Herr Kellenberger, welche Hoffnung setzen Sie in die Blauhelme, die nun im Auftrag des UNO-Sicherheitsrates die Lage in Syrien beobachten sollen?
Jakob Kellenberger: Ich setze grosse Hoffnungen auf den 6-Punkte-Plan von Kofi Annan, zu dem auch die UNO-Überwachungsmission des Waffenstillstandes gehört. Ich bin mir leider auch sehr bewusst, wie gefährdet dieser Plan ist. Es ist darum umso wichtiger, dass sich die Mission rasch entfalten kann.

Sie haben lange befürchtet, das IKRK werde in Syrien eine humanitäre Alibifunktion wahrnehmen. Ist dies denn nicht mehr der Fall?
Genau genommen bestimmte diese Befürchtung meinen ersten Besuch in Damaskus im Juni 2011. Seitdem hat das IKRK seinen Handlungsspielraum und seine Tätigkeit stufenweise erweitern können, zusammen mit dem Syrischen Roten Halbmond.

Was konnte das IKRK denn bisher in Syrien erreichen?
Wir haben zum Beispiel Nahrungsmitteln an fast 300 000 Menschen zwischen Juli 2011 und April 2012 verteilt sowie andere Hilfsgüter wie medizinisches Material und Geräte. Aber natürlich bleiben nicht gedeckte Bedürfnisse, vor allem was den Schutz der von den Kämpfen betroffenen Menschen angeht. Ich war vor Ostern erneut in Damaskus, damit wir unser internationales Personal in Syrien erhöhen und mehr logistisches Material einführen können.

Und doch werden beispielsweise Spitäler angegriffen, Ärzte an ihrer Arbeit gehindert und selbst Kinder von Gewalt nicht verschont. Welche Hoffnung können Sie den Menschen in Syrien machen, die unter diesen entsetzlichen Zuständen zu leiden haben?
Der Zugang von Kranken und Verwundeten zu medizinischer Hilfe – ohne Angst haben zu müssen – bleibt eine grosse Sorge. Auch die Respektierung des medizinischen Personals und der medizinischen Einrichtungen. Auf beides habe ich in meinen Gesprächen in Damaskus wiederholt hingewiesen. Den Menschen in Syrien wäre am meisten geholfen, wenn alle an der Gewalt Beteiligten das anwendbare Recht einhalten und Menschlichkeit zeigen.

Sie haben klar gesagt, wie essentiell eine tägliche Kampfpause wäre – und trotzdem wird beispielsweise die Grossstadt Homs nach wie vor bombardiert. Das muss doch Gefühle der Ohnmacht auslösen?
Nein, das stärkt nur den Willen, möglichst breite Unterstützung dafür zu finden. Im Übrigen sollte seit dem 12. April ein Waffenstillstand eingehalten werden, dessen Überwachung in die Verantwortung der UNO fällt.

Sie haben mehrfach betont, man könne mit Präsident Bashar al-Assad ganz direkt reden. Aber hört er denn auch zu?
Ja, er hört auch zu. Aber zuhören ist noch nicht gleichbedeutend mit Einverständnis und entsprechendem Handeln, nicht nur bei Präsident Assad.

Was bleibt Ihre wichtigste Botschaft an ihn?
Ich führe keinen Dialog über die Presse. Der Präsident und der Aussenminister kennen die dringendsten Anliegen des IKRK, die auch öffentlich bekannt sind.

Was erwarten Sie vom Widerstand und der sogenannten Freien Syrischen Armee?
Ich erwarte von allen an der Gewalt Beteiligten, dass sie das anwendbare Recht einhalten und Menschlichkeit beweisen.

Entscheidend bleibt jedoch das Vetorecht von Russland und China. Wie wollen Sie diese Staaten davon überzeugen, dass sie den Weg freimachen sollen für mehr humanitäres Engagement?
Russland und China unterstützen das humanitäre Engagement des IKRK, auch finanziell. Dies hat mir der russische Aussenminister Sergey Lavrov im direkten Gespräch in Moskau bestätigt.

Welche Rolle kann die offizielle Schweiz in diesem Konflikt wahrnehmen? Was erwarten Sie?
Alles, was einer friedlichen politischen Lösung förderlich ist. Aber wie Sie wissen, ist die Schweizer Botschaft in Damaskus geschlossen.

Auch Somalia ist weit entfernt von Friede und Normalität. Was macht Ihnen am meisten Sorgen? Wo wird das IKRK weiterhin ansetzen?
Die humanitäre Krise in Somalia ist gegenwärtig eine der schwerwiegendsten, wenn nicht die schwerwiegendste in der Welt. Am meisten Sorgen macht mir, dass wir den Zugang zu den Menschen in den Gebieten unter Kontrolle der islamistischen Bewegung Al Shabab verloren haben, hoffentlich nur vorübergehend. In andern Gebieten geht die Nahrungsmittelverteilung weiter. Wir unterstützen auch weiterhin zwei Spitäler in Mogadischu und Projekte des somalischen Roten Halbmonds im von Al Shabab kontrollierten Gebiet.

Hat das IKRK seit dem Arabischen Frühling mehr oder weniger zu tun?
Die fünf grössten Operationen des IKRK gemessen an den geplanten Ausgaben sind Afghanistan, Somalia, Irak, die Demokratische Republik Kongo und Sudan. Die Tätigkeit in Syrien, Libyen, Tunesien und Bahrein hat zugenommen seit Anfang 2011. Aber der Sudan, Somalia und Jemen gehören schon seit Jahren, lange vor dem sogenannten Arabischen Frühling, zu den grossen Operationen des IKRK.

Tatsache ist aber auch, dass in Ländern wie Ägypten oder Tunesien auch radikale Islamisten im Vormarsch sind. Beunruhigt Sie das?
Ich glaube an die Vorteile der Demokratie.

Den Iran oder Saudi-Arabien hat der Arabische Frühling bisher nicht erfasst. Wird dies noch geschehen?
Meine mangelhafte prophetische Begabung ist bekannt.

Aber Sie schliessen nicht aus, dass der Funken noch überspringen wird?
Das schliesse ich nicht aus.

Was erwarten Sie vom neuen Machthaber in Nordkorea, Kim Jong Un?
Dass das IKRK seine Tätigkeiten ausweiten kann. Momentan beurteile ich die Aussichten aber als gering.

Grundsätzlich ist in vielen Krisengebieten zu beobachten, dass IKRK-Mitarbeiter zunehmend sabotiert oder angegriffen werden. Wie beurteilen Sie diese beunruhigende Entwicklung?
Obwohl das IKRK seine Tätigkeit über die letzten Jahre stark ausgeweitet hat mit mehr Personal auf dem Feld, haben die schweren Sicherheitszwischenfälle im Vergleich zu den Neunzigerjahren nicht zugenommen. Gegenwärtig sind allerdings zwei Mitarbeiter in Geiselhaft in Pakistan und im Jemen. Das beschäftigt und plagt uns sehr.

Stichwort Israel: Sie sind der Meinung, dass man das 4. Genfer Abkommen zum Schutz der Zivilbevölkerung auf die besetzten Gebiete anwenden kann – doch dagegen sperrt sich Israel. Wo stehen Sie in den Diskussionen mit der israelischen Regierung?
Ich sehe keine Annäherung in der seit Jahrzehnten bestehenden Meinungsverschiedenheiten über die rechtliche Anwendbarkeit des 4. Genfer Abkommens. Das bedeutet aber nicht, dass es mit Israel keinen Dialog gibt.

Sie haben vor einem Jahr im «Sonntag» erklärt, es müsse zwischen Flüchtlingen im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention und Menschen unterschieden werden, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Ist Ihnen dieser Punkt nach wie vor wichtig? Die Rechtslage ist verschieden. Es gibt für Migranten aus Wirtschaftsgründen kein zur Flüchtlingskonvention vergleichbares Abkommen. Das macht sie allerdings nicht schutzlos: zahlreiche völkerrechtliche Bestimmungen, namentlich im Bereich der Menschenrechte, sind auch auf Migranten anwendbar.

Tatsache aber ist, dass wir ein Migrationsproblem haben. Hinzu kommt, dass vielen Menschen die Angst vor einem Flüchtlingsstrom aus all diesen Konfliktgebieten genommen werden muss.
Ich bezweifle, dass die Leute Angst vor Flüchtlingen im Sinne der Flüchtlingskonvention haben. Ich halte es für ausserordentlich wichtig, dass die Bestimmungen der Flüchtlingskonvention strikt eingehalten werden. Wer an Leib und Leben bedroht ist, dem muss Schutz gewährt werden.

Wenn Sie nicht mehr im Amt sein werden, wird das Gefangenenlager Guantánamo weiter in Betrieb sein. Erst kürzlich haben Sie von US-Präsident Obama gefordert, das Gleichgewicht zwischen Sicherheit, militärischen Zielen und den Respekt vor der Menschenwürde zu wahren. Worauf beruht Ihre Hoffnung, dass dem künftig so sein wird?
Präsident Obama teilt diese Auffassung. Konkret sprachen wir übrigens über Verfahren im Zusammenhang mit Internierten aus Sicherheitsgründen, welche unter anderem in Guantánamo festgehalten werden. Sie wissen, dass Präsident Obama Guantánamo schliessen wollte, aber der Kongress damit nicht einverstanden war.

Was macht Sie stolz, wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückschauen?
Dass das IKRK seine weltweite Tätigkeit zugunsten Schutz- und Hilfsbedürftiger erweitern konnte und hohes Ansehen bei Betroffenen und Geberstaaten geniesst. Die vor kurzem in Grossbritannien und Australien durchgeführten Bewertungen humanitärer Organisationen bestätigen dies eindeutig.

Was bedauern Sie?
Dass es noch immer Kriege gibt und dass die humanitären Folgen kollektiver Gewalt unterhalb der Kriegsschwelle zunehmen.

Wie meinen Sie das?
Bei Gewalt unterhalb der Kriegsschwelle denke ich zum Beispiel an die Gewalt zwischen verschiedenen Volksgemeinschaften, die Gewalt im Umfeld des Drogenhandels in Mexiko, die Bandengewalt in Honduras und die Gewalt in zahlreichen Städten.

Wie emotional darf eigentlich ein IKRK-Präsident sein?
Nicht so, dass er wegen der Beschäftigung mit seinen eigenen Gefühlen seine humanitäre Pflicht vernachlässigt.

Kennen Sie im Stillen eine Wut auf unmenschliche Machthaber?
Das habe ich nicht nur auf unmenschliche Machthaber, sondern generell auf Menschen, die Mitmenschen nicht respektieren.

Sie kamen leider immer auch wieder in Situationen, in denen Sie den Tod von IKRK-Mitarbeitern im Einsatz zu beklagen hatten. Wie gehen Sie damit um?
Ja, das waren die wohl schwersten Momente – vor das Personal treten und mitteilen, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den humanitären Einsatz mit dem Leben bezahlt hat.

EDA-Chefdiplomat Peter Maurer wird Ihr Nachfolger als IKRK-Präsident. Was zeichnet ihn aus?
Seine Menschlichkeit, sein sicheres Wertebewusstsein, seine Standhaftigkeit. Hinzu kommen eine hohe Intelligenz und der hervorragende diplomatische Leistungsausweis. Er kann führen und entscheiden.

Die Schweiz hatte mit Aussenministerin Micheline Calmy-Rey während derer Amtszeit eine «aktive Aussenpolitik» propagiert. Spüren Sie diese auch bei Calmy-Reys Nachfolger Didier Burkhalter?
Ich kann mit dem Begriff der «aktiven Aussenpolitik» nichts anfangen. Aussenpolitik beurteilt sich nach Zielen und dem Grad ihrer Erreichung.

Welche Art von Schweizer Aussenpolitik erachten Sie denn als wichtig?
Wichtig ist eine Aussenpolitik, die klare Prioritäten setzt und die gesetzten Ziele hartnäckig verfolgt, auch bei ungünstigen Witterungsverhältnissen. Das weiss Bern und braucht meine Ratschläge nicht.

Sind Sie ein Patriot?
Wer nach dem Studium mit Überzeugung den Beruf des Diplomaten wählt, ist einer, dem die möglichst wirkungsvolle Vertretung der Interessen des eigenen Landes ein starkes Anliegen ist. Wenn Sie die Absolvierung einer Offiziersschule auch als patriotisches Merkmal ansehen, kann ich Ihnen auch hier dienen.

Für welche Länder werden Sie künftig als Privatmann mehr Zeit haben, um Sie endlich bereisen zu können? Was sind Ihre Pläne?
Ich kann nicht sagen, dass mir das Reisen nach meiner beruflichen Laufbahn besonders fehlen wird. Ich werde den Unterricht an der spanischen Universität in Salamanca und der ETH in Zürich jedenfalls fortsetzen. Daneben werden mir der Sport und die Literatur wichtig bleiben.

Was hat Sie in all den Jahren als IKRK-Präsident angetrieben?
(Denkt nach.) Ich ertrage es nicht, wenn Menschen anderen Menschen Leid zufügen. Dagegen lehne ich mich auf und das ist wohl auch mein Antrieb.

Im Juli gibt Jakob Kellenberger sein Amt als IKRK-Präsident an Diplomat Peter Maurer ab. Der gebürtige Appenzeller tritt dann nach zwölf Jahren an der Spitze der Organisation in den Ruhestand. Kellenberger war ebenfalls Diplomat und leitete unter anderem die Verhandlungen der Schweiz mit der EU zu den bilateralen Verträgen I. Zuvor war er auf den Schweizer Vertretungen in Madrid, Brüssel und London tätig. Weiter führte er das Integrationsbüro. Kellenberger studierte französische und spanische Literatur sowie Linguistik. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, so mit der Ehrendoktorwürde der Universität Basel. Kellenberger ist verheiratet und Vater zweier Töchter. In seiner Freizeit liest er gerne Gedichte oder treibt Sport wie Jogging oder Langlauf.

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