Es wird für die mehr als 1000 Geschädigten eine Hiobsbotschaft sein, die Behring gegenüber dem «Sonntag» erstmals ausspricht: «Mein Strafverteidiger musste sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen niederlegen.»

Nur ein Trick? Behring verneint vehement und der betreffende Jurist bestätigt, dass er schwer erkrankt ist. Auch wenn ein zweiter, von Behring bestellter Anwalt engagiert ist, muss nun von Amtes wegen ein neuer Pflichtverteidiger eingesetzt werden. Dazu ist bereits ein Hickhack ausgebrochen, wie es für den Fall Behring typisch ist. Der Basler Ex-Financier schlug den Anwalt seiner Frau als neuen Rechtsbeistand vor. Das lehnte die BA ab, weil angeblich ein Interessenkonflikt vorliege. «Dabei hat meine Frau diese Lösung ausdrücklich gewünscht und sie ist auch nicht mehr in dieses Verfahren involviert», sagt Behring. Jetzt muss das Bundesstrafgericht in Bellinzona über seine Beschwerde entscheiden.

Behring erklärt anschaulich, was den neuen Anwalt erwartet: «Die Akteneinsicht umfasst rund 1,8 Millionen Seiten. Das sind rund 3600 prall gefüllte breite Bundesordner, was einer Gesamtlänge von etwa 265 Metern entspricht.»

Die Gegenseite ist konsterniert. «Der Ausfall des Pflichtverteidigers wird zu einer weiteren enormen Verzögerung führen», sagt der Zürcher Anwalt Lucius Richard Blattner. Er vertritt rund 150 Geschädigte. Unabhängig von der neuerlichen Verzögerung wird der Entscheid über eine Anklageerhebung nicht bis Ende Jahr erfolgen, wie dies die BA wiederholt in Aussicht stellte. Noch am Mittwoch teilte BA-Sprecherin Jeannette Balmer dem «Sonntag» mit:

«Der für den Fall zuständige Staatsanwalt des Bundes geht nach wie vor davon aus, dass der Fahrplan eingehalten wird.»

Konfrontiert mit BA-internen Einschätzungen, die völlig gegenteilig lauten, krebste Balmer drei Tage später zurück und teilte plötzlich mit:
«Aus heutiger Sicht (...) ist das ursprünglich formulierte Ziel ambitiös und muss neu überprüft werden.»

Diese Vorgehensweise erinnert fatal an die Fälle Holenweger und Hells Angel. Wieder gibt die BA nur so viel zu, wie man nachweisen kann – und kommuniziert nur die Hälfte der Wahrheit: Die Erkrankung des Pflichtverteidigers und die dabei von der BA mitverursachten Wirren werden verschwiegen.

Seit bald sieben Jahren laufen die Ermittlungen wegen gewerbsmässigen Betrugs, ungetreuer Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung und Geldwäscherei. Die Anwälte auf beiden Seiten gehen bereits davon aus, dass kaum vor 2014 mit einer Hauptverhandlung zu rechnen ist. Das wäre zehn Jahre nach Behrings Verhaftung. Delikte vor 1999 wären dann vermutlich verjährt – eine weitere Schlappe für die BA.

«Ich lasse mich gerne positiv überraschen, wäre aber sehr erstaunt, wenn bis Ende Jahr eine Anklageschrift vorliegen würde», sagt Geschädigten-Vertreter Blattner. Für Behring ist ein Abschluss der Ermittlungen in naher Zeit schon «rein technisch nicht möglich».

Diese Einschätzung wird von Gegenanwalt Blattner geteilt. Denn Privatkläger haben das Recht, an Untersuchungshandlungen teilzunehmen, Beweisanträge zu stellen und an der Schlusseinvernahme dabei zu sein. «Allein dieser Ablauf wird das Verfahren in die Länge ziehen», sagt Blattner. Er spricht aus, was im Fall Behring alle Beteiligten denken: «Das Verfahren steht von Anfang an unter einem unglücklichen Stern.»

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