So feudal reisen gewöhnlich nur Minister. Eigene Bordküche, Ledergestühl, Konferenztische, Hi-Fi-Anlage. Am letzten Donnerstag zockelte der Bundesratszug der SBB am Zürcher Hauptbahnhof los – ohne Landesregierung, dafür mit 45 Pokerspielern an Bord. Sie haben den Bundesratszug für eine Protestfahrt über die Grenze gemietet. Das Reiseziel: Kufstein in Österreich. Ein Pokerparadies, wo erlaubt ist, was in der Schweiz seit einem Jahr unter Strafe steht.

Im Juni 2010 entschied das Bundesgericht, dass Pokerspiele mit Geldeinsätzen nur noch in den Casinos erlaubt sind. Ausserhalb der Spielbanken darf nur im Freundeskreis um Geld gepokert werden. Öffentliche Turniere? Illegal. Die Richter folgten damit einer Beschwerde des Casino-Verbands. Das wollen die Schweizer Pokerfans nicht auf sich sitzen lassen.

16000 Franken Miete haben sie für den Luxuszug nach Kufstein hingeblättert. Sie nennen ihn «Poker Express». Auf die Konferenztische, an denen sonst Bundesräte in ihren Akten blättern, liessen sie Pokeraufsätze wuchten, Metallkoffer mit Chips stehen bereit, im Kühlschrank sind Bierdosen gestapelt. Noch auf Schweizer Boden werden die Ledersessel an die Pokertische geschoben, aus den Lautsprechern rieselt «Win the Race» von Modern Talking. Keiner hört hin. Konzentration senkt sich über die Pokertische.

200 Euro beträgt der Starteinsatz am Tisch mit den erfahrenen Spielern. Mit von der Partie ist der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann (28), der sich politisch für eine Legalisierung von privaten Pokerturnieren einsetzt: «Ich unterstütze diese Aktion, das Poker-Verbot ist Ausdruck der Verbotskultur in der Schweiz. Ein Skandal.»

Das findet auch Banker Kaspar V. (54). Vor zweieinhalb Jahren fing er mit dem Pokerspielen an. Jetzt nimmt er an Turnieren teil. Das Pokerverbot sei «eine Schande», sagt Kaspar. «Das treibt die Leute in die Kasinos.» Dort würden die Pokertische nicht zufällig zuhinterst im Raum stehen. «Die wollen, dass man beim Rausgehn das Geld an den Roulettetischen, beim Blackjack und an den Automaten liegen lässt.» Einer seiner Kollegen habe «in zehn Minuten 3000 Euro an einem Automaten verspielt».

Bumerang Pokerverbot? Die Meinung im Poker-Express ist gemacht. «Das Spielen in den Kasinos erhöht die Suchtgefahr», sagt Martin Bertschi (43), ein ausgebildeter Konzertpianist, der heute sein Geld mit Pokerturnieren verdient. «Diese Zugfahrt ist eine Demo. Wir wollen zeigen, dass mehr Leute pokern, als man meint. Man darf sie nicht in die Illegalität treiben.»

50000 regelmässige Spieler waren vor dem Verbot in den Clubs registriert – das Pokern kam wie ein Virus über die Schweiz. «Die rechtliche Situation ist absurd», sagt Marc Horisberger, Betreiber des Clubs Poker Palace in Dietlikon ZH: «Ich darf keinen Eintritt und kein Startgeld mehr verlangen und keine Geldsumme als Preis aussetzen. Dafür aber die Stühle vermieten.» Die Stuhlmiete von 20 Franken sei freiwillig. Etwa die Hälfte der Spieler pokere im Stehen. «Wenn alle stehen, kann ich den Laden dichtmachen.»

Vier Stunden wird im Poker-Express gespielt. Profis wie Vize-Europameister Besim Hot (44), ein Kroate aus der Schweiz, spielen mit verspiegelter Sonnenbrille – auch nach Sonnenuntergang. «Manchmal verrät das Gesicht zu viel, vor allem die Augen», sagt Besim. Er kommt gerade von Turnieren in Las Vegas und Spanien, in den Spielsalons der Welt gilt er als «Hai». Das sind Berufsspieler, gegen die Anfänger keine Chance haben. In einem schwarzen Ledertäschchen trägt er die Euros bündelweise mit sich.

Um Mitternacht hält der Zug in Kufstein. Die Hartgesottenen steuern den Poker-Club Royal an. Dort startet anderntags ein Pokerturnier, bei dem eine Preissumme von 100000 Euro lockt. Die «Freunde aus der Schweiz» werden mit Mikro-Durchsage begrüsst. Besim beginnt zu pokern – zum Leidwesen der Freunde aus Österreich. Sie sind chancenlos. Der Tisch von Besim wird nach einer Viertelstunde geschlossen.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!