Als Sie 2010 als Steff la Cheffe auftauchten und bekannt wurden, galten Sie als frech, frisch, jung und unbekümmert. Wie ist die Steff, Ausgabe 2013?
Steff la Cheffe: Damals war alles noch neu. Heute weiss ich, wie der Hase im Musikbusiness läuft. Ich würde mich zwar noch nicht als abgebrüht bezeichnen, bin aber sicher etwas entspannter und sicherer. Vor drei Jahren hat mich all der Rummel auch psychisch mitgenommen. Es war für mich krass, plötzlich eine Person der Öffentlichkeit zu werden. Es ist nicht einfach, wenn man merkt, dass man unter permanenter Beobachtung steht.

Wie haben Sie das erlebt?
Auf der Bühne war das kein Problem. Ich finde es aber nicht so toll, wenn ich am nächsten Morgen in der Bäckerei von wildfremden Leuten angequatscht werde. Und ich auch im Ausgang mit Kollegen ständig gestört und als Allgemeingut betrachtet werde. Ich mag es nicht, beobachtet zu werden, ich beobachte lieber selber.

Wie schützen Sie sich?
Man gewöhnt sich auch daran. Ich habe aber gelernt, dass ich einfach zu Hause bleibe, wenn ich am Limit bin. Mein Privatleben findet in meinen vier Wänden statt. «Bleib, wie du bist», heisst es doch so schön. Aber wie soll das gehen, wenn alle um dich herum spinnen und ausflippen. Wie soll ich ich bleiben, wenn sich die anderen in ihrem Verhalten mir gegenüber verändern?

Hat man Sie falsch eingeschätzt?
Definitiv. Man hat mich überschätzt. Meine Souveränität und mein Selbstbewusstsein hab ich als Steff la Cheffe bewusst überhöht. Plötzlich sollte ich zu allem und jedem kompetent Auskunft geben. Dabei war das ein Rollenspiel und die Rolle von Steff la Cheffe ist nicht hundert Prozent deckungsgleich mit Stefanie Peter. Deshalb habe ich den Song «Ha ke ahnig» geschrieben.

Waren die Reisen nach Südafrika auch eine Art Flucht?
Flucht ist ja keine Lösung. Doch Afrika, die Reisen nach Südafrika, war schon sehr befreiend und inspirierend. Überhaupt: Reisen geben mir Luft und Energie. Mir wurde auch bewusst, dass mir im Grunde die ganze Welt offen steht. Gerade als Schweizerin gibt es viele Alternativen zu einem Leben in der Schweiz. Man muss es nur wollen. Mein Lebensmodell ist selbst gewählt, und wenn es mir nicht passt, kann ich es ändern.

Ihr neuer Song «Meitschi vom Breitsch» ist eine Hymne für das Breitenrain-Quartier in Bern? Wie müssen wir uns das Quartier vorstellen?
Das Quartier Breitenrain ist ein sehr schönes, altes Quartier. Keine Hochhaus-Siedlung. Ein Kosmos in sich und sehr trendy. Hier bin ich aufgewachsen, hier fühle ich mich daheim. Es entspricht einer Rap-Tradition, dass man sich auf seine Herkunft und sein Quartier bezieht.

Und wie sind die Mädchen aus diesem Quartier?
Sie sind frech und wissen, was sie wollen. Sie nehmen sich, was ihnen zusteht. Sie lassen sich nicht einschüchtern und wollen die Welt erobern.

Was heisst das auf Sie bezogen?
Ich wurde lange ignoriert, wurde nicht ernst genommen und musste mich durchkämpfen.

Wieso gibt es gerade in der Schweiz Frauen, die überdurchschnittlich guten Rap machen?
Vielleicht, weil die Frauen in der Schweiz doch relativ gut emanzipiert sind. Dazu bewegt sich der Schweizer Rap in einem gut gebildeten Milieu. Schweizer Hip-Hop ist kein Unterschichten-Phänomen aus den Gettos oder Banlieues. Dort hat die Frau noch eine andere Stellung als bei uns im «Breitsch».

Ist Schweizer Hip-Hop ein Ding von Intellektuellen?
Immer weniger. Die nachstossende Generation der 15- bis 20-Jährigen ist mit dem Rap von Aggro-Berlin aufgewachsen und ist geprägt von diesem Gangster- und Strassen-Rap. Ich finde aber, dass hier in der Schweiz der Gangster-Rap ein Fremdkörper ist. Er hat weniger Legitimität als anderswo, weil wir halt doch ein sehr wohlhabendes Land sind. Es gibt natürlich auch hier arme Leute. Ich habe das selber erfahren. Meine Mutter war alleinerziehend und unsere Familie lebte fünf Jahre von der Sozialhilfe. Aber das Milieu hat gestimmt. Wir sind nicht im Elend aufgewachsen und waren im Quartier gut aufgehoben. Einem Rapper aus den Banlieues von Marseille kaufe ich deshalb die Gangster-Attitude ab. Einem Rapper aus Spreitenbach aber weniger.

Sie haben Ihrem autistischen Bruder den berührenden Song «Chrieg i dim Chopf» gewidmet. Was bedeutet Ihnen Ihr Bruder?
Mischa ist zwei Jahre jünger als ich, aber inzwischen ist er der Grösste der Familie. Bis er 18 Jahre war, ging er in eine heilpädagogische Schule, hat aber immer zu Hause gewohnt. Ich bin mit ihm aufgewachsen. Im Alter von zwei Jahren wurde bei ihm Autismus diagnostiziert. Damals war es für mich schwierig zu verstehen, weil er mehr Aufmerksamkeit brauchte. Ich erinnere mich daran, wie er mit dem Hammer alle Spielsachen kaputt schlug, darunter auch meine. Ich fand das natürlich ungerecht.

Haben Sie sich für ihn geschämt?
Auf dem Spielplatz und in der Schule zuerst schon. Denn ich merkte, dass die anderen nicht damit umgehen konnten. Mit der Zeit nahm ich ihn aber immer mehr in Schutz und versuchte, sein Verhalten zu erklären. Ich wurde seine Übersetzerin.

Wie ist euer Verhältnis heute?
Heute find ich ihn extrem cool. Er hat die besten Sprüche drauf. Meine Mam ist immer seine Hauptbezugsperson gewesen. Mir wird aber je länger, je mehr bewusst, dass ich einmal diese Rolle übernehmen muss.

Dann kommen Sie gut an ihn heran?
Ja, und er ist eigentlich ein frohes Gemüt und zufrieden. Früher war er sehr autistisch und hatte eine eigene Kauderwelsch-Sprache. Aber im Laufe der Jahre hat er enorm aufgetan. Die meisten Leute verstehen ihn heute, er sagt «Hallo» und fragt manchmal sogar etwas. Früher hat er gar nicht reagiert. Er zeigt Fähigkeit zur Interaktion und Empathie.

Kommt er an Ihre Konzerte?
Er ist auch schon gekommen. Aber es ist schwierig einzuschätzen, ob er versteht, was ich genau mache. Meine Mutter sagt, dass er auch schon eifersüchtig geworden ist, weil mir dann mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Er steht mehr auf Marschmusik und klassische Musik und Michael Jackson findet er auch ganz toll. Ich vermute, dass Rap nicht so sein Ding ist.

Hip-Hop ist bekannt für die krasse, direkte Sprache. «Arschloch bleibt Arschloch», sagte FDPPräsident Philipp Müller über einen Schweizer Abzocker. Darf ein Parteichef das Wort «Arschloch» öffentlich brauchen?
Das wäre eigentlich unser Job. Aber vielleicht ist Philipp Müller ja ein heimlicher Rapper. In jeder Gesellschaft sollte es Hofnarren geben, die Sachen sagen dürfen, die andere nicht aussprechen dürfen. Die, die Wahrheit sagen und auch übertreiben dürfen. Die sich über den Herrschenden lustig machen dürfen, und dafür nicht bestraft werden.

Heute sind Künstler die Hofnarren.
Genau. Die dürfen und müssen solche Wahrheiten aussprechen. Wenn sie es nicht machen, sind sie langweilig, unkritisch und kommerziell. Aber darf das ein Parteichef einer staatstragenden Partei wie die FDP? Grundsätzlich schon. Jeder darf sagen, was er will. Es herrscht ja Meinungsfreiheit. Aber ist es auch schlau? Ist es angemessen? Dient es der Sache oder manövriert er sich damit selbst ins Abseits?

In der ganzen Schweiz kämpfen Jugendliche für mehr Freiraum. «Wöu mir das Läbe liebe, wie mir das Läbe fiire», singen Sie in «Grächtigkeitsgass». Es klingt wie eine Hymne für die bernische Variante dieser Proteste.
Das ist es. Die Proteste in Bern heissen «Tanz dich frei». Es ist eine Bewegung, die auf das Clubsterben reagiert hat und sich gegen Restriktionen und Einschränkungen in der Stadt Bern wehrt. Gegen die allgemeine Verbotskultur. Ab 1 Uhr durfte man sich zum Beispiel nicht mehr auf dem Vorplatz der Reithalle aufhalten. Das ist völlig unrealistisch, denn die Jugendlichen gehen heute erst gegen Mitternacht in den Ausgang. Es findet ein Clash der Kulturen und der Generationen statt.

Was stört denn?
Argumentiert wird mit dem Lärm, doch dort gibt es kaum Anwohner. Es ist absurd, während das Stadttheater Millionen an Subventionen kassiert, muss sich die Alternativkultur in Bern immer noch rechtfertigen. Es ist unsere Art der Kultur, unsere Art, wie wir sie ausleben und feiern. Die Kultur der Jugend ist halt etwas lauter und wilder, aber es muss in Bern Platz für beides haben. Und zwar in der Stadt und nicht in irgendeinem Areal neben der Autobahn. Es ist auch unsere Stadt, nicht nur jene der Mehrbesseren. Man muss Lösungen für alle finden und nicht einfach verbieten.

Ich stelle bei den heutigen Jugendlichen einen starken Freiheitsdrang fest. Er wird auch in Ihren Texten deutlich. Sie sind aber auch eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Was ist bei Ihnen stärker ausgeprägt?
Das stimmt. Gerechtigkeit und Freiheit stehen oft im Gegensatz zueinander. Deshalb hört meine Freiheit dort auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Beides ist auch eine Utopie. Die absolute Freiheit gibt es ebenso wenig wie die absolute Gerechtigkeit. Aber beides ist erstrebenswert.

Auch bei der 1:12-Initiative geht es um die Frage: Mehr Gerechtigkeit oder mehr Freiheit?
Die Initiative entspricht schon meinem Gerechtigkeitsempfinden. Es stört mich, dass wir in der Schweiz immer noch so viele Working Poor haben. Während andere in Saus und Braus leben, ohne den Finger zu krümmen. Umgekehrt ist es schon ein massiver Eingriff in die Freiheit des Handelns. Und ist es die angemessene Massnahme? Ist der Faktor 12 nicht etwas gar beliebig? Dazu sprechen wir immer nur von den abzockenden Managern. Doch, was ist mit den Popstars, die im Hallenstadion auftreten? Was mit den Fussball-Stars? Oder mit Roger Federer? Darf er nur noch das Zwölffache eines Linienrichters verdienen?

Finden Sie Ihren Lohn gerecht?
Bei freischaffenden Künstlern schwankt das Einkommen eben stark. Wenn ich auf Tour bin, verdiene ich genug. Wenn ich an einer Produktion arbeite, ist Schmalhans angesagt. Immerhin kann ich seit drei Jahren von der Musik leben und konnte meinen Lebensstandard halten. Ich konnte mir Ferien leisten und habe ein kleines Polster auf dem Konto. Das muss aber sein, weil ich bis heute keine 3a-Säule gelöst und keine Taggeldversicherung habe. Ich bin wohl eher beim Mindestlohn von gut 3000 Franken.

Sie arbeiten in einem kleinen Team mit dem kleinen Label Bakara Music zusammen. Sie wurden doch sicher auch von grossen Majorlabels heiss umworben.
Ja, es hat auch Gespräche gegeben. Aber es gibt bei Majors Mechanismen und Zwänge, die nicht vereinbar sind mit meinen Vorstellungen als freie und unabhängige Künstlerin. Ich weiss nicht, was in drei Jahren ist und lasse mich nicht in ein vorgefertigtes System pressen. Es geht den Majors in erster Linie nicht um die Qualität der Musik, sondern primär um den Profit.

Braucht es die Majors überhaupt noch?
Das ist tatsächlich fraglich. Mit Rundum-Verträgen suchen die Majors nach neuen Einnahmequellen und versuchen, die Einbussen aus den CD-Verkäufen zu kompensieren. Mit dem Umbruch im Musikbusiness hat sich aber auch das Selbstverständnis der Künstler verändert. Wir sind nicht mehr angewiesen auf die grossen Plattenfirmen. Internet und die technischen Neuerungen haben die Do-it-yourself-Möglichkeiten massiv gestärkt. Social Media eröffnen auch in Sachen Promotion neue Horizonte. Da nützt mir das kleine Label mehr, das mit Herzblut arbeitet, mich und meine Bedürfnisse kennt und auch als Mensch ernst nimmt.

Dann ist die Entwicklung in der Musikindustrie eigentlich positiv für die Künstler?
Für die grossen Plattenfirmen ist es sicher schlecht, für die Künstler hat es aber auch positive Seiten. Der Vorteil der Majors lag darin, dass sie deine Musik einer grossen Masse zugänglich machen konnten. Das kann aber heute das Internet übernehmen. Wir haben jetzt alles selber aufgebaut. Wir wären schön dumm, wenn wir alles wegwerfen würden. Urheberrechtlich gibt es im Zusammenhang mit dem Internet viele Unklarheiten und Fragezeichen. Umgekehrt eröffnet dir das Internet auch viele neue Möglichkeiten und neue Kanäle. Es ist ja nicht nur ein Fluch, wenn deine Musik überall zugänglich ist. Es hat auch einen positiven Promotionseffekt.

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