Da stehen milliardenschwere Sammler, unauffällig und nur von Insidern erkannt, mit Windjacken und praktischen Schuhen, neben den Grössen der Kunstwelt, Kurator Hans-Ulrich Obrist klemmt da, neben Karl-Heinz Grasser, dem ehemaligen Modellfinanzminister Österreichs, sie pressen sich wie Rockfans zu den strengen Kontrollen, sie lassen sich stossen, schieben, drängen, scannen, nur um die Ersten zu sein. Nur um dabei zu sein, in der Kirche der Elite, der Religion der Auskenner, der Sekte des Kunstbetriebes.

First Choice an der Art Basel. Streng limitierter Zutritt, zwei Tage vor dem gewöhnlichen Volk. Hier ist dabei, wer wichtig ist. Und ich. Ich bin dabei, weil mein Freund Herr Gygax Kurator ist, und er mir seit Jahren die zeitgenössische Kunst nahezubringen versucht. Und ich habe immer noch nicht aufgegeben. Zeitgenössisch ist das, was noch nicht durch einen Kanon gegangen ist. Zeitgenössisch sind die, von denen man noch nicht genau weiss, ob sie zu Klassikern werden. Hochspekulative Ware. Heisse Anlageobjekte. Ohne Vorkenntnisse unverständlich.

Was wir an Kunst begreifen, und was über Abbildung hinausgeht, ist uns tausendmal erklärt worden. Die Forschungsarbeit einer Sophie Calle, die Eisenwände eines Richard Serra, okay, das haben wir verstanden. Aber hier so, jetzt? Die LISTE, ist der heiss umkämpfte Schauplatz der jungen Galerien. Hier einen Stand zu bekommen, ist schon der erste Ritterschlag für die Galeristen. Wer hier ist, schafft es später vielleicht mal an die Art.

Karma International ist neben Freymond-Guth Fine Arts und der Galerie Gregor Staiger eine der interessantesten jungen Galerien der deutschsprachigen Schweiz, sie zeigen Tische von Tobias Madison. Das kann man doch nicht verstehen, ohne genau zu wissen, wer Madison ist, warum er Tische macht, was er noch macht, wie lange und warum. Hier sieht man Tische. Und wird schon weitergeschoben.

Ich versuche, seit Jahren zeitgenössische Kunst zu begreifen. Ausserhalb des Laienhaften: Gefällt mir, gefällt mir nicht, was als Kriterium offiziell nicht taugt. Was aber eben doch taugt. Eine Handvoll Künstler habe ich entdeckt, in Jahren der Suche nach einem Begreifen. Die wenigen, darunter Christoph Büchel, Jonathan Pylypchuk, Teresa Margolles, haben mein Leben bereichert, meinen Kopf beflügelt, mir eine gute Laune gemacht. Davon will ich mehr, und so suche ich. Nach einem Moment der Verunsicherung, des Interesses, des Erschreckens, nach irgendwas, das macht, dass ich mehr über den Künstler wissen will.

Stossen, schieben. Milliardäre rangeln um einen Platz im Café an der Liste. An der Preview sind Professionelle. Galeristen, Kuratoren, Sammler, Künstler, Kritiker, Journalisten. Hier wird gearbeitet, notiert, reserviert. Auch Brad Pitt, der im letzten Jahr anwesend war, sammelt mit Fachkenntnis (und guten Beratern) und natürlich ist es dem Image eines Schauspielers nicht abträglich, ein so kompliziertes Anlagehobby zu betreiben.

Nicht Professionelle erkennt man an den Schuhen. Ein paar Damen hat es, die mit 12-Zentimeter-Absätzen durch die Liste gurken, sie wussten wohl nicht um die Eisengittertreppen, sie wussten wohl nicht, das die Art Basel laufen heisst. Treppen hoch, runter, rüber zum Messegelände, die Profis sind besser vorbereitet. Hier geht es um Geld.

Auf der Art Unlimited, der Nebenhalle der Messe, in der Arbeiten von Künstlern zu sehen sind, deren Format die normale Messe sprengen, muss verkauft werden. Ein riesiger Rauschenberg fällt mir auf, kostet sicher hunderttausend, nur um das Werk anzutransportieren, die Versicherung, die hohe Standmiete, das muss wieder reinkommen, sonst geht es dem Galeristen nicht gut.

Nach acht Stunden Kunst schauen, bin ich halb ohnmächtig. Keine neuen Entdeckungen dieses Jahr, eine kleine schlechte Laune. Kann es überhaupt noch Experimente geben in der westlichen Welt, in der Künstler kaum mehr den Platz zum Arbeiten bezahlen können, wo sie darauf angewiesen sind, schnell teuer zu werden, weil der Markt immer schnelllebiger wird, kann es noch irgendeine persönliche Freiheit geben, in diesem explodierenden Kapitalismus, oder ist die Frage so alt wie die Kunst? Gehen Sie auf die Art Basel, sagen Sie es mir!

Die Art Basel geht heute Abend zu Ende.

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