VON PIRMIN KRAMER

Vier von fünf Ehepaaren in Appenzell Innerrhoden bleiben zusammen, bis dass der Tod sie scheidet. Nur 19 Prozent beträgt hier die Scheidungsziffer – so tief ist sie in keinem anderen Schweizer Kanton. So die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik für das Jahr 2009.

«Ich glaube nicht, dass Paare bei uns weniger Probleme haben», sagt Martin Weidmann von der Sozialberatung Appenzell. Ihn besuchen Eheleute, deren Beziehung in der Krise steckt. «Vielleicht lässt man sich bei uns nicht so schnell scheiden, weil viele hier katholisch sind und Werte wie die Treue noch zählen.»

Die Wissenschaft bestätigt seine Vermutung. Caroline Arni lehrt an der Universität Basel Geschichte, sie hat sich im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit mit Ehe und Scheidung im 20. Jahrhundert auseinandergesetzt. «Tendenziell lässt sich sagen, dass in katholischen Gebieten weniger geschieden wird. Hier ist die Ehe aus religiöser Perspektive ein ‹unauflösliches Sakrament›, während die protestantische Reformation das Scheidungsrecht eingeführt hat.» Auffällig jedenfalls: Im reformiert geprägten Kanton Appenzell Ausserrhoden werden über 50 Prozent der Ehen geschieden.

Noch höher liegt die Ziffer im Kanton Neuenburg. Die Scheidungsquote, die auf dem Vergleich mit der Anzahl der Frischvermählten im selben Jahr basiert, beträgt in diesem Kanton 62,8 Prozent – das ist Schweizer Rekord. Bei der kantonalen Eheberatung in Neuenburg herrscht Ratlosigkeit. «Wir leben in einer Zeit, in der alles sehr schnell geht. Viele geben heutzutage auf, wenn sie Eheprobleme nicht sofort lösen können.» Betroffenheit zeigt das kantonale Büro für Familienpolitik. «Die hohe Scheidungsquote ist nicht einfach eine Zahl. Die zahlreichen Trennungen haben Folgen: Viele alleinerziehende Mütter rutschen in die Sozialhilfe ab.»

Was sagt der Mann, der die Statistik erstellt hat – Marcel Heiniger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Statistik? «Neben der Konfession spielt auch der Stadt-Land-Unterschied eine Rolle», sagt er. «Es fällt auf, dass in Kantonen mit urbanen Zentren mehr Ehen geschieden werden als auf dem Land.» So erklärt er sich, dass Ehepaare den Kantonen Appenzell Innerrhoden, Uri oder Obwalden häufiger zusammenbleiben als Verheiratete in Neuenburg oder im Tessin.

Um definitiv eine Erklärung zu finden für das «Phänomen Neuenburg», schreibt Fabienne Stettler derzeit eine Doktorarbeit zum Thema: «Scheidungen in der Schweiz: Unterschiede zwischen den Kantonen». Erste Erkenntnisse liegen bereits vor. Mehrere Faktoren gleichzeitig verursachten die hohe Scheidungsquote in Neuenburg, sagt Stettler. Der Unterschied Stadt und Land sowie die Konfession seien tatsächlich relevant. «Das verhältnismässig niedrige Einkommen im Kanton spielt ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass es in Neuenburg viele Ehen zwischen Schweizern und Ausländern gibt.» Diese dauern statistisch gesehen weniger lang als Ehen zwischen zwei Personen der gleichen Herkunft.

Ausserdem sei der soziale Preis nicht so hoch, den man in Neuenburg bei einer Trennung bezahlen müsse. «Viele Frauen hier arbeiten – sie können sich die Trennung finanziell, aber auch sozial leisten.» Wer nicht arbeite, könne sich auf das gute Sozialsystem verlassen. Die neuenburgische Familienpolitik sei zwar nicht die grosszügigste der Schweiz, «aber eher gut». Gesamtschweizerisch beträgt die Scheidungsziffer 47,7 Prozent, ungefähr jede zweite Ehe endet vor dem Richter. Die erfreuliche Nachricht: Seit dem Jahr 2005 lassen sich immer weniger Schweizer scheiden. Die absolute Zahl sank von 21332 auf zuletzt 19321 Trennungen.

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