Grete Rusenklau wollte eigentlich gar nicht stehen bleiben. «Ich habe es eilig», sagt die temperamentvolle Rentnerin. «Aber die junge Frau singt so bezaubernd, da muss man einfach zuhören.» So wie der 67-jährigen Rheinländerin ergeht es zurzeit manchem, der zum ersten Mal Anna Rossinellis Ballade «In Love for a While» hört. Das Lied hat einen eingängigen Refrain und es wird von drei Musikanten interpretiert, die sich erstaunlich behände im Haifischbecken mit dem Namen Eurovision Song Contest bewegen.

Erstaunlich darum, weil Anna Rossinelli, Manuel Meisel und Georg Dillier noch vor einem halben Jahr vor allem auf der Strasse musizierten und bestenfalls einer Handvoll von Feinschmeckern ein Begriff waren. Seit die drei im Dezember die Schweizer Ausscheidung zum Contest gewonnen haben, ist es aus mit der Beschaulichkeit. Rossinelli sagt, sie habe den Siegersong mittlerweile «bestimmt schon weit über dreihundertmal» gesungen.

«Und, ganz ehrlich: Er ist mir noch überhaupt nicht verleidet.» Das liege wohl daran, dass der Basler Komponist David Klein buchstäblich den richtigen Ton getroffen habe. Rossinelli: «Das Lied passt so gut zu unserer Art, wie wir Musik machen, dass wir es auch nach dem Contest in unserem Repertoire behalten werden.»

«In Love for a while» hat bestimmt das Zeug zum Evergreen. Bloss ist das nicht die allererste Funktion dieses Liedes. Ganz im Gegenteil: Das Dreiminuten-Werk muss am kommenden Dienstag auf Anhieb einer möglichst grossen Anzahl von Menschen in halb Europa gefallen. Das Trio verzichtet bei der Performance auf jeglichen choreografischen Schnickschnack und die Schweizer Delegationsleitung hat erfolgreich bei der ESC-Regie gegen das anfänglich allzu grelle Bühnenbild interveniert. Jetzt kommt es ganz allein auf Anna Rossinelli an.

Die Sängerin gibt sich trotz zunehmender Nervosität ganz schön abgebrüht und sagt: «Meine Stimme wird mir sicher keinen Streich spielen. Und wenn die ersten Takte gelingen, werde ich mich ganz auf die Interpretation konzentrieren können und zum Schluss hin den Auftritt vielleicht sogar geniessen können.»

In den letzten Tagen hat Anna Rossinelli zusammen mit der Regie ganz gezielt am Spiel mit der Kamera gearbeitet. «Als Strassenmusikerin war mir dieses Flirten mit der Linse völlig fremd. Aber jetzt habe ich richtig Spass daran gefunden.» Während andere Länder mit grossem Pomp und Brimborium die Darbietung zur Nebensache degradieren, setzt die Schweiz ganz auf die gesangliche und mimische Ausdruckskraft von Anna Rossinelli. Kleine Frau, grosse Stimme: ein so simples wie grandioses Konzept.

Unterstrichen wird die Persönlichkeit der gelernten Fachfrau für die Betreuung von Kindern mit einer Behinderung durch ein bordeauxfarbenes Kleid des angesagten Zürcher Labels Little Black Dress. Es ist auf die Figur geschnitten und macht aus der zierlichen Rossinelli eine elegante Lady. Dazu trägt sie Schuhe mit hohen Absätzen. «Und zwar gern», wie sie betont. «Eigentlich bin ich ja jemand, der vorzugsweise barfuss auf dem Boden steht. Aber das wäre hier wohl eher unangebracht.»

Wie auch immer das Abenteuer ESC ausgehen wird, Rossinelli, Meisel und Dillier werden als Formation zusammenbleiben. Rossinelli und Dillier auch als Liebespaar. Bevor hierzu eine Frage gestellt wird, sagt die Sängerin wie aus der Pistole geschossen: «Nein, wir haben nicht vor, demnächst zu heiraten.

Nein, auch Kinder wären für mich kein Grund zum Heiraten. Ja, ich bin ein bisschen eifersüchtig. Aber nicht mehr so stark wie vor acht Jahren, als die Liebe mit Georg ihren Anfang nahm. Und ja, Georg ist heute ein wenig eifersüchtiger als vor acht Jahren.» So häufig wurden ihr im letzten halben Jahr die immer gleichen Fragen zu ihrer Beziehung gestellt, dass sie bei diesem Thema mittlerweile ganz heftig mit der Ironie liebäugelt.

Ein total ernsthaftes und wichtiges Projekt ist die CD, die so nach und nach entsteht. Rossinelli: «Dass wir diese CD überhaupt machen können, verdanken wir dem Contest. Ohne unsere Teilnahme in Düsseldorf hätte zurzeit wohl kaum ein Label auf uns gesetzt.»

Weil die drei clever genug sind, um zu wissen, dass der Medien-Schwung, der durch die Beteiligung am ESC entstanden ist, nicht ewig anhält, forcieren sie die Produktion. Und schauen gleichzeitig darauf, sich musikalisch nicht zu verlieren. Rossinelli: «Wir schreiben die meisten Songs selber, das ist faszinierendes Neuland für uns. Ideen kommen ständig und überall. So haben wir einen Song komponiert, als wir am Swiss Award in der Kabine auf unseren Auftritt warteten.»

Im Juni soll eine erste Single ausgekoppelt werden und im Spätsommer ist die Lancierung des Albums geplant, auf welchem neben dem Elektrobass, der Gitarre und der Stimme auch ein Piano und ein Schlagzeug zu hören sein werden. «Wir werden auf jeden Fall ein wenig experimentieren», so Rossinelli. «Aber alle Titel sind so angelegt, dass wir sie auch auf der Strasse als Trio spielen können.»

Mit auf dem Album wird auch «In Love for a While» sein. Allerdings in einer neuen Version. Das wird auch Grete Rusenklau freuen. Die ehemalige Verwaltungsbeamtin hat auf jeden Fall die feste Absicht, während des Contests für dieses Lied telefonisch zu voten. «Wann immer ich die Gelegenheit dazu habe.»

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