Sina, wie haben Sie...
Sina: (fällt ins Wort)... ich habe da auch noch ein paar Vorstellungen, wie wir in das Interview einsteigen könnten.

Okay, ungewöhnlich. Ist mir noch nie passiert. Bitte sehr!
Sprechen wir doch über Frauen.

Wieso?
Vielleicht... weil ich eine Frau bin (lacht laut)? Ich setzte mich in einer aktuellen Kampagne der Unesco für unterdrückte Mädchen und Frauen ein. Diese Realität steht in Gegensatz zum Stamm der südchinesischen Mosuo, mit deren Gesängen ich mich beschäftigt habe. Hier herrscht das Matriarchat. Frauen bestimmen, haben die zentrale ökonomische Stellung, aber sie wollen kein Geld anhäufen. Das Gemeinwohl des Stamms steht im Vordergrund. Interessant ist auch der Umgang mit Gewalt. Wer Gewalt anwendet, steigt sozial ab. Oder die Sexualität: Die Frauen entscheiden, welcher Mann die Frau besuchen darf. Das kann jeden Abend ein anderer Mann sein.

Die Männer haben da nichts zu sagen?
Die freuen sich, wenn sie von der Frau ausgewählt werden. Und der Mann darf mitentscheiden, welche Kuh gekauft wird oder welches Haus, aber sonst er ist keine Autorität.

Was wollen Sie uns damit sagen?
Noch heute ist es leider so, dass Frauen in vielen Weltgegenden weniger wert sind als Männer. Sie werden versklavt, verkauft, verheiratet, beschnitten, vergewaltigt, weil ihre soziale Stellung so niedrig ist. Im Gegensatz dazu zeigen die starken Frauen von Mosuo, dass es auch anders geht. Das Problem ist, dass sich Frauen oft unterschätzen. Uns fehlt oft das Selbstbewusstsein, um unsere Interessen mit Nachdruck zu vertreten.

Wie war denn die Stellung der Frau in Ihrer Familie?
Ich war noch klein, als meine Mutter starb, so bin ich bei meiner Grossmutter und bei zwei Tanten aufgewachsen. Ziemlich Mosuo-mässig. Sie waren sehr stark und sehr stolz, haben als Rebbäuerinnen Männerarbeit verrichtet. Für mich waren es Vorreiterinnen der Frauenemanzipation und Vorbilder. Es war eine kleine Frauenwelt in einem männerdominierten Dorf.

Wo war denn Ihr Vater?
Mein Vater arbeitete auswärts. Wir verbrachten die Wochenenden zusammen.

In Sachen Gleichberechtigung hat sich bei uns in den letzten Jahren aber vieles geändert.
Aber solange wir noch diskutieren, ob die Frauen im Bundesrat mit vier Frauen übervertreten sind, ist das Ziel nicht erreicht.

Eine Frau kann doch heute in fast allen Bereichen tätig sein.
Frauen haben heute mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten. Dafür sind sie doppelbelastet, weil Haushalt, Familie, soziales Netzwerk in den meisten Fällen halt doch von den Frauen organisiert werden.

Wie war das im männerdominierten Musikbusiness?
Als ich anfing, waren Frauen Studioköchinnen, Backgroundsängerinnen oder Sekretärinnen. Ich habe jahrelang Frauen für meine Band gesucht. Unmöglich. Die einen waren schwanger, den anderen war der Aufwand zu gross und wieder andere trauten sich das nicht zu. Das Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein der Frauen für die Musikkarriere waren damals nicht vorhanden.

Das hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Man kann in der Schweiz von einem weiblichen Pop-Wunder sprechen. Weshalb?
Wissen ist Macht. Ich konnte keine Noten lesen. Heute können Frauen das Handwerk in Schulen erlernen. Das Wissen schafft jenes Selbstvertrauen, das den Frauen zuvor gefehlt hat. Deshalb ist die Branche weiblicher geworden, professioneller. Das ist neu und gut.

Die totale Gleichberechtigung?
Weshalb Pop-Frauen in Videos und Werbespots immer noch als Lust- und Sexobjekt dargestellt werden müssen, wie Beyoncé im neusten Werbespot für ein Haarfärbemittel von l’Oreal, verstehe ich nicht. Es ist unpassend und völlig übertrieben, wie sie dort ihre weiblichen Reize zeigt.

Erotik hat in der Musik aber immer eine Rolle gespielt.
Es geht mir um das Mass. Dass alles sexualisiert wird, stört mich. Es gibt Beispiele, in denen Erotik keine Rolle spielt: die kanadische Sängerin k.d. lang, eine Lesbe, die sich wie ein Mann kleidet, hat eine wunderschöne Engelsstimme – und Erfolg. Dann sind Sängerinnen wie Bonnie Raitt und Sarah McLaughlan sexy, ohne sich anzubiedern.

Über Erotik können Frauen auch Macht ausüben. Madonna hat das bewiesen.
Das gefällt mir wieder. Wenn das Mittel zum Zweck wird. Wenn es eine Strategie ist, wie bei Lady Gaga. Entscheidend ist, ob die Frauen das selber wollen. Wenn es ihnen Spass macht, sich so anzuziehen, ist es in Ordnung. Ich behaupte aber, dass dies bei vielen jungen Frauen nicht der Fall ist, sondern reine Nachahmung von Fernsehen, Internet, Youtube. Dort wird gezeigt, wie man sich als Frau kleiden muss, damit man ankommt. Eine einseitige Anleitung für Frauen, die Karriere machen wollen.

Die «Music Star»-Sängerin Börni ist so ein Fall. Ihr wurde ein Image des männerfressenden Vamps aufgesetzt, das überhaupt nicht zu ihr passte. Prompt ist sie gescheitert.
Dieses Image hat ihr sicher ein Mann verpasst. Börni wurde verheizt. Dabei singt sie gut.

Aber die grosse Mehrheit der neuen Pop-Frauen macht das ganz gut. Sie lassen sich so etwas nicht gefallen.
Es geht um die Inhalte. So soll es sein.

Sie haben es vorgemacht. Sie hatten in Sina ein gutes Vorbild.
Ich weiss nicht, ich war ja damals auch nicht so emanzipiert, und eine Feministin war ich schon gar nicht. Ich war damals auch schüchtern und habe vieles mit mir machen lassen. Wenn man als blauäugiger Nobody in eine Welt vordringt, die man nicht kennt, ist es schwierig, Nein zu sagen. Ich hatte auch Glück, dass ich in den entscheidenden Momenten die richtigen Leute an meiner Seite hatte. Und ich habe gelernt und mich mit der Zeit emanzipiert.

So erfreulich die vielen neuen Schweizer Sängerinnen sind – es sind für Sie auch Konkurrentinnen. Sie sind nicht mehr die Einzige. Obwohl Sie mit Ihrem Album auf Platz 1 der Hitparade waren, sind Sie punkto Albumverkauf nicht mehr die Nr. 1. Tinkabelle hat Sie in diesem Jahr als erfolgreichste Schweizer Sängerin überholt.
Das ist doch super. Ich bin seit bald zwanzig Jahren in diesem Business. Es war überfällig, dass ein paar Frauen nachkommen. Auch international gibt es einige Schweizerinnen wie Sophie Hunger, die erfolgreicher sind als ich. Ich freue mich, dass wir in der Schweiz so grossartige Künstlerinnen haben. Das motiviert und belebt die Szene.

Sie argumentieren überzeugend, debattieren hartnäckig. Wurden Sie nie angefragt, in die Politik einzusteigen?
Nein, und es soll auch niemand auf die Idee kommen. Ich habe gelernt, dass man als Sängerin keine politischen Äusserungen machen soll.

Wieso? Haben Sie negative Erfahrungen gemacht?
Ich sagte mal: «Wenn ich eine Fee wäre, würde ich Christoph Mörgeli wegzaubern.» Diese Aussage hat eine Lawine ausgelöst, die ich so nicht erwartet hätte. Ich wurde von einem Festival ausgeladen. Das wiederum hat eine gewaltige Gegenreaktion von Fans ausgelöst. Der Tenor: Was hat Musik, was hat das Festival mit Politik zu tun – wir wollen Sina. Das war die gute Seite an der Geschichte. Trotzdem war es mir eine Lehre. Seither habe ich politische Aussagen in der Öffentlichkeit unterlassen.

Ich bin anderer Meinung. Künstler, Musiker, Sänger und Sängerinnen sind Opinion Leaders, und als solche sollen sie ihre Verantwortung wahrnehmen.
Genau das mach ich doch hier. Ich gebe politische Statements im sozialpolitischen und gesellschaftlichen Bereich ab. Hier fühle ich mich kompetent. Ich möchte meine Popularität als Sängerin nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Aber ich möchte einfach nicht überall meinen Senf abgeben.

Wurde in Ihrer Familie politisiert?
Nein, mein Vater hat bei uns abgestimmt und entschieden, was wir wo ankreuzen sollen. Lange habe ich mich politisch inkompetent gefühlt. Vielleicht kommt da bei mir auch das mangelnde Selbstvertrauen der Frauen zum Ausdruck.

Das hat sich jetzt aber geändert.
Klar, ich habe meinen Wahlzettel schon eingelegt, gehe regelmässig abstimmen. Das finde ich wichtig. Und liebes Steueramt (flüstert ins Mikro): Ich zahle regelmässig und pünktlich meine Steuern.

Kennen Sie viele Kandidaten?
Nein, es ist aufwändig, sich über die Kandidaten zu informieren. Aber ich diskutiere privat viel mit meinem Mann.

Und er sagt, wen Sie wählen sollen.
Nein, die Zeiten, dass jemand anderes für mich ankreuzt, sind definitiv vorbei.

Aber Sie wollen uns nicht sagen, welchen Stimmzettel Sie ausgefüllt haben. Es ist schlimm – Schweizer und Schweizerinnen wollen nicht mehr Farbe bekennen. Vor allem: Immer weniger wollen zu einer Partei stehen. Das ist ein Problem für unsere Demokratie und für unser politisches System. Als Walliserin müssten Sie doch CVP wählen.
Hmm... (verzieht das Gesicht)... mein Smartvote (Entscheidungshilfe für Wähler im Internet, Red.) sagt etwas ganz anderes. Immerhin so viel kann ich sagen: Mein Herz schlägt politisch nicht auf dem rechten Fleck. Und im aktuellen aargauischen Ständerats-Wahlkampf werde ich meine Stimme Pascal Bruderer geben.

Dann können wir wohl davon ausgehen, dass Sie zwei Frauen für den Ständerat wählen werden.
Wahrscheinlich (lacht). Jetzt könnten wir aber das Thema wechseln. Liebe Leserinnen und Leser, ich bin mitten in meiner Schweizer Tournee für mein Album «I Schwöru». Kommen Sie alle ins Casino Wohlen am 29. Oktober, wo ich zum letzten Mal zusammen mit Büne Huber den Song «I Schwöru» im Duett singen werde. Bitte nicht verpassen, es wird ganz toll.

Wir befinden uns hier auf dem Eichberg über dem Seetal, wo Sie wohnen. Wie stark sind Sie hier integriert?
Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich liebe das Seetal, den Hallwilersee. Es ist für mich ein Rückzugsort. Ich bewege mich vor allem im Umfeld meiner Familie.

Ihr Vater ist vor kurzem gestorben. Was hat das bewirkt?
Die Familie ist noch näher zusammengerückt. Walliser sind in dieser Beziehung unglaublich. Mein Vater wollte zu Hause sterben, brauchte aber eine 24-Stunden-Betreuung. Innerhalb einer Stunde hatte die Familie für die nächsten drei Wochen eine permanente Zwei-Mann-Betreuung organisiert. Das beeindruckt und berührt mich immer wieder: Man ist da, man hilft, wenn man gebraucht wird. Dafür gibt man ein Stück individuelle Freiheit für die Gemeinschaft auf. In der Deutschschweiz läuft das vielfach anders.

Sie haben den «Föifer und sWeggli». Die individuelle Freiheit, die Rückzugsmöglichkeit hier, das soziale Netz dort. Wie stark ist Ihr Walliser Gen noch?
Seit ich 18 bin, lebe ich ausserhalb meines Heimatkantons. Das hat Spuren hinterlassen. Aber wenn ich gebraucht werde, lasse ich alles stehen und liegen und fahre los. Einmal Walliserin, immer Walliserin. Das Wallis hat mich geprägt.

Deshalb sind Sie immer noch die Vorzeige-Walliserin.
Das war ich nicht immer. Im Wallis hat man mir meinen Wegzug lange angekreidet. Sie ist jetzt eine «Grüezi», hiess es. Meine Songs wurden lange nicht gespielt, kaum Engagements. Das hat mich getroffen.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Wallisern und «Grüezis»?
Walliser oder überhaupt Bergler haben eine andere Bodenhaftung. Weil die Gefahr der Ablenkung kleiner ist, kommst du schneller zu dir selbst. Das kann zwar auch als Sturheit ausgelegt werden, ist aber eine Qualität. Überall in den Bergen entwickle ich ein Heimatgefühl. Auch im Bündnerland, wo ich gerade gespielt habe – in Pontre-Sina (lacht).

Wie geht es mit Sina weiter?
Im nächsten Jahr bin ich mit Erika Stucky und unserem Super-8-Projekt unterwegs. Ende 2012 möchte ich ein Duett-Album machen. Sieben oder acht Songs gibt es schon, wie etwa Duette mit Ritschi, Büne Huber, Polo Hofer und verschiedenen anderen. Ich rechne noch mit vier bis fünf Songs. Ich bin in Kontakt mit Michael von der Heide und Marc Sway. Dazu werde ich nächstens zwei Frauen anfragen.

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