Schulen schaffen Weihnachtsfeiern ab, verzichten auf christliche Lieder und verbannen den Adventskranz aus den Klassenzimmern. Weil Schulen konfessionsneutral sein müssen und der Anteil von Kindern nichtchristlichen Glaubens zunimmt, wird das Schulzimmer auch zur Weihnachtszeit zunehmend zur religionsfreien Zone. Das ist umstritten. Nun zeigt eine Umfrage, was die Schweizerinnen und Schweizer darüber denken.

Eine überraschend grosse Mehrheit findet, dass die christliche Weihnachtsgeschichte in den Schulunterricht gehört. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des unabhängigen Markt- und Sozialforschungsinstituts Link. In Auftrag gegeben wurde die Umfrage von der Schweizerischen Evangelischen Allianz, dem Dachverband der Freikirchen.

In Zahlen: Fast 80 Prozent der Befragten sind für die Vermittlung der Weihnachtsgeschichte in der Schule. Und längst nicht nur die Christen. Auch Angehörige anderer Religionen befürworten die (christliche) Weihnachtsgeschichte in der Schule. Am deutlichsten tun dies die Juden, gefolgt von Hindus, Buddhisten und Muslimen.

Der Lehrerpräsident Beat W. Zemp nimmt Stellung: «Die Weihnachtsgeschichte gehört zur kulturellen Tradition und soll im Unterricht ihren Platz haben.» Jedoch sollten laut Zemp auch Geschichten zu hohen Feiertagen von anderen Religionen im Unterricht vorkommen. Die Lehrpersonen reagierten damit auf die heterogenen multikulturellen Klassen, welche die heutige Gesellschaft widerspiegelten, so Zemp. Und weiter: Damit erfülle die Schule ihren integrativen Auftrag. Der Trend zu einem interreligiösen Religionsunterricht in der Schule wird durch das im Lehrplan 21 geplante Fach «Ethik und Religion» unterstützt.

Auch die Umfrageergebnisse zum Kirchenbesuch an Weihnachten kontrastieren mit den Schlagzeilen über Kirchenaustritte, Missbrauchsfällen und leere Gotteshäuser. Zumindest an Weihnachten sieht es anders aus: 36 Prozent aller Befragten – also gut jeder Dritte – bekennen sich dazu, an Weihnachten einen Gottesdienst oder eine Messe zu besuchen. Lässt man die Befragten ausser acht, die sich als atheistisch bezeichnen oder einem nichtchristlichen Glauben angehören, fällt das Resultat noch klarer aus. 49 Prozent des christlichen Teils der Bevölkerung gehen an Weihnachten in die Kirche. Das heisst: Weihnachten ist für viele Menschen mehr als ein Familienfest und mit religiösen Handlungen verbunden. Dafür spricht auch, dass jeder Achte an Weihnachten die Weihnachtsgeschichte in der Bibel liest.

Fast 80 Prozent der Befragten glauben an die Existenz von Jesus. Ob das die historische Existenz oder Jesus als biblische Figur ist, bleibt offen. Aber doch fast jeder Vierte ist der Überzeugung, dass die Weihnachtsgeschichte sich genau so zugetragen hat, wie sie in der Bibel steht.

Eine Erklärung für diese deutlichen religiösen Bekenntnisse hat die reformierte Zürcher Pfarrerin Katharina Hoby: «Gerade in so bewegten Zeiten mit Eurokrise und Regionen, die im Umbruch sind, haben viele Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit und Halt.» Denn wenn man nicht mehr wisse, wem man noch trauen könne, seien zweitausendjährige Werte wieder gefragt, sagt Hoby. Sie ist überzeugt, dass die Religiosität im Alltag der Menschen wieder eine wichtigere Rolle spielt und nur der Bezug zur Institution Kirche abnimmt.

Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln begrüsst, dass sich die Menschen mehr auch öffentlich zum Glauben bekennen. Das sei nicht immer so gewesen: «Lange Zeit wurde die Religion in der öffentlichen Diskussion tabuisiert», sagt Werlen. «Aber die Präsenz von anderen Glaubensgemeinschaften und die Stellungnahmen durch Freidenker fordern auch Christinnen und Christen heraus, stärker Position zu beziehen», so Werlen. Der Abt glaubt, dass die Menschen schon immer suchend waren. Durch die öffentliche Diskussion setzten sich viele Menschen wieder mehr mit Religion auseinander.

Doch es macht sich auch eine Endzeitstimmung breit. Fast 40 Prozent glauben daran, dass der Weltuntergang unausweichlich eines Tages eintreffen wird. Die Romands sind noch pessimistischer: Sogar jeder Zweite glaubt, dass der Weltuntergang kommen wird. Die Vorstellungen darüber, was nach dem Weltuntergang passiert, sind unterschiedlich: Gut die Hälfte glaubt, dass nach dem Ende der Welt alles wieder ins Nichts übergehen wird. Nur gerade jeder Zehnte glaubt, dass alle ins Paradies kommen. Knapp jeder Vierte glaubt aber, dass Gott über alle Menschen richten und eine Trennung zwischen ihnen schaffen werde – und zwar werden einige für immer in Gottes Gegenwart sein und die anderen auf ewig von ihm getrennt sein.

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