In den letzten sechs Monaten fuhr ich zweimal nach Italien.

Einmal mit dem Zug: die Platzreservation, die Anschlüsse, die Pünktlichkeit – alles picobello. Einmal mit dem Auto: die Strassen und Galerien ausreichend beleuchtet, die Autofahrer brav mit 130 bis 140 Stundenkilometern (ausser die mit CH-Nummer), kein Lichtgehupe von hinten, kein Gedränge. Es war langweilig wie in Österreich. Und in den Restaurants kamen die Rechnungen plötzlich gedruckt und nicht mehr als Hieroglyphen auf Notizpapier. Und auf dem Dorfmarkt gab es Kontrollen der Guardia di Finanza: «Lo scontrino? Dov’è lo scontrino?» Das Allerneuste war aber, dass man seine Rechnungen in Zukunft innerhalb von zwei statt sechs Monaten begleichen musste, sonst wäre die Finanzpolizei nicht nur auf den Markt, sondern zum Frühstück nach Hause gekommen.

Aber warum so etwas? Was ist passiert mit Italien? Mario Monti ist passiert. Der «Techniker». 2011 schwamm Bella Italia so schief, dass Silvio Berlusconi sich vom sinkenden Schiff schlich wie Capitano Schettino. Und das Parlament wählte Experten, welche die Lecks zu stopfen begannen. Plötzlich war Politik kein Zirkus mehr, sondern eine Werkstatt. Monti besuchte selten TV-Shows und seine Äusserungen waren immer elegant: «Herr Monti, was halten Sie von Berlusconi?» Seine Antwort: «Ich verstehe seine Logik nicht.» Das Brot der Komiker wurde hart und trocken, die Italiener wirkten wieder glaubwürdig. Ministerpräsident Monti, Staatspräsident Giorgio Napolitano und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi: Sie siezten sich wieder, das nepotistische Duzen war vorbei. Italien war immer noch krank, aber man ging nicht mehr zum Wunderheiler, sondern zum Arzt. Der Patient hat zwar gemotzt, aber die Antibiotika wurden brav geschluckt.

Aber dann? Die Schweinegrippe kam plötzlich zurück. «Basta mit dem Dottore, zurück zum Cavaliere!» Der Clown tanzte wieder über die TV-Bühne, und in «Wetten wir weiss ich was» und «Tuttifrutti Olgettine» verschenkte er wieder Glasscherben als Diamanten. Die Monti-Regierung fiel, und es blieb nichts anderes übrig als Neuwahlen vorzubereiten. Und jetzt? Lassen die Italiener sich noch von Berlusconi blenden? Sind sie wirklich so naiv? Ist ihnen egal, wenn das Land auseinanderfällt, Hauptsache, die Squadra Azzurra gewinnt und die Veline zeigen ihre TV-Brüste?

Klar ist etwas: Niemand wird allein gewinnen. Die Italiener werden wie immer ein Parlament bekommen, das so aussieht wie das Land: Antipasto misto. Vielleicht sollten sie etwas entdecken: Zusammenarbeit. Es könnte funktionieren wie in der Schweiz. Eine Partei randaliert und die anderen räumen gemeinsam auf. Lösungen findet man auch in Italien nur auf vernünftigem Weg. Der katholische Monti sollte mit Nicola Vendola zusammenarbeiten, schwul und begabter Präsident der Region Apulien. Der stille Pier Luigi Bersani vom linken Partito Democratico (PD) sollte sich den Schreihälsen der Gewerkschaften entgegenstellen. Und der Komiker Beppe Grillo, der ohne eine Sekunde Fernsehwerbung vielleicht mehr als 20 Prozent erreichen wird, sollte mit einer Flugschule anfangen, damit er als Politiker nicht abstürzt.

Italien besteht aus Widersprüchen wie die Götter im alten Griechenland. Hermes war der Gott der Nachrichten und der Diebe. Zeus war der Capo, musste sich aber in Tiere verwandeln, um heimlich Sex zu haben. Und Hera, oje, war seine Frau und gleichzeitig die Schwester. Aber in den Gegensätzen liegt auch die Kraft der Heimat von Don Camillo und Peppone. Der Sänger Franco Battiato arbeitet gratis als Kulturminister in der Regierung der Region Sizilien. Der bodenständige Bersani hat sich in den Vorwahlen der PD gegen die Pfauen durchgesetzt. Der homosexuelle Vendola regiert im katholischen Süden.

Und auch das: In Italien gibt es nicht nur alte Ruinen für Touristen, sondern auch moderne Forschungsinstitute, Universitäten, Bioproduzenten und schnelle Züge.

Die Neuwahlen sind eine Chance, doch sie bringen einen Berg von Arbeit: Wahlreform, Justizreform, Gefängnisreform, Wirtschaftsreform usw. Kurz und gut: Die Antibiotika müssen fertiggegessen werden. Es gibt nur einen Weg zum Gesundwerden: sachlich bleiben! Berlusconi ist eine Karnevalsmaske, die in bitteren Zeiten Süsses verteilt. Aber in der Wüste hat auch Jesus den Teufel getroffen. Am Dienstag wird die Wahlshow vorbei sein. Und wenn man dann merkt, dass die Realität nicht hinter dem Bildschirm liegt, sondern draussen vor den Fenstern, wird man hoffentlich die Fernbedienung weglegen.

Und wenn die neue Regierung wieder nicht funktioniert? Dann gibt es wieder Wahlen. Aber dann bitte ohne TV-Zirkus. Wobei im Vatikan wählen sie schon immer still und leise, nur mit Rauchsignalen. Doch Demissionen hat das auch nicht verhindert.

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