Die Mängel am Atomkraftwerk Mühleberg sind umfangreicher als bisher bekannt. Der am Freitag publizierte Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA offenbart neue Details. Diese waren nicht zur Sprache gekommen, als die Mühleberg-Betreiberin BKW im Herbst über die Untersuchung der IAEA informierte.

Atomkraft-Gegner und Umweltschützer Jürg Joss spricht von einer «massiven Beschönigung» der Situation durch die BKW. Die nun publizierten Mängel hätten eine «neue Qualität».

Der Bericht weckt den Eindruck, das AKW Mühleberg nehme es zu wenig genau mit Formalitäten. Es ist die Rede davon, dass bei Schicht-Ende Übergabeprotokolle nicht eingehalten werden oder dass zu Pannen oder heiklen Situationen («Near Misses») keine Berichte erstellt werden. Der Bericht nennt zahlreiche Probleme («Issues»), zu denen er entweder «Vorschläge» oder «Empfehlungen» abgibt, wie sie behoben werden können.

So bemängelt der Bericht unter Punkt 1.2, dass das Management zu wenig Zeit im Betrieb verbringe, um diesen zu überwachen und das Personal zu betreuen. Zwar seien 2008 neue Abläufe definiert worden, welche die Kommunikation zwischen Management und Belegschaft hätten verbessern sollen. Dies sei in der Folge aber immer weniger umgesetzt worden. Das Ziel, dass jeder Manager jährlich 20 Beobachtungen im Betrieb mache, sei nicht erfüllt worden. Die Betriebsleitung habe diese Mängel zwar durchaus festgestellt, hält der Bericht fest. Sie sei jedoch nicht fähig gewesen, «die Situation zu entschärfen».

Viele Anmerkungen der nicht gerade als atomkritisch bekannten IAEA betreffen die Betriebssicherheit. Als besonders kritisch bezeichnet Mühleberg-Gegner Joss die Ausführungen zur «Notfallplanung». Dort kritisiert der Bericht den Zustand des Notfall-Kontrollzentrums SUSAN, in das die Steuerung des AKW ausgelagert wird, wenn die normale Betriebszentrale wegen eines Störfalls nicht mehr verwendet werden kann. Das SUSAN-Gebäude sei zwar gegen externe Risiken gesichert und mit den notwendigen Kommunikations-Tools ausgerüstet, aber die «langfristige Bewohnbarkeit» durch das Notfall-Team sei «in seinem heutigen Zustand nicht gesichert».

Was das genau heisst, führt der Bericht nicht aus. Auch die Kraftwerkleitung wollte gegenüber dem «Sonntag» keine Erklärung abgeben. Des Weitern kritisiert der Bericht, dass die Sammelplätze im Fall einer Notfall-Evakuation weder beschriftet seien noch jedweden Schutz böten. Zudem gebe es keine schriftlichen Vorschriften, wie bei einer Evakuierung von Personen vorzugehen sei.

Auch die Betriebsfeuerwehr wird kritisiert. So hält der Bericht fest, es stehe nicht zu jeder Zeit ein genügend qualifiziertes Feuerwehrteam zur Verfügung. An acht Tagen sei die Mindestanforderung von zwei Feuerwehrleuten nicht erfüllt gewesen.

BKW-Sprecher Antonio-Sommavilla will nicht von Mängeln sprechen. Er verweist darauf, dass die IAEA dem AKW Mühleberg insgesamt einen hohen Sicherheitsstandard ausweise. Diesen wolle man «weiter ausbauen», so Sommavilla. Die BKW halte das bemängelte Notstandsystem SUSAN für ausreichend. Man nehme den Bericht aber zur Kenntnis und prüfe, wie darauf reagiert werden müsse.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!