Anders Behring Breivik weiss genau, was er zu tun hat: Gegen 16.30 Uhr parkt der hagere, hochgewachsene Mann mit den blonden Haaren seinen silbergrauen Lieferwagen in der Nähe der Insel Utoya. Er spielt jetzt den Polizisten. Trägt dunkle Hosen, einen Pullover mit Polizei-Emblem, dazu eine schusssichere Weste und zwei Waffen: ein Maschinengewehr und eine Pistole vom Typ Glock.

Er sei gekommen, um die Teilnehmer des Sommercamps über den Anschlag in Oslo zu informieren, sagt der 32-Jährige dem Wachmann am Ufer. Der Mann soll die rund 600 norwegischen Jungsozialisten auf der Insel schützen. Breivik zeigt ihm einen Polizei-Ausweis. Er ist gefälscht. Aber das weiss der Wachmann nicht. Auch weiss er nicht, dass der Mann, der da vor ihm steht, gekommen ist, um zu töten.

Mit einem kleinen Boot setzt Anders Behring Breivik auf die Insel über. Bisher lief alles nach Plan: Die Bombe, die er vor rund einer Stunde im Zentrum der norwegischen Hauptstadt gezündet hat, ist mit voller Wucht explodiert. Jetzt liegen Trümmer auf den Strassen von Oslo, Autos sind zerstört, Fensterscheiben geborsten. Der Amtssitz von Ministerpräsident Jens Stoltenberg ist schwer beschädigt, im Energieministerium brennt es. Sieben Menschen sterben bei dem Anschlag, Dutzende werden verletzt.

Die Sicherheitskräfte stehen vor einem Rätsel, das Attentat kam völlig überraschend. Anders Behring Breivik hat das Land ins Mark getroffen. Und die Bombe im Regierungsviertel war erst der Anfang.

Auf der Insel Utoya haben sich die Jungsozialisten im Haupthaus versammelt. Sie sind zwischen 13 und 17 Jahre alt und haben von dem Anschlag in Oslo gehört, 40 Kilometer entfernt von der Insel. Eigentlich hätte der Ministerpräsident heute Nachmittag zu ihnen sprechen sollen. Das fällt nun aus. Stattdessen betritt ein Mann den Raum. Er sieht aus wie ein Polizist.

Dann geht alles ganz schnell. Anders Behring Breivik eröffnet das Feuer. Panik bricht aus, die Jugendlichen versuchen, zu fliehen. Mit unendlicher Brutalität erschiesst Breivik einen Menschen nach dem anderen. Überlebende berichten in verschiedenen Medien, Breivik habe sogar auf jene gezielt, die schon am Boden lagen. Er habe ihnen in den Kopf geschossen. Und dabei immer wieder gerufen: «Ich töte euch alle!»

Nach dem Blutbad im Haupthaus läuft der Mörder ins Freie, geht schiessend über die kleine Insel, zwischen Kiefern hindurch, bis zum Wasser. In Panik verstecken sich Jugendliche hinter Mauern, Bäumen und Büschen. Fotos zeigen Anders Behring Breivik am Ufer der Insel. Er schiesst auch auf jene, die fliehen wollen. Dabei haben sich die Jugendlichen ins kalte Wasser des Tyrifjords gestürzt, um zu überleben. Einige von ihnen werden später von Anwohnern gerettet, die mit dem Boot gekommen sind. Sie ziehen verängstigte Teenager aus dem Wasser. Die Jugendlichen weinen und zittern. Sie haben Todesangst.

Rund eine halbe Stunde kann Breivik ungestört töten. So lange dauert es, bis eine Sondereinheit der Polizei auf der Insel eintrifft. Dann lässt sich Breivik verhaften. Er hat mindestens 85 Jugendliche getötet. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt über das Massaker in Utoya: «Das Paradies meiner Jugend ist zur Hölle geworden.»

Während der Amok-Schütze am Freitagabend von der Polizei verhört wird, durchsuchen Beamte seine Wohnung am Stadtrand von Oslo. Offenbar lebt Anders Behring Breivik allein in dem vierstöckigen Backsteinbau, hat keine Frau, keine Kinder.

Die Polizei stellt in der Wohnung seinen Computer sicher. Und sie sperrt Breiviks Profil im Online-Netzwerk Facebook. Dort hat er sich am 17. Juli 2011, fünf Tage bevor er zum Massenmörder wurde, ein elektronisches Denkmal gesetzt. Innerhalb weniger Stunden schuf er das Bild, das er der Welt nach dem Attentat von sich vermitteln will.

Christlich sei er, schreibt Breivik auf Facebook, und konservativ. Tatsächlich ist der junge Norweger mit dem Kinnbärtchen ein Anhänger der Freimaurer und war zwischen 1999 und 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei Norwegens. Als Hobby gibt Anders Behring Breivik auf Facebook «Jagen» an. Er verrät, dass er gerne psychologische Bücher liest und nennt als Idol den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill.

Zudem stellte er Fotos von sich ins Netz, die einen adretten, blonden Jungen zeigen. Mal ganz seriös mit Krawatte und Anzug, mal leger im Pullover von Lacoste. Gepflegt wirkt der Mann, der Leid über ein ganzes Land brachte. Ausserdem zeigt sich Breivick wortgewandt und gebildet. Er hat das Handelsgymnasium Oslo besucht und dann ein Selbststudium betrieben: «Ungefähr 14500 Studienstunden gleichwertig zum Bachelor of Business Administration und ungefähr 3000 Stunden Studium in Micro- und Macro-Financing sowie Religion», schreibt er auf Facebook.

Als Beruf gibt Breivik an, er sei Direktor einer Biofarm. Das Unternehmen hat er 2009 gegründet. 100 Kilometer nördlich von Oslo baut er Gemüse, Melonen und Rüben an. So steht es im Handelsregister. Anfang Mai kaufte er 6 Tonnen Kunstdünger. Für seine Farm. Oder aber um die Bombe zu bauen, die er am Freitag in Oslos Innenstadt explodieren liess. Das spekulieren norwegische Medien.

Abseits des Facebook-Profils zeigt sich Anders Behring Breivik von einer anderen Seite. In Internet-Foren wetterte er gegen den Islam und eine multikulturelle Welt. Er bezeichnet den Multikulturalismus als «antieuropäische Hassideologie». Ihr Ziel sei, die europäische Kultur, die Nationalstaaten und das Christentum zu zerstören. Sich selbst nennt Breivik einen «Kulturkonservativen» – und beklagt, dass er als solcher als Rassist abgestempelt werde. In einem seiner zahlreichen Kommentare im Internet nimmt Breivik Bezug auf seine späteren Opfer: Er wirft norwegischen Alternativen vor, die politisch Konservativen bewusst zu terrorisieren, und nennt sie, in Anspielung auf die Hitler-Jugend, verachtend die «Stoltenberg-Jugend». Gegen die Regierung und ihren Nachwuchs richtet sich all sein Hass.

Jetzt fragt sich ganz Norwegen, warum der 32-jährige Biobauer zum Attentäter wurde. «Er kam einfach aus dem Nichts», sagt ein Beamter in Oslo. Bei einem ersten Verhör sagte Anders Behring Breivik, er wolle mit den Behörden kooperieren. Gestern gestand er, für das Massaker im Sommerlager auf der Insel Utoya verantwortlich zu sein.

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