VON CLAUDIA MARINKA

Die Zahlen, die das Bundesamt für Statistik für das Jahr 2009 vorlegt, sind schockierend. Erstmals hat das Amt aufgrund von Polizeidaten ausgewertet, zu wie vielen männlichen und weiblichen Opfern häusliche Gewalt führt. Dem «Sonntag» liegt die Auswertung vor. Demnach ist bei Tötung oder versuchter Tötung in 31 Prozent der Fälle das Opfer ein Mann und die Täterin eine Frau. Bei schwerer Körperverletzung sind es 21 Prozent, bei einfacher Körperverletzung 17 Prozent. Insgesamt beträgt der Frauenanteil bei den Gewaltdelikten in Beziehungen 20 Prozent.

Tatsächlich liegt der Wert noch höher. «Die Polizeistatistik erfasst nur die offiziellen Fälle. Der effektive Anteil, unter Berücksichtigung der Dunkelziffer, liegt weitaus höher», sagt Oliver Hunziker, Präsident des Vereins verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter (VeV). «Die Dunkelziffer ist gross, viele Männer schämen sich», bestätigt Dori Schaer-Born, Präsidentin der Berner Fachkommission für Gleichstellungsfragen. Eine Gewalttat stehe «im Widerspruch zum männlichen Rollenbild». Zudem würden viele Männer «nicht Ernst genommen, wenn sie sich bei der Polizei melden».

Seit einem Jahr gibt es zwei Anlaufstellen: in Erlenbach ZH das von einem Pfarrer initiierte Männerhaus und im Aargau das Väterhaus des VeV. Die Nachfrage ist gross: Beide Häuser sind gut ausgelastet.

Gemäss der Zürcher Kantonspolizei hat die Gewaltbereitschaft der Frauen in den letzten Jahren zugenommen. «Frauen sind eher bereit, tätlich zu werden», sagt Pressechef Mario Cortesi.

Die Gründeder weiblichen Aggressivität sind noch wenig erforscht. «Die häuslichen Machtverhältnisse haben sich verschoben: Mann und Frau nähern sich einer Machtsymmetrie. Das macht Konflikte zunehmend prekär und schliesslich ausweglos, weil niemand sich verstanden fühlt», sagt Paartherapeut Klaus Heer. Der Mann komme sich heute im Beziehungsalltag oft mindestens so schwach vor wie seine Partnerin: «Frauen reagieren mehr und mehr gleich wie Männer: Je hilfloser sie im Konfliktfall sind, umso eher neigen sie zu physischer Gewalt.»

Laut ausländischen Studien sind die häufigsten Motive für Gewalthandlungen durch Frauen Zwang, Ärger und der Wunsch, den Partner für schlechtes Benehmen, besonders für Untreue, zu bestrafen. Trennung und Scheidung gelten als besonders hohe Risikofaktoren für partnerschaftliche Aggressionen. Oft spielten Eifersucht, das Bedürfnis nach Macht und Kontrolle, aber auch allgemeine Frustration und Stress eine Rolle.

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