«Ich gehöre zur Kategorie der Cervelat-Promis»

Chris Iseli - az

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Die ganze Schweiz kennt sein Gesicht. «Tagesschau»- Journalist Franz Fischlin (48) über das Leben vor und hinter der Kamera, die angebliche Linkslastigkeit des Schweizer Fernsehens und die Erziehung seiner Kinder, die er zusammen mit Ehefrau Susanne Wille hat.

Herr Fischlin, man kennt Sie aus der «Tagesschau», aber in letzter Zeit sind Sie vermehrt in anderen Formaten zu sehen, zuletzt im «Treffpunkt Bundesplatz». Ist Ihnen der «Tagesschau»-Job zu langweilig geworden?
Franz Fischlin: Ganz und gar nicht! Für den Zuschauer mag es nicht so offensichtlich sein – aber das Anforderungsprofil für einen «Tagesschau»-Moderator hat sich gewandelt. Paul Spahn oder Léon Huber waren effektiv Sprecher und haben die Nachrichten verlesen, und das haben sie einwandfrei gemacht. Aber wir Moderatoren von heute sind Journalisten. Da hat man ab und zu das Bedürfnis, auch mal etwas anderes zu machen – wie eben «Treffpunkt Bundesplatz».

Viele Menschen glauben tatsächlich immer noch, Sie würden einfach die Nachrichten verlesen. Das ärgert Sie.
Es stört mich, darauf reduziert zu werden. Was ich hauptsächlich mache, sind Beiträge. Die Moderation ist ein kleinerer Teil meiner Arbeit. Ich bin viel öfter als Reporter unterwegs, führe Interviews und schneide Beiträge. Wäre ich nur im Studio, wäre es mir wirklich langweilig.

Ist der Wahlkampf bei Ihnen schon angekommen?
Den Wahlkampf erlebe ich bisher als eher lau. In der «Arena» fliegen zwar die Fetzen. Aber der thematische Knaller fehlt. Natürlich: Es gibt die Angst vor der Rezession und die Euro-Krise, aber da herrscht weitgehende Einigkeit – praktisch alle Parteien halten die Euro-Untergrenze beim Franken für eine gute Sache. Kontrovers ist der Atom-Ausstieg, aber da wurden ja jetzt im Parlament die Weichen gestellt.

Und? Sind Sie für den Ausstieg?
Solche Fragen zu beantworten, ist für mich ein absolutes Tabu. Die Leute sollen in mir nicht den AKW-Befürworter oder -Gegner sehen, sondern den Journalisten, der die Informationen zur Meinungsbildung vermittelt. Wir bemühen uns enorm, dies ausgewogen zu tun. Gerade in Zeiten des Wahlkampfs, wo die Parteien mit der Stoppuhr in der Hand die Beiträge anschauen.

Man könnte in der «Tagesschau» Kommentare einführen, die von der objektiven Berichterstattung abgetrennt und als solche erkennbar sind.
Einschätzungen und Analysen werden in der «Tagesschau» vorgenommen, sie können durchaus kommentierende Elemente enthalten. Eigentliche Kommentare, wie früher von Chefredaktor Ueli Haldimann, könnte man durchaus wieder einführen, finde ich. Es muss ja nicht nur der Chefredaktor, sondern es könnten auch Redaktionsleiter sein.

Die SVP erhebt den Dauervorwurf, das Schweizer Fernsehen sei linkslastig.
Dieses Image stört mich...

... stimmt es denn nicht?
Nein! Auch darum wäre es gut, wenn es in der «Tagesschau» Kommentare gäbe. Sie sollten einmal Diskussionen an der Redaktionssitzung miterleben. Da gehen die Meinungen hin und her, jede ist vertreten, wie im Parlament. Da sollte man mal die Kamera laufen lassen!

Wäre für Sie ein Einstieg in die Politik – wie es Ihr Ex-Kollege Matthias Aebischer bei der SP getan hat – vorstellbar?
Nein. Ich hätte auch Mühe, mich für eine Partei zu entscheiden.

Sie haben einen hohen Bekanntheitsgrad. Sehen Sie sich als Star?
Allein die Tatsache, dass man vor einer Kamera steht, ist noch keine Leistung. Prominenz ist für mich eine sehr relative Grösse. Wenn ich ab morgen mit der Moderation aufhören würde, wäre es sofort vorbei mit dem angeblichen «Star»-Status. Ich möchte an meinen journalistischen Leistungen gemessen werden, nicht am Bekanntheitsgrad. Darum hat mich auch der Schweizer Fernsehpreis gefreut, weil dies dort zum Ausdruck kam – selbst wenn er «TV-Star» heisst.

Angesichts dieser Bezeichnung hätten Sie den Preis ablehnen müssen.
Würde er nur «Fernseh-Preis» heissen, wäre die Freude noch grösser gewesen (lacht). Ich bin kein Star. Ich gehöre zur Kategorie der Cervelat-Promis. Stars mit grosser Ausstrahlung kann man in der Schweiz an einer Hand abzählen. Roger Federer gehört dazu. Arthur Cohn. Oder Mark Forster.

Sie wirken nett und brav. Wo sind Ihre Ecken und Kanten?
Das ist vielleicht das Image vom Fernsehen her. Als Privatperson bin ich anders, aber ich halte mich privat bewusst und konsequent aus der medialen Öffentlichkeit heraus. Ich mache keinen Seelen-Striptease. Heute geben so viele Menschen alles von sich preis – in den Medien, auf Facebook und Twitter. Diese Entwicklung befremdet mich irgendwie. Ich komme mir wie der letzte Mohikaner vor, oder besser gesagt: wie ein Indianer, der es als Seelen-Verlust empfindet, wenn er fotografiert wird. Nach der Geburt unseres Kindes hätte es mir nichts ausgemacht, wenn sich gar kein Journalist nach dem Wohlbefinden erkundigt hätte.

Wie geht es ihm?
(Lacht) Gut.

Wie würden Sie sich charakterisieren?
Ich bin leidenschaftlich und habe Temperament. Dazu kommt ein starker Gerechtigkeitssinn. Es nervt mich, wenn sich Leute nicht engagieren, wenn sie gleichgültig sind und es sich einfach gut gehen lassen und konsumieren. Wir haben Werte in unserer Gesellschaft, für die man sich einsetzen muss.

Sie haben zwei Töchter aus erster Ehe, dazu zwei Söhne und eine Tochter mit Ihrer jetzigen Frau, Susanne Wille. Wie bringen Sie die Vater-Rolle mit Ihrem intensiven Berufsleben zusammen?
Das frage ich mich manchmal auch! Ich versuche, allen Kindern gerecht zu werden. Meine Tage sind ausgefüllt. Es ist mir wichtig, mir die Zeit zu nehmen, insbesondere auch für die älteren beiden – mit denen ich, wenn ich sie nicht persönlich sehen kann, regelmässig telefoniere oder SMS-Kontakt habe.

Die älteren Töchter, die 20 und 22 sind, sehen Sie also nicht nur in der «Tagesschau»?
Sie schauen die «Tagesschau» sowieso selten ...

Was ist Ihnen in der Erziehung Ihrer Kinder wichtig?
Ich will ihnen klare Werte mitgeben. Für mich sind zum Beispiel Demut und Bescheidenheit wichtig: Zu wissen, dass man Glück hat und privilegiert ist. Und nicht nur für sich schauen soll. Es ist zwar wichtig, dass man Ziele hat und etwas erreicht. Aber am Schluss zählt vor allem, was man für andere tut, finde ich. Das hinterlässt Spuren.

Fünf Kinder zu haben, ist heute selten. Haben Sie sich schon immer eine grosse Familie gewünscht?
Nicht in dem Sinn, als dies mein Ziel gewesen wäre. Ich selber bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Einem Bruder und einer Schwester, die allerdings älter sind als ich.

Früher schalteten regelmässig eine Million Zuschauer ein, wenn die «Tagesschau» lief. Heute sind es noch 700000. Bereitet Ihnen das Sorge?
Das Verhalten des Publikums hat sich verändert, man orientiert sich weniger an Fixzeiten wie eben 19.30 Uhr. Es gibt ja auch immer mehr Menschen, die sich nur noch online informieren. Aber: Beim Marktanteil erreichen wir noch immer 50 Prozent und mehr. Also jeder Zweite schaltet um 19.30 Uhr die «Tagesschau» ein. Das ist auch im internationalen Vergleich ein Spitzenwert.

Also einfach weiter so und zusehen, wie die Quoten weiter bröckeln?
Sicher nicht. Es gibt klare Gegenstrategien. Die Herausforderung ist es, das grosse Stammpublikum zu halten, andererseits dem veränderten Zuschauerverhalten Rechnung zu tragen. Ich meine, das Publikum wünscht vermehrt Einordnung und Vertiefung, mehr als nur das Abbilden von Aktualität. Es braucht also journalistische Mehrleistungen – von Redaktoren, die das nötige Wissen beispielsweise in der Wirtschaft, in der Politik oder auch in der Auslandberichterstattung mitbringen. Und diese Leute haben wir.

Wenn Sie aber auf mehr Eigenleistungen setzen, kommen Sie der hausinternen Konkurrenz von «10 vor 10» in die Quere.
Dieses angebliche interne Gegeneinander wurde vor einigen Jahren hochgespielt, aber effektiv arbeiten wir sehr gut zusammen. «10 vor 10» bringt mehr eigenrecherchierte Beiträge ausserhalb der eigentlichen Tagesaktualität, die «Tagesschau» präsentiert die wichtigsten Fakten und Leute des Tages. Wenn ein Bundesrat oder ein Wirtschaftsführer etwas zu sagen hat, dann haben wir den Ehrgeiz, dass er es bei uns tut.

Sie haben einen Verein zur Förderung des Qualitätsjournalismus mitbegründet, der junge Talente unterstützt. Wo wird heute zu wenig Qualität geboten?
Problematisch finde ich, wenn Journalisten nur abschreiben – und nicht selber recherchieren. Unser Verein heisst «Investigate!», er will investigative Recherchen fördern und möglich machen, dass ein Journalist über längere Zeit an einem Thema arbeiten kann und nicht zwingend und sofort mit einer Geschichte zurückkommen muss. Ich frage mich oft, wenn ich Artikel lese oder Beiträge anschaue: Wo liegt die Eigenleistung? Hier wollen wir jungen Journalisten eine Chance zur Vertiefung geben.

Woher hat der Verein das Geld?
Von Sponsoren aus der Privatwirtschaft. Aber, und das ist wichtig, ohne Einfluss auf unsere Arbeit nehmen zu können. Bei «Investigate!» sind nebst mir unter anderem Dominik Wichmann, stellvertretender Chefredaktor des «Sterns», Uli Baur, Chefredaktor von «Focus», oder auch RTL-Chefredaktor Peter Klöppel mit dabei.

Würden Sie noch einmal in den Journalismus einsteigen?
Jederzeit. Ich habe im letzten Vierteljahrhundert gemerkt, dass ich auch nicht viel anderes kann (lacht).

Sie haben kürzlich Ihren Lohn offengelegt: 7500 Franken im Monat bei einem 90-Prozent-Pensum. Die meisten Leute hätten wohl wesentlich mehr erwartet. Verdienen Sie zu wenig?
Nein. Es ist sicher kein Spitzenlohn, aber ein guter Lohn – und ich bin stolz darauf, dass er mir nicht unangenehm sein muss. Ich habe den Lohn nicht zuletzt darum transparent gemacht, weil er von den Radio- und Fernsehgebühren bezahlt wird und ich nichts zu verstecken habe.

In höhere Sphären können bekannte TV-Gesichter aber gelangen, wenn sie Zusatzaufträge annehmen und an Galas oder Firmenanlässen auftreten.
Bei Galas und PR-Anlässen moderiere ich nicht. Da haben wir strenge interne Auflagen. Beispielsweise dürfte ich nicht an einem Firmenanlass durch den Abend führen. Das ist auch richtig: Ich bin Journalist und stehe für Unabhängigkeit. Was ich etwa sechsmal im Jahr mache, sind Moderationen mit journalistischem Anspruch. Das sind beispielsweise Interviews am Swiss Economic Forum.

Der Posten des «Tagesschau»-Redaktionsleiters wird frei – Thomas Schäppi tritt Ende Jahr zurück. Interessiert Sie dieser Job?
Zurzeit bin ich in den Ferien, es gab bislang keine Gespräche.

Aber Sie würden sich den Job zutrauen?
Das ist schwierig zu beantworten. Es ist ein sehr anspruchsvoller Job. Ich wünschte mir jemanden, der das Fernseh-News-Geschäft aus dem Effeff kennt und Ideen und Visionen hat, wie die «Tagesschau» weiterentwickelt werden kann.

Gibt es ausländische Moderatoren oder Sendungen, die Sie für vor- bildlich halten?
Ich habe mir vorletzten Sonntag das Interview von Günter Jauch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ARD angeschaut. Jauch überzeugt mich, weil er blitzgescheit ist, aber mit einfachen, fast naiven Fragen sehr viel aus seinen Gästen rausholt. Weiter beeindruckt mich Claus Kleber vom «Heute-Journal» im ZDF: Er hat eine enorme Gabe, das Interesse der Zuschauer zu wecken – auch für Themen, auf die sonst spontan nicht alle ansprechen. Es ist eine Kunst, die Zuschauer so abzuholen.

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