Sein Name ist Pohl. Frank Pohl. Und er hat die Lizenz zum Töten von Schädlingen. Pohl war General Manager und Senior Vice President beim US-Konzern Ecolab, dem Weltmarktführer für Reinigungs-, Hygiene- und Desinfektionslösungen. Die vor einem Monat erfolgte und bisher öffentlich nicht bekannte Wahl des 52-jährigen Diplom-Ingenieurs in den Verwaltungsrat der Jörg Kachelmann Produktions AG (JPK) überrascht. «Wie wenn ein Coca-Cola-Manager in eine Schreinerei wechseln würde», sagt ein Angestellter der Meteomedia AG, die zur JPK gehört.

Für Ecolab arbeiten 26000 Menschen auf der ganzen Welt – davon 100 in der Verwaltungszentrale für Europa, Nahost und Afrika in Wallisellen ZH. Das Unternehmen erwirtschaftete im ersten Quartal einen Umsatz von 1,5 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich dazu beschäftigt Kachelmann rund 100 Mitarbeiter mit einem geschätzten Jahresumsatz von 20 Millionen Franken. «Ich wurde von Kachelmann und dem Firmen-Juristen angefragt», sagt Pohl. Bei Letzterem handelt es sich um Martin Kurer, der bei der JPK ebenfalls im Verwaltungsrat sitzt und der Bruder von Ex-UBS-Präsident Peter Kurer ist.

«Der Sonntag» erreicht Pohl am Meteomedia-Sitz in Gais. «Ich werde mein Know-how als unternehmerisch denkender Angestellter einbringen», sagt der in Winterthur lebende Deutsche. Schliesslich habe sich Meteomedia in den letzten zwanzig Jahren «in aussergewöhnlicher Art und Weise bewährt, etabliert und weiterentwickelt». Dem privaten Wetterdienstleister gehören 815 Messstationen.

Die Firma befinde sich trotz des Vergewaltigungsprozesses gegen seinen Gründer «in keiner substanziellen Problematik», so Pohl. Das sieht der Wirtschaftsinformationsdienst Teledata kritischer und hat Meteomedia seit Anfang März erneut schlechter bei der Risikoentwicklung im Branchendurchschnitt eingestuft. Risikoklasse D bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass bei Kachelmanns Lebenswerk in den nächsten 12 Monaten mit einem Zahlungsausfall zu rechnen ist. Die Kritik werde sich nach dem Urteil «verflüchtigen», glaubt Pohl. Er gibt erstmals preis, wie Anwalt Kurer intern die Lage für den Prozess in Mannheim einschätzt: «An einem Freispruch wird es nichts zu deuteln geben.»

Nach einer Pause, die es Kachelmann erlaubte, seine beiden Söhne in Kanada zu besuchen, geht die Hauptverhandlung am Montag in die Endphase. Am 38. Verhandlungstag wird die Psychologin Luise Greuel befragt. Ihr Gutachten über Kachelmanns angebliches Opfer Sabine W. ist bereits an die Medien gelangt. Darin heisst es, die Schilderung von W. erfülle «nicht die Mindestanforderung an logischer Konsistenz, Detaillierung und Konstanz».

Am Donnerstag folgt dann der Neurologe Hartmut Pleines. Er sitzt im Saal 1 des Landsgerichts vorne halb links und hat freie Sicht auf den Angeklagten. Sein beinahe unmöglicher Job: Obwohl der frisch mit einer Psychologiestudentin verheiratete Kachelmann kaum ein Wort sagt, soll er ihn für das Gericht begutachten. «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen erhofft sich von der Expertise des Psychiaters wenig. Sie kann sich «nicht vorstellen, womit man Kachelmann verurteilen soll». Die Aussage von Radiomoderatorin W. sei mit «so vielen Zweifeln behaftet». Friedrichsens Prognose für das nach den Plädoyers am 27. Mai geplante Urteil ist eindeutig: «Für eine Verurteilung wird es nicht reichen.»

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