Der Jura bringt sich in Stellung: Die Kantonsregierung, die Regierung des Hauptorts Delsberg sowie die jurassischen National- und Ständeräte wollen gemeinsam Bern die neu zu organisierende Alkoholbehörde wegschnappen. Am 12. März haben sie Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf ein entsprechendes Projekt unterbreitet – und können bereits einen ersten Erfolg verbuchen: «Das Finanzdepartement wird den Vorschlag im Detail prüfen», schreibt Widmer-Schlumpf am 4. Mai in einem Brief an die jurassische Regierungspräsidentin Elisabeth Baume-Schneider. «Sobald die Arbeiten genügend fortgeschritten sind, werden Sie in die Fortsetzung des Projekts mit einbezogen», heisst es weiter im vertraulichen Schreiben von Widmer-Schlumpf, das dem «Sonntag» vorliegt.

Die Avance aus dem Jura kommt zum richtigen Zeitpunkt. Denn der Bund will auf Anfang 2014 die Eidgenössische Alkoholverwaltung (EAV) auflösen. Das Profitcenter der EAV, der Ethanol-Monopolverkäufer Alcosuisse, soll privatisiert werden. Die rund 80 verbleibenden Mitarbeiter der EAV sollen in die Bundesverwaltung, konkret: in die Eidgenössische Zollverwaltung reintegriert werden. Wo sie dereinst ihre Büros haben werden, in Bern oder vielleicht doch in Delsberg, ist noch offen.

Die Jurassier berufen sich in ihrer siebenseitigen Offerte, die dem «Sonntag» ebenfalls vorliegt, auf das vor Jahren geäusserte Bestreben des Bundes, die Verwaltung zu regionalisieren. Doch bis heute haben nur wenige Ämter die Berner Agglomeration verlassen: Die Statistiker arbeiten in Neuenburg, das Kommunikationsamt ist in Biel BE, der Sport in Magglingen BE und das Wohnungswesen in Grenchen SO.

Um die Ernsthaftigkeit seines Angebots zu unterstreichen, hat der Jura Widmer-Schlumpf auch schon konkrete Räumlichkeiten in Aussicht gestellt: 8000 Quadratmeter im geplanten Verwaltungsgebäude, das neben dem Bahnhof gebaut und im Sommer 2015 eröffnet werden soll. Der Kanton verweist auch auf die lange Geschichte, welche ihn mit der Alkoholverwaltung verbindet. Und das nicht nur, weil der berüchtigte Absinth, der zwischen 1910 und 2005 verboten war, aus dem Jura stammt. Die vor 125 Jahren als Antwort auf die Kartoffelschnapspest gegründete EAV eröffnete in Delsberg bereits 1889, also nur zwei Jahre später, einen ersten Aussenposten: ein Alkohollager. Der Betrieb existiert noch heute, gehört aber zum Ethanolhändler Alcosuisse und wird deshalb privatisiert. Der Bund würde sich damit ganz aus dem Jura zurückziehen. Das sind Argumente, die auch im Finanzdepartement Gehör finden.

Bevor jedoch der Bundesrat die Lokalität festlegt, muss das Parlament die Gesetze zur Umstrukturierung der EAV beraten. «Das Datum eines allfälligen Umzugs nach Delsberg (...) hängt also von der Schnelligkeit ab, in welcher die eidgenössischen Räte die neue Gesetzgebung annehmen», schreibt Widmer-Schumpf im Brief an Baume-Schneider. Eine Formulierung, welche im Jura die Hoffnung nährt.

In Bern weckt sie Ängste. Die EAV-Mitarbeiter müssen sich durch die anstehende Privatisierung und die Reintegration in die Verwaltung auf unruhige Zeiten einstellen und reagieren mit Skepsis auf die jurassische Avance. Denn ein Ortswechsel würde zusätzliche Ungewissheiten bringen. Für sie ist klar: Inhaltlich gebe es keinen Grund für den Umzug. Wenn er kommt, habe er ausschliesslich regionalpolitische Gründe.

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