Sie wollen keine Helden sein: Fast alle Rettungssanitäter aus dem Oberwallis, die in der Nacht auf Mittwoch im Autobahntunnel der A9 bei Siders im Einsatz standen, trafen sich gestern zu einer Nachbesprechung. «Jeder hat erzählt, wie er die Rettung erlebt hat», sagt Matthias Volken, der Leiter des Oberwalliser Rettungsteams. Er traf in jener Nacht als einer der Ersten am Unglücksort ein. Was er erlebt hat, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf: «Als wir in den Tunnel gingen und diesen typischen Benzin- und Öl-Geschmack in der Nase hatten wussten wir, wie ernst es war», sagt Volken, der selbst zwei kleine Kinder hat.

Bei der Nachbesprechung war ein Psychologe aus dem Rettungsteam anwesend. Er führte Einzelgespräche mit den Helfern. «Das Ereignis hat uns alle stark mitgenommen – es soll aber nicht zu einer Belastung werden», sagt Matthias Volken. Auch die Feuerwehrleute von Siders wurden psychologisch betreut. «Wir haben in kleinen Gruppen über unsere Erlebnisse geredet. Das war sehr hilfreich», sagt Kommandant Reynold Favre. Denn was die Retter im Tunnel bei Siders erlebt haben, ist traumatisch.

«Die weniger schwer verletzten Kinder sassen im hinteren Teil des Busses», erinnert sich Retter Matthias Volken. «Weiter vorne waren nur noch Leichen zu bergen.» Volken hatte die schwere Aufgabe, eine Triage vorzunehmen – zu entscheiden, in welcher Reihenfolge sich die Retter um die Kinder kümmern sollten. «Hoffnung gaben uns zwei 10-jährige Buben, die weiter vorne im Bus eingeklemmt waren und die als Einzige im vorderen Teil des Busses überlebt haben», sagt Volken. Danach konnte sein Team nur noch Tote bergen.

Die beiden Buben aber halfen den Rettern, das schreckliche Unglück besser zu verarbeiten: Volken und sein Team fuhren sie zuerst ins Spital von Sitten, wo sie auf die anderen 14 Überlebenden des Unfalls trafen. «Dieser Moment war sehr emotional», schildert Volken das Wiedersehen. Später fuhr das Team des Rettungsleiters die verletzten Kinder, die im Spital Sitten waren, zum Flugplatz. «Dort habe ich dann die beiden Jungs wieder getroffen», sagt Volken. Dieser Moment habe viel dazu beigetragen, dass er den schrecklichen Unfall verarbeiten kann, wie er sagt. Jetzt gönnt er sich ein paar ruhige Tage mit seiner Familie: «Das hilft auch, um von der Unfallnacht Abstand zu gewinnen.»

Gestern konnte eine weitere Überlebende des Unglücks zurück in ihre Heimat: Ein Mädchen, das im Berner Inselspital behandelt worden war, wurde in ein belgisches Krankenhaus gebracht. Damit sind noch drei Kinder aus Belgien in der Schweiz. Sie befinden sich im Universitätsspital Lausanne. Zwei von ihnen liegen noch immer im künstlichen Koma.

Belgien steht weiter unter dem Eindruck der Katastrophe. Wenn heute der Fasnachtsumzug durch die Strassen Aarschots geht, geschieht das in aller Stille, ganz ohne Musik. Im Gedenken werden weisse Fahnen den Weg säumen. Das Städtchen in der Nähe von Antwerpen nimmt in der Geografie der Trauer neben Lommel und Löwen einen besonderen Platz ein. Das Busunternehmen Toptours hat hier seinen Sitz, und beide Fahrer stammen aus der Stadt.

Inhaber Tom Coremans war zum Zeitpunkt der Katastrophe selbst mit einer Schulklasse unterwegs in die Schweiz. Die Nachricht habe seine Welt einstürzen lassen, sagt Coremans. Erklären kann er das Geschehene so wenig wie alle anderen. Auch er wartet auf Informationen aus der Schweiz zum Ablauf des Unfalls. Dort konzentriert sich die Staatsanwaltschaft auf einen Fahrfehler oder auf technisches Versagen. Der Bus wurde an einen unbekannten Ort gebracht – damit die Arbeit der Ermittler nicht durch Medienvertreter gestört wird, die teilweise die Grenzen überschritten haben.

Welche Stellung das Traditionsunternehmen Toptours in Aarschot hat, sieht man an einem Brief. «Zahlreiche Male brachten Eure Fahrer unsere Kinder sicher ans Ziel. Dieses eine Mal passiert etwas Schreckliches.» Der Brief ist von den Lehrern der Schulgemeinschaft Aarschot. Er liegt auf den Treppen vor dem Firmensitz an einer schmucklosen Ausfallstrasse. Wie an den beiden Schulen häufen sich auch hier Blumen, Stofftiere und Basteleien.

Ein paar Häuser weiter findet sich in einer Halle der Auto-Shop Coremans, der einem Verwandten des Toptours-Inhabers gehört. Auf einer Trauerkarte am Tresen aber wird neben den verstorbenen Kindern und ihren Familien auch der Fahrer «Paul und Geert» gedacht. Der 53-jährige Geert ist seit sieben Jahren für Toptours gefahren. Paul, der jüngere, war eine Teilzeitkraft und arbeitete beim flämischen Busnetzwerk De Lijn. Für den Job in der Schweiz hatte er extra Ferien genommen.

Noch ein Zettel liegt auf dem Verkaufstisch, neben einer gelben Frühlingsblume und einer Kerze. Die Namen von Pauls Frau und Tochter stehen darauf, dazu sein Geburtsdatum und der Todestag. Vier Tage nach dem Unglück wäre er 35 geworden.

Im 50 Kilometer entfernten Lommel wird die Grundschule ´t Stekske an diesem Wochenende zu einem Wallfahrtsort der Trauernden. Huub van der Meyde ist der Küster der benachbarten Kirche. Die Kinder kannte er alle. Einige von ihnen sollten nach Ostern gefirmt werden. «Aber jetzt wird es keine Feier geben, denn acht von elf Firmlingen sind tot.»

Am Mittwoch, sagt der Küster, soll es in Lommel eine zentrale Trauerfeier geben. Danach kommen dann, einzeln, die Beerdigungen der Kinder. Auch darum wird Huub van der Meyde mit dem Unglück im Tunnel von Siders wohl so schnell nicht fertig werden.

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