Herr Blatter, besuchen Sie an diesem Wochenende das Eidgenössische Schwingfest?
Da gehen bereits so viele hin, dass ich nicht auch noch dabei sein muss. Aber es ist bewundernswert, dass das Schwingfest eine so hohe Popularität erreicht. Man erwartet 250 000 Besucher!

Wie erklären Sie sich den Boom dieses urtümlichen Sports, der so ziemlich das Gegenteil des globalen Fussball-Business darstellt?
Das Schwingen gründet tief in den Wurzeln des Schweizer Volkes – genauer genommen des Deutschschweizer Volkes. In der Romandie spielt Schwingen eine viel kleinere Rolle, im Wallis hat es keine Bedeutung, da gibt es Kuhkämpfe. Interessant und gut finde ich, dass auch die Städter ans Schwingfest gehen – das ist eine schöne Bewegung.

Sie reisen seit Jahrzehnten um die Welt. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Schweiz-Bild verändert?
Ich verbringe rund die Hälfte meiner Zeit im Ausland und habe inzwischen 200 unserer 209 Landesverbände besucht. Mehr denn je stelle ich fest, wie sehr die Schweiz ein Paradies ist. Hier kann jeder in Ruhe leben. Die Sicherheit ist gewährleistet, die Arbeitslosenquote im internationalen Vergleich extrem tief. Hoffentlich bleibt das noch lange so.

Kommt es vor, dass Sie der Bundesrat um Hilfe bittet, wenn die Schweiz ein Problem mit dem Ausland hat?
Bundespräsident Ueli Maurer sagte vor der Abstimmung über die Olympischen Spiele in Graubünden: Sepp, du hast doch ein grosses Netzwerk, du könntest uns helfen. Da sagte ich: Das hat aber lange gedauert, bis ihr das gemerkt habt. (lacht)

Die Schweiz beherbergt internationale Sportverbände und Konzerne, wählt aber politisch den Alleingang. Stört es Sie, dass wir weder in der EU noch im EWR sind?
(Überlegt.) Warum sollten wir in der EU sein? Wenn schon, dann würden wir besser in eine grössere Organisation, in einen globalen Staatenbund passen. Uns geht es im Alleingang ausgezeichnet, wir müssen einfach dafür sorgen, dass wir mit unseren Nachbarn auskommen. Es wäre falsch, wenn wir uns stärker im EU-Raum positionieren würden. Zwei Drittel der Bevölkerung leben heute in Asien – dort liegt der Markt der Zukunft, dorthin sollten wir uns orientieren. Wenn Sie auf die Weltkarte blicken, sehen Sie: Die EU ist nur ein sehr kleines Gebilde.

Im November wird über die 1:12-Initiative abgestimmt. Ist der Fifa-Standort Zürich gefährdet, wenn sie angenommen wird?
Sicher nicht. Trotzdem sehe ich den Sinn dieser Lohn-Limite nicht ein: Warum gerade 1:12? Und nicht 1:10 oder 1:20? Die Welt würde den Kopf schütteln, wenn ausgerechnet aus dem Wirtschaftsparadies Schweiz derart restriktive Volksentscheide kämen.

Die Fifa hätte ein Problem mit der Beschränkung. Bei Ihrem Verband wäre 1:12 bei weitem nicht erfüllt.
Ein echtes Problem bekäme der Schweizer Fussball mit seinem Transfermarkt. Wer würde noch hier spielen wollen? Wir könnten den Fussball an den Nagel hängen.

In drei Wochen entscheidet das Zürcher Volk über das neue Stadion. Sie würden wohl Ja stimmen?
Ich bin im Wallis stimmberechtigt . . . Schauen Sie, in Zürich hatten wir damals ein super Stadion-Projekt, alles privat finanziert. Es hätte den Steuerzahler keinen Rappen gekostet! Dann gab es einen kleinen Schattenwurf und deswegen viele Einsprachen. Das jetzige Projekt kostet den Steuerzahler 160 Millionen Franken! Trotzdem, als Fussballfan ich würde Ja einlegen.

2014 findet in Brasilien die WM statt. Vor zwei Monaten ging etwa eine Million Menschen auf die Strasse, um gegen teure Stadien und den Gigantismus der Fifa zu demonstrieren. Wie erklären Sie sich diesen Aufstand?
Der Protest war nicht gegen den Fussball gerichtet. Sondern gegen die Regierung. Brasilien ist die sechstgrösste Volkswirtschaft der Welt – und hat die Kraft, diese WM zu organisieren. Man hat den Fussball, in diesem Fall den Confederations Cup, einfach als Plattform für die Proteste missbraucht. Ich war sehr, sehr überrascht, dass es passiert ist. Und wie es passiert ist.

Die Kritik lautet: Man gibt viel Geld aus in einem Land, in dem Menschen in Slums wohnen.
Es waren nicht die Menschen in den Slums, die protestiert haben. Es war der Mittelstand. Der ist unzufrieden, weil Brasilien mit seinen Rohstoffen nun ein reiches Land ist, und trotzdem sind etwa das Erziehungs- und das Gesundheitswesen mangelhaft. Aber was kann da der Fussball dafür? Nichts! Ich bin sicher, dass die WM grossartig wird. Das zeigt der Ticketvorverkauf, der alle Rekorde sprengt.

Wie gross schätzen Sie Chance ein, dass die Schweizer Nati dabei ist?
Ich traf mich kürzlich Ottmar Hitzfeld zum Nachtessen. Da sagte ich ihm: Es ist ein Muss, dass die Schweizer Nati dabei ist!

Sie haben die WM-Teilnahme befohlen?
In dieser Gruppe ist das zu schaffen. Ottmar Hitzfeld sagte dann: Ja, Sepp, du hast gut reden, man muss immer noch zuerst spielen . . .

Darf der Fifa-Präsident verraten, wer seine Lieblingsspieler sind?
Spieler schon, aber nicht Mannschaften. Die sind für mich alle gleich. Was die Schweizer Nati betrifft: Wir haben einen ausserordentlich guten Torhüter, Diego Benaglio. Wer sehr gut spielt, aber vom Herrn Trainer nicht immer die gebührende Anerkennung erhält, ist Valon Behrami. Ihn würde ich mehr einsetzen. Das Mittelfeld ist gut, aber vorne fehlt einer, der das Toreschiessen im Blut hat. Wenn Eren Derdiyok sonst nicht zum Einsatz kommt, sollte er auch nicht bei Nati-Spielen auf dem Platz stehen. Shaqiri übrigens könnte Oberwalliser sein.

Oberwalliser?
Weil er so bullig und einsatzfreudig ist. Wir haben sehr gute Spieler, aber wir schiessen keine Tore. Wir mussten 180 Minuten lang gegen Zypern spielen, um in der 181. Minute ein Goal zu schiessen.

Die WM 2018 findet in Russland statt, wo Menschenrechte oft mit Füssen getreten und Homosexuelle diskriminiert werden. Können Sie das verantworten?
Der Fussball ist total apolitisch. Und wenn von Minderheiten-Diskriminierung die Rede ist, muss man vorsichtig sein. Oft ist das nicht schwarz-weiss. Wir bekommen von den Russen nun die Details zu diesem angeblich diskriminierenden Gesetz und schauen das genau an.

Gibt es für Sie keine Grenzen bei der Wahl des Austragungsorts? Könnte eine WM in jedem Land stattfinden?
Grundsätzlich überall. Wie sollen wir über eine Regierung urteilen können? Wie sollen wir die Welt und Gut und Böse unterteilen? Wer entscheidet das? Eine Glocke macht ding-dong, nicht ding-ding. Man muss immer beide Seiten anhören, und in vielen Ländern würde die Analyse viel differenzierter ausfallen, als uns die Medien glauben machen. Man sieht das jetzt auch bei der Diskussion über eine militärische Intervention in Syrien. Der Konflikt dauert schon mehr als zwei Jahre und der Westen ist sich noch immer nicht einig, was zu tun ist. Ich meine, man sollte auch dieses Land respektieren und nicht aufgrund eines einseitigen Urteils intervenieren.

Der Westen will eingreifen, weil das Regime offenbar Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt hat.
Gibt es dafür Beweise? Weiss man, wer dafür verantwortlich ist? Reflexartig sagte man, es war das Regime. Aber Gewissheit gibt es nicht.

Bald sind Sie 40 Jahre bei der Fifa. Bei Ihrer letzten Wahl sagten Sie, es sei Ihre letzte Amtsperiode als Präsident. Nun lassen Sie doch wieder offen, ob Sie 2015 nochmals antreten. Woher dieser Wandel?
Es gab einen Wandel im Fussball. Die Fifa startete eine Reform, deren Umsetzung erst am Kongress 2014 entschieden wird.

Was könnte Sie dazu bewegen, nochmals für vier Jahre als Präsident zu kandidieren?
Wenn ich sonst nichts zu tun habe.

Diese Wahrscheinlichkeit ist hoch!
Eben war ich an einer Beerdigung. Es gibt auch ein Leben nach dem Tod.

Auch ein Leben nach der Fifa?
Irgendwann muss ich ja schon aufhören. Aber zurzeit habe ich das Feuer für diese Ausgabe. Das Feuer lodert nicht weniger als früher! Ich glaube, ich werde schon spüren, wann der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt wäre. Nicht dass man mich mit einem Fusstritt verabschieden muss.

Spüren Sie das Älterwerden?
Es geht mir sehr gut, aber ich benötige etwas mehr Zeit für die Erholung. Und ich brauche meine sieben Stunden Schlaf.

Sie sind 77 und wirken sehr fit. Was ist Ihr Rezept?
Ich jogge täglich drei Stunden und schwimme zwei Stunden. Dazu kommt Seilspringen (lacht). Im Ernst: Bewegung ist wichtig. Es wird heissen, er spinnt, aber: Ich tanze am Morgen. Ich höre um 6 Uhr SRF 3 und tanze dazu. Ein beweglicher Körper ist wichtig für einen beweglichen Geist. Ich achte auch sehr auf die Ernährung. Wenn man einen Motor hat, der immer älter wird, braucht er das richtige Öl.

Warum hat es ausgerechnet der Walliser Sepp Blatter zum Fifa-Präsidenten gebracht?
Das frage ich mich auch. Aber am Anfang steht, dass ich immer fussballverrückt war. Als ich einmal – als 18-jähriger Student – Profifussballer bei Lausanne-Sports hätte werden können, legte mein Vater das Veto ein. Er zerriss mein Transfer-Zertifikat in Stücke und sagte: «Mit Fussball wirst du das Leben nie verdienen.» So blieb ich Amateurfussballer und machte einen anderen Weg.

Wie führen Sie?
Führung kann man nicht lernen, lernen kann man nur die Prinzipien der Führung – etwa im Militär, wo ich Regimentskommandant war. Der Erfolg setzt sich aus fünf Komponenten zusammen: Erstens braucht es Wissen, Fachwissen. Zweitens Können, man muss fähig sein, das Wissen umzusetzen. Drittens Erfahrung. Viertens den Glauben an sich selber. Und fünftens, und das ist ausschlaggebend für den Erfolg: Das Quäntchen Glück.

Carsten Schloter und der Finanzchef der «Zürich»-Versicherung haben sich umgebracht. Lässt sich aus diesen Fällen etwas lernen?
Das ist schwer zu sagen. Die Frage ist bei Führungskräften oft: Will einer im Innersten überhaupt diese Funktion? Wollte Schloter diesen Posten – oder musste er? Wenn es nicht 100-prozentig stimmt und dann kommt noch ein privates Problem dazu, wird es heikel. Nicht alle können mit dem Erfolgsdruck umgehen.

Was heisst das für Sie?
Wenn mir ein Posten nicht gefallen hat, bin ich gegangen. Das habe ich immer so gemacht. Und bei der Fifa versuche ich ein freundliches, menschliches Klima für unsere 400 Mitarbeiter zu schaffen. Wir kommunizieren offen, alle drei Monate gibt es eine Personalinformation, danach einen Apéro und man brätelt. Und natürlich spielen wir viel Fussball.

Welchen Titel wünschen Sie sich dereinst für Ihre Biografie?
Eine Biografie ist tatsächlich geplant. Warum nicht mit dem Titel «40 Jahre und kein bisschen weise»?

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