Xherdan Shaqiri, Sie sind derzeit ein gefragter Mann.
Xherdan Shaqiri: Seit Thorsten Fink weg ist, stehe ich stärker im Fokus. Alle munkeln, dass ich ihm nach Hamburg folge.

Munkeln sie zu Recht?
Jeder Spieler will bei dem Trainer sein, der ihn gepusht hat. Mit dem HSV stand ich vor einem Jahr in Kontakt, schon damals scheiterte es an der Ablösesumme. Ich bin nicht billiger geworden – und schon gar nicht weniger ehrgeizig: Der HSV steht auf dem letzten Rang. Ich aber will zu den Topklubs. Ich will vorne mitspielen.

Das heisst: kein Wechsel zum HSV.
Richtig.

Fink hat Sie gefördert. Wo wären Sie heute ohne ihn?
Der Trainer ist wichtig. Der Allerwichtigste aber bist du selber. Um es zu schaffen, braucht es nicht nur Talent, sondern auch den Kopf.

Und viel Selbstvertrauen. Das hatten Sie schon im Sommer, als Sie an der U21-EM sagten, ein Transfer wäre aufgrund Ihrer Leistungen nicht verfrüht – auch zu einem Grossklub nicht...
Ich hatte mich davor schon international bewiesen, in der Champions League, im Nationalteam. Und ich habe das nach jener Aussage wieder getan. Die meisten kommen nun zu mir und sagen: «Du musst weg.» Vor zwei Monaten sagten alle: «Bleib da.» Ich bin bereit für das Ausland. Die Frage ist, wann ich das will. Momentan fühle ich mich in Basel wohl.

Es müsste ein Topklub sein?
Ich will unbedingt Champions League spielen. Es muss ein Klub sein, der auf mich setzt und bei dem ich auch spielen kann – und nicht einfach einer von zehn bin, der für weiss-nicht-wie viele Millionen eingekauft wurde.

Wie wichtig ist Ihnen der Lohn?
Ich koste halt Geld, und deshalb gehe ich zu einem Verein, der mir einen anständigen Lohn zahlt, bei dem ich mich wohl fühle und wo ich zu den Topspielern gehöre.

Die Familie ist jetzt immer bei Ihnen. Wie wäre das im Ausland?
Dann müsste ich alleine auf den Beinen stehen und Entscheidungen treffen. Ich fühle mich reif. Obwohl ich natürlich dafür sorgen würde, dass immer jemand aus meiner Familie bei mir wäre.

Ihre Rückkehr auf die Champions-League-Bühne gegen Benfica hat gezeigt, dass Sie bereit fürs Ausland sind.
Ich war natürlich heiss auf die Champions League. Nach einem Jahr konnte ich wieder spielen und war voll motiviert. Ich probiere in jedem Spiel, gute Leistungen zu bringen, international will man das sowieso. Am Dienstag habe ich wieder bewiesen, dass ich mit Topklubs mithalten kann.

Welche Schwächen hat Shaqiri?
Meinen rechten Fuss habe ich manchmal nur zum Stehen. Gegen Benfica habe ich zwar mit rechts einen Pass auf Streller gespielt, bei dem ich mich gefragt habe, wie ich das geschafft habe. (lacht) Und ja: Wenn mich jemand nicht respektiert oder anlügt, dann kann ich laut werden.

Ist der Druck als junger Spieler kleiner, weil man eigentlich nur positiv überraschen kann?
Am Anfang vielleicht schon. Inzwischen lastet aber sehr viel auf mir. Man kann aber den Ball nicht immer ins Kreuz hauen. Es gibt Spiele, in denen man seine Leistungen nicht abrufen kann. Damit muss man leben können.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich kann recht gut einstecken. Als ich in der vergangenen Saison jene rote Karte gegen Moskau bekommen hatte, wurde ich viel kritisiert. Wenige Tage später habe ich das Spiel gegen Sion mitentschieden. Ich rede nicht viel. Ich gebe die Antwort gerne auf dem Platz.

Und wie gehen Sie mit Lob um?
Ich bin relativ bescheiden. Am Anfang dachte man, ich würde mit zu viel Lob abheben. Aber ich kann auch damit umgehen.

Wer holt Sie auf den Boden zurück?
Wenn ich nicht abhebe, muss man mich auch nicht auf den Boden zurückholen.

Ist es nicht schwierig, in Ihrem Alter ständig vom Interesse aus Manchester, Turin und München zu hören?
Ich nehme das nicht ernst. Ernst wird es erst, wenn etwas schwarz auf weiss steht. Alles andere ist Müll.

Und privat: Geniessen Sie es, begehrt zu werden?
Ich spiele für den FC Basel, für die Nati, und habe schon Titel geholt. Natürlich ist man bei den Fans beliebt. Wenn ich in Basel bin, dann kommt immer jemand auf mich zu. Begegnet man mir mit Respekt, dann ist das kein Problem. Wenn ich mit der Familie esse und ich gestört werde, ist das etwas anderes. Aber selbst da bleibe ich höflich.

Ist es nicht lästig, ständig beobachtet zu werden?
Ich muss schon gut aufpassen. Sollte ich einen Autounfall bauen oder in der Disco einen Seich machen, dann käme ich gross im «Blick». Ich habe aber einen tollen Beruf, da muss ich halt auf anderes verzichten. Und wenn ich mich mit Freunden mal richtig austoben will, dann feiern wir bei jemandem zu Hause, wo uns niemand sieht.

Wie haben Sie am 10. Oktober Ihren 20. Geburtstag gefeiert?
Im Hotel hier in Basel (Anm. d. Red: im Nati-Camp vor dem Spiel gegen Montenegro). Mit der Familie habe ich ihn nachgeholt, aber nichts Grosses. Ich bin nicht der Geburtstagsfeirer.

Sie sorgen als 20-Jähriger für Ihre Familie. Ist das für Ihre Eltern seltsam?
Mein Vater ist zu Hause immer noch der Chef, und das wird sich auch nie ändern. Ich respektiere meine Eltern. Vielleicht ist das in anderen Kulturen anders. Ich jedoch werde meinem Vater nie sagen, was er zu tun hat.

Ihre Familienstruktur ist hierarchisch?
Die Rollen sind klar verteilt. Der Mann ist der Chef im Haus. Wir wurden sehr gut erzogen. Die meisten aus dem Balkan kommen nicht aus dem Reichtum, sondern leben bescheiden. Auch ich komme aus einer bescheidenen Familie. Wir können deshalb sehr gut mit Geld umgehen. Das hat mich geprägt und so weit gebracht.

Sie haben Ihre Lehre als Modeverkäufer im Herren-Globus abgebrochen. War das das einzige Mal, dass Sie Ihrem Vater nicht gehorchten?
(lacht) Es war normal, dass meine Eltern dagegen waren. Ich musste mich durchsetzen. Jetzt sind auch sie froh darüber.

Wie hat Ihr Erfolg Ihr Familienleben verändert?
Auch meine ganze Familie steht in der Öffentlichkeit. Sogar meine Mutter wird auf der Strasse erkannt, meine Brüder sowieso, und meine Schwester in der Schule. Sie hat immer wieder Dinge, die ich für ihre Freunde und Freundinnen signieren muss. Das ist auch schön. Aber keine Angst, wir sind bescheiden und bleiben ganz normale Leute.

Ihre Mutter arbeitet weiter im Reinigungsdienst.
Ich hatte ihr gesagt, sie müsse nicht mehr arbeiten. Aber sie tut es für sich, damit sie nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen muss und ihre eigene Aufgabe hat.

Sie gehen erfrischend offen um mit Ihrem Erfolg, Ihrem Reichtum und Ihrem Privatleben.
Ich bin gut gefahren damit. Allerdings sage ich schon nicht mehr einfach das, was mir gerade durch den Kopf geht. Das war vielleicht am Anfang so, jetzt muss ich mir schon etwas im Voraus überlegen.

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, dass Sie noch nie wirklich verliebt gewesen sind. Hat sich inzwischen etwas geändert?
Das ist jetzt etwas, worüber ich nicht reden möchte.

Wie viele Liebesbriefe bekommen Sie?
Einige... Manchmal stehen da Telefonnummern drin. Aber ich schreibe nie eine SMS.

Wie merken Sie, wer Sie wirklich mag und wer sich bloss für den Fussballstar interessiert?
Das muss man einschätzen können und erkennen, wer wirklich deine Kollegen sind, wer dich als Xherdan mag und nicht nur als Shaqiri. Ich bin froh, habe ich meine zwei Brüder, die mir dabei helfen.

Apropos Shaqiri: Wie spricht man Ihren Namen eigentlich korrekt aus?
Im Kosovo sagen sie «Schatschiri». Hier in der Schweiz halt einfach «Schakiri». Wenn mich jemand nach dem Namen fragt, dann sage ich in der Schweiz «Schakiri», im Kosovo «Schatschiri».

Sie sind als Einjähriger in die Schweiz gekommen und waren lange das einzige ausländische Kind in der Schule. Wie wurden Sie hier aufgenommen?
Sehr gut. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, dann wäre ich nicht lange in der Klasse geblieben. Ich setzte mich auch durch, wenn etwas nicht gut ist. Ich bin kein Scheuer, der im Hintergrund bleibt und sich zurückzieht, überhaupt nicht, im Gegenteil. Wenn zehn Leute gegen mich sind, probiere ich trotzdem, es durchzuziehen. Ich wurde sehr gut aufgenommen. Das war ein Vorteil für mich. So konnte ich schnell Deutsch lernen und die Schweizer Kultur aufnehmen.

Kosovo hat noch kein Nationalteam. Wäre das für Sie ein Thema gewesen?
Meine Eltern kommen von dort, ich habe Verwandte dort unten, wir haben ein Haus, in das wir einmal im Jahr in die Ferien gehen.

Kennt man Sie dort auch?
Sehr gut sogar. Das letzte Mal war ich im Sommer nur für zwei Tage dort. Ich hatte eine Sonnenbrille auf, um nicht erkannt zu werden. Der Rummel ist noch grösser als in der Schweiz. Der Fussball hat im Kosovo eine enorm hohe Bedeutung.

Wie ist Ihre Beziehung zum Kosovo?
Gut. Mit den Eltern spreche ich Albanisch, mit meinen Geschwistern Deutsch. Ich habe den Kosovo und die Schweiz in meinem Herzen.

In der Schweiz haben Menschen aus dem Balkan teilweise nicht den besten Ruf.
Ich hoffe, dass ich ein Vorbild sein kann für diejenigen, die aus dem Balkan kommen und zum Beispiel als Raser bezeichnet werden. Ich will zeigen, dass man im Beruf vieles erreichen kann. Wenn die Eltern sehen, dass im Nationalteam fünf aus dem Kosovo dabei sind, schicken sie ihren Sohn vielleicht lieber in den Fussballklub, anstatt dass er mit den Kollegen am Bahnhof rumhängt und etwas anstellt. Dort fängts doch an. Beim Sport kann man sich behaupten und Dampf ablassen.

Auf vielen Wahlplakaten steht «Masseneinwanderung stoppen!». Wie wirkt das auf Sie?
Ich nehme das nicht so ernst. Klar, die Einwanderer haben keine Freude daran. Wenn ich dann drei entscheidende Tore schiesse, dann...

...finden das alle Schweizer toll.
Es ist doch seltsam, wenn die gleichen Leute, die solche Plakate gut finden, an ein Fussballspiel gehen, an dem Einwanderer für die Schweiz spielen. Aber so ist das halt. Ich finds nicht normal.

Was soll mit kriminellen Ausländern geschehen?
In jedem Land und von jeder Kultur gibt es die Guten und die Schlechten. Die müssen bestraft werden, egal, aus welcher Kultur sie kommen.

Haben Sie schon gewählt? Werden Sie es tun?
(zögert) Das ist jetzt zu politisch.

Sie interessieren sich nicht dafür?
Nicht besonders, nein.

Werden Sie die Sportler-RS absolvieren?
Ich bin Stammspieler. Es wird ein schwieriger Entscheid.

Braucht die Schweiz eine Armee?
Sicher! Was, wenn etwas passiert? Mein Bruder Arjanit ist im Moment Durchdiener in Birmensdorf.

Was schätzen Sie besonders an der Schweiz?
Dass ich hier leben kann, den guten Umgang mit Menschen, dass alles strukturiert und organisiert ist, dass es viele Kulturen gibt. Die Schweiz ist eines der beliebtesten Länder. Im Ausland schwärmt jeder von der Schweiz. Schade nur, dass wir kein Meer haben...

Die vielen Kulturen hat es auch im Nationalteam. Gerüchteweise stand es dort in den vergangenen Jahren zwischen Secondos und Schweizern nicht zum Besten. Wie haben Sie das erlebt?
Überhaupt nicht so, im Gegenteil: Wir hatten immer eine gute Zeit in der Nati, auch an der WM. Egal ob Secondos oder Schweizer, wir werden alle gleich behandelt. Wir waren immer gut drauf. Ich habe nie gespürt, dass ein Hass gegen uns vorhanden gewesen wäre.

In Ihrer Karriere hatten Sie bisher alles erreicht. Wie hart war das Scheitern in der EM-Qualifikation?
Ich wollte mir den Traum erfüllen, mit der A-Nati eine EM zu spielen, deshalb war ich sehr enttäuscht. Es ist auch schade für die ganze Nation. Wir hätten es verdient, zumindest in die Barrage zu kommen.

Was muss in der WM-Qualifikation besser werden?
Wir haben schon früh Punkte verloren, in Montenegro, wo wir ein Unentschieden hätten holen können, oder in England, wo wir fast gewonnen hätten. Am Schluss war es bitter, dass Montenegro gegen England in der Nachspielzeit ein Tor geschossen hat. Wenn es im Schlussspiel gegen Montenegro um etwas gegangen wäre, dann hätten wir gewonnen – da bin ich mir zu hundert Prozent sicher.

Ist das Nationalteam auf dem richtigen Weg?
Wir haben am Schluss nochmals gezeigt, dass wir ein gutes Team haben, mit einer guten Mischung aus jung und alt. Man kann auf uns bauen.

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