute Aufgabenhilfe erhalten», sagt Brühlmann. Zwar existieren solche Angebote bereits in einigen Kantonen, doch diese reichten bei weitem nicht aus. «Die Gemeinden scheuen die Kosten, weil nicht alle Schülerinnen und Schüler die Aufgabenhilfe benötigen», sagt Brühlmann. Deshalb nimmt er nun die Kantone in die Pflicht. «Sie müssen für ein flächendeckendes Angebot sorgen.»

Schon länger streiten sich Eltern und Experten darüber, wie nützlich Hausaufgaben sind. Bereits vor einem Jahr sprach sich der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo gegen die klassischen Hausaufgaben aus. Ein Wissensgewinn entstünde nicht durch häufiges Auswendiglernen zu Hause, sondern durch Erfahrungen, die in der Schule gemacht würden.

Auch international sorgen die Hausaufgaben für Diskussionen. In Deutschland fordert derzeit die Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin deren Abschaffung. Auch der französische Präsident Françoise Hollande kündigte vor einem Monat Ähnliches an: «Hausaufgaben sollen in der Schule erledigt werden – und nicht zu Hause».

Für den ehemaligen Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor ist das der richtige Ansatz. Hausaufgaben würden positiv wirken, seien aber im Vergleich zum schulischen Lernen weniger produktiv. Er lobt deshalb das skandinavische Modell, in dem die Lehrer noch eine Stunde nach Schulschluss bleiben, um sich auf die kommenden Stunden vorzubereiten – und um Schüler bei den Hausaufgaben zu helfen. «Das wäre die Ideallösung.»

Ansonsten kommt es gemäss Buschor vor allem auf die Aufgabenstellung der Lehrer an. Hausaufgaben müssten Bekanntes vertiefen und nicht Neues erschliessen. «Der Bildungsstand der Eltern darf nicht entscheidend für den Lernerfolg sein.»

SP-Nationalrat Matthias Aebischer war früher selbst Lehrer und unterrichtete an der Unter- und Oberstufe. Er unterstützt die Aufgabenhilfe in den Schulen, hofft aber auch auf den neuen Lehrplan 21. Dieser berücksichtigt die Kompetenzen der Kinder und ihr Vorgehen stärker.

Die Schüler sollen Arbeitsmethoden entwickeln und selbst Lösungen finden. «Bitten sie einen IT-Spezialisten aus der Nachbarschaft um Hilfe, recherchieren sie selbst in der Bibliothek?», nennt Aebischer zwei Beispiele. Dies führe dazu, dass nicht allein der Intellekt über den Erfolg in der Schule entscheidet, sondern neu eben auch die Art des Vorgehens.

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