VON YVES DEMUTH

Unter den Stromverteilern gibt es laut Urs Meister von der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse Eurokrisenprofiteure: «Schweizer Stromverteiler, die über eine zu kleine Eigenproduktion verfügen und sich teilweise direkt an der Börse mit Strom eindecken, profitieren bei der Energiebeschaffung von der Eurokrise.»

Für Walter Müller von der Gruppe grosser Stromkunden ist deshalb klar: «Der Strompreis müsste aufgrund des starken Frankens sinken.» Er kritisiert, dass die «Einkaufsvorteile bisher nicht weitergegeben werden, da der Wettbewerb nur ungenügend spielt.»

Der Grund für diese Forderungen ist die Entwicklung an der Strombörse: Während der Marktpreis in Euro so hoch wie vor 12 Monaten ist, hat sich der Preis in Franken um rund 15 Prozent verbilligt (siehe Grafik). Momentan zahlt sich dieser Frankenvorteil aber einzig für Grosskunden im freien Markt aus.

«Wir können Strom dank der Frankenstärke günstiger einkaufen», sagt etwa Roger Holzer, der bei Lonza in Visp für die Strombeschaffung zuständig ist. Der Chemie- und Pharmazulieferer ist nach den SBB der grösste Stromverbraucher der Schweiz und kauft seine Energie auf dem freien Markt ein. Dabei profitiert Lonza vom starken Franken. Holzer betont indes, dass das Strompreisniveau im internationalen Vergleich trotzdem hoch sei, und Lonza die Probleme der Frankenstärke allein damit nicht lösen könne. Vom selben Effekt profitieren auch die SBB, deren eigene Kraftwerke im Winter nicht genügend produzieren. «Wir profitieren bei Einkäufen», sagt ein Sprecher, «verdienen aber gleichzeitig weniger bei Verkäufen.»

Doch nicht nur Lonza und die SBB, sondern auch Firmen und Haushalte in der Grundversorgung sollten vom Einkaufsvorteil profitieren, sagen Müller und Energiespezialist Meister übereinstimmend. Walter Müller erwartet insbesondere bei Stadtwerken «spätestens bei der nächsten Preisrunde» tiefere Tarife. Denn viele davon deckten einen Teil ihres Bedarfs über den Markt.

Meister geht davon aus, dass sich in der Grundversorgung «der Euro-Effekt am ehesten in der Westschweiz niederschlagen» könnte, da dort die Preise bislang teilweise über dem Marktniveau lagen. Im Axpo-Versorgungsgebiet, wo die Preise unter dem Marktniveau liegen, werde sich hingegen wenig ändern.

Energieintensive Betriebe wie der Stahlproduzent Schmolz+Bickenbach fordern nun günstigere Tarife: «Wir erwarten von unserer Stromlieferantin CKW, aufgrund des starken Frankens uns mit den Preisen entgegenzukommen», sagt der operative Chef Marcel Imhof. Mehrere Gespräche mit Verantwortlichen der Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) führten allerdings zu keinem Ergebnis – auch weil der Liefervertrag noch bis nächstes Jahr dauert.

Die CKW, die im Winter Fremdstrom zu Börsenpreisen einkauft, gibt an, nicht vom starken Franken zu profitieren. Denn Importverträge seien teilweise bis zu drei Jahre vor der Lieferung abgeschlossen worden, begründet eine Sprecherin. Inwiefern in Zukunft die Tarife wegen der Frankenstärke sinken könnten, sei noch unklar. Müller entgegnet: «Die Strombranche benutzte steigende Preise an der Energiebörse als Argument für Preiserhöhungen.

Konsequenterweise müssen nun die Preise wieder fallen, statt steigen.»

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