Jetzt baut auch die Agglomeration in die Höhe

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Die Freude der Zürcher währt kurz. Schon bald wird ihr Prime-Tower nur noch den Bronze-Platz der Schweizer Hochhäuser belegen.

Die Schweiz wächst in die Höhe. Ein eigentlicher Hochhaus-Boom hat vom Land Besitz ergriffen. Dutzende neuer Projekte sind in Planung oder bereits in Bau, Tausende neuer Wohnungen und Büros entstehen. Bekannt sind die Hochglanzbauten: der Messeturm in Basel, das neue 178-Meter-Haus des Pharmariesen Roche oder der Prime-Tower in Zürich.
Auch die Westschweiz schläft nicht: In Chavannes bei Lausanne soll ein 140 Meter hohes Wohnhaus entstehen. Das «La Tour des Cèdres» genannte Projekt hat vom Kanton Waadt dieser Tage grünes Licht erhalten, eine Volksabstimmung wird in einem halben Jahr stattfinden. Das Projekt «Métamorphose» nahe Lausanne soll ebenfalls die 100er-Marke knacken.

Die Prestige-Projekte sind aber nur Beispiel für einen breiten Trend. Alleine in Zürich sind sieben Gebäude mit mindestens 80 Metern Höhe in Planung oder im Bau, etwa die drei 80-Meter-Hochhäuser des Vulcano-Projekts in Zürich Altstetten. Standen die Hochhäuser bisher allerdings vornehmlich in den grösseren Städten, breitet sich das Bauen in die Höhe nun auch in den Agglomerationen und in Kleinstädten wie Pratteln oder Wallisellen aus.

Ob Hochhäuser zur Verdichtung geeignet sind, ist allerdings umstritten. Jean-David Gerber, Professor für Stadtplanung an der Universität Bern, relativiert ihren Nutzen. Ein Hochhaus trage nicht zwangsläufig zur Verdichtung eines Quartiers bei, sagt er. «Es stellt sich die Frage, ob der Bau von Hochhäusern nicht ein klares Zeichen für die Hilflosigkeit der Raumplanung ist, eine sanfte Verdichtung in restlichen Gebieten durchzusetzen.» Insbesondere wenn Hochhausprojekte am Stadtrand entstünden, könne dies als Zeichen für einen unzureichenden Verdichtungsprozess im Zentrum angesehen werden. Dort wären dichtere Bebauungstypen aus planerischer Sicht deutlich sinnvoller, sagt Gerber.
Doch genau am Stadtrand und in Agglomerationen werden die meisten neuen Hochhäuser gebaut.

Einer der Taktgeber für diese Entwicklung ist die Giroud Olma AG. Ihr bereits vor Jahren lanciertes Projekt eines 120 Meter hohen «Turms von Olten» wird in einem Monat dem Lenkungsausschuss der Stadt präsentiert, schon 2015 könnten die Bagger anrollen. «Wir sehen uns durchaus als Pioniere und glauben, einiges angestossen zu haben», sagt Thomas Jung von der Giroud Olma AG. Auf den Zug aufgesprungen sind nun auch andere: In Dübendorf soll ein 85 Meter hohes Gebäude entstehen, in Wallisellen steht ein solches seit kurzem. Die Halter AG baut in Dietikon den 80 Meter hohen Limmat Tower, am Luzerner Stadtrand das 88-Meter-«Hochzwei»-Haus, und in Ostermundigen soll ihr «Bären»-Hochhaus die 100-Meter Grenze knacken.

«Zentrale Lagen, auch in Agglomerationen, haben deutlich an Bedeutung gewonnen, unter anderem, weil vorhandene Infrastrukturen genutzt werden können», sagt Sandra Wetzel, Sprecherin der Halter AG. «Aufgrund der Knappheit des Bodens macht es keinen Sinn mehr, dass jeder sein Einfamilienhaus baut.» Die Wohnform Hochhaus könne zudem mit einem weiteren Aspekt auftrumpfen: «Die Aussicht ist ein kostbares Gut, das begehrt, aber immer seltener zu haben ist.» Die Kritik an den Hochhäusern abseits der Stadtzentren mag sie denn auch nicht teilen. «Die Akzeptanz von Hochhäusern ist gestiegen», sagt sie; dieser Meinungsumschwung sei denn auch mit ein Grund für den Boom.

Stadtplaner Gerber zweifelt am Meinungsumschwung. «Mein Gefühl ist, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung sich mit dem traditionellen Kleinstadt-Charakter unserer Städte verbunden fühlt», sagt er. «In den meisten Schweizer Gemeinden braucht es keine Hochhäuser, um die Verdichtung zu stärken. Bereits eine Ausnützung der bestehenden Potenziale im dörflichen und kleinstädtischen Raum kann eine massvolle Verdichtung bewirken.»
Halter-Sprecherin Sandra Wetzel hegt indes keine Zweifel daran, dass der Hochhaus-Bau in der Schweiz weitergeht. Steine in den Weg lege heute allerdings noch die Politik. Das Baugesetz lasse in den meisten Gemeinden keine Verdichtung mittels Hochhäusern zu. Ob der Trend anhält, dürfte deshalb vor allem von der Politik bestimmt werden.

Eine erste Entscheidung fällen wird der Zürcher Stadtrat am 24. Oktober. Dann wird die Teilrevision der Zonenordnung vorgestellt. Die Stossrichtung scheint klar zu sein. «Der anhaltend hohe Entwicklungs- und Erneuerungsdruck bei zunehmender Flächenknappheit führt zu baulichen Verdichtungen», heisst es in der Auftragserteilung der Stadt. «Diese Siedlungsentwicklung ist raumplanerisch erwünscht.»

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