Jeb Corliss, ganz in Schwarz, montiert den Helm. Er stellt sich an die Felskante, atmet tief. Regungslos steht er da. Dann springt er. Der Flugmann stürzt sich vom Hinterrugg (2230 Meter) in Richtung Walensee. Corliss trägt einen Fluganzug, «Wingsuit» genannt. Damit fliegt er bis zur Schattenbachschlucht, im Basejumper-Jargon «The Crack», wo ein Mann Ballone in die Höhe hält – die soll er wohl treffen.

Dann stockt der Atem: Zwei Meter über Boden fliegt Corliss rund 200 km/h in die Schlucht hinein, der Mann mit den Ballonen wirft sich zur Seite. Corliss folgt der Schlucht und landet oberhalb des Städtchens Walenstadt mit Fallschirm.

Das Video , betitelt «Jeb Corliss ‹Grinding The Crack›», gedreht im September 2011, wurde auf Youtube mittlerweile 15 Millionen Mal angesehen, 91 000 haben «Mag ich» geklickt und über 19 000 einen Kommentar hinterlassen. Es ist das am häufigsten geschaute Video über Basejumping weltweit. Der Ort des Geschehens, die Gemeinde Walenstadt, zählt nur knapp 5000 Einwohner.

Die meisten im Dorf haben das Video gesehen. Der Gemeindeschreiber Remo De Rocchi ist fast ein wenig stolz auf die plötzliche Bekanntheit. «Spektakulär», sagt er zum Video. Seit 2008 springen hier Basejumper. Sie sind, anfangs aussergewöhnlich, zur Normalität geworden. An der Fasnacht verkleiden sich Bürger als Wingsuitpiloten. Diese selbst allerdings ärgern sich masslos über die Popularität des Videos.

Entdeckt haben Schweizer Basejumper die Absprungstelle im Jahr 2008. Seither fliegen sie regelmässig durch die Schattenbachschlucht. «Wir haben ein gespaltenes Verhältnis zu Jeb», sagt Basejumper Michael Schwery, «er springt vor allem für die Medien und braucht die Aufmerksamkeit.» Mit seiner draufgängerischen Flugweise diskreditiere er die ganze Szene. Ein anderer erfahrener Schweizer Basejumper nennt das Video «eine Katastrophe». Corliss wolle nur im Rampenlicht stehen.

Vor allem Nichtspringer sehen sich laut Michael Schwery das Video an und erhalten ein völlig falsches Bild des Sports: «So springt nur ein Bruchteil der Leute.» Unisono halten alle Corliss für einen schlechten Basejumper.

Corliss ist bekannt für waghalsige Stunts. Im Februar streifte er bei einem Sprung in Südafrika einen Felsen und brach sich beide Beine. Ein halbes Jahr früher, im September 2011, flog er in China durch ein Loch in einer Felswand. Im Vorfeld wohnte er zwei Wochen in einem Hotel in Unterwasser und sprang täglich vom Hinterrugg. In der Schattenbachschlucht trainierte er das «proximity flying». Dabei versuchen die Springer mit einem Wingsuit so nahe wie möglich am Terrain entlang zu fliegen. Dabei entstand das Video. «In der Szene wird das belächelt», sagt ein Basejumper mit über 1000 Sprüngen, «mit solchen Ballonen zu spielen, ist nur blöd und erhöht unnötig das Risiko.» Ein Ballon sei unberechenbar.

Der Sprung vom Hinterrugg braucht jahrelange Erfahrung und ist anspruchsvoller als die Sprünge im Lauterbrunnental, das als Mekka des Basejumping gilt. Dort wird mittlerweile 20 000 Mal pro Jahr gesprungen. Viele kommen dafür in die Schweiz. In Walenstadt sind es bisher rund 400. Das soll in den Augen der lokalen Springer so bleiben. «Wir wollen, dass die ausländischen Springer in Lauterbrunnen bleiben», sagt Michael Schwery. Dort seien sie kontrollierbar.

Denn Im Lauterbrunnental hat der Verein Swiss Base Association zusammen mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) Regeln erarbeitet, die für die ganze Schweiz gelten. Dort sind die Absprungorte beschriftet und Informationsplakate aufgestellt. «Die Zusammenarbeit hat sich bewährt und geholfen, die Risiken zu begrenzen», sagt BAZL-Mediensprecher Daniel Göring. Zum Sprung in Walenstadt sagt er: «Solange Grundregeln eingehalten und Dritte nicht gefährdet werden, sehen wir keinen Handlungsbedarf».

Aber auch in Walenstadt haben die Basejumper das Springen organisiert. Dem Bauern, dem der Landeplatz gehört, zahlen sie eine Entschädigung. Mit den Paraglidern haben sie sich abgesprochen. «Der Gemeinde sind keine Personen bekannt, die sich kritisch über das Springen äussern», sagt Remo De Rocchi. Folgen hat das Video für Corliss selbst. «Niemand wird ihm in Zukunft andere schöne Sprünge in den Alpen zeigen», sagt Basejumper Michael Schwery.

Hier der Link zum Video: http://bit.ly/nYHmYy

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