Frau Mauch, ist Ihnen die Weihnachtsbeleuchtung Lucy an der Bahnhofstrasse genügend hell?
Corine Mauch: Ja, mir ist sie genügend hell.

Das hat Sie als Stadtpräsidentin zu interessieren – ob Sie wollen oder nicht.
Es ist halt ein Thema, das alle interessiert. Dabei wissen viele Leute nicht, dass für die Weihnachtsbeleuchtung gar nicht die Stadt zuständig ist, sondern dass sie von den Geschäften an der Bahnhofstrasse betrieben wird.

Trotzdem werden Sie automatisch für alles in dieser Stadt verantwortlich gemacht.
Das ist so und gehört zu meinem Job (lacht). Noch häufiger kommen aber Leute auf mich zu und erzählen mir einfach, wie lange sie schon in Zürich wohnen und wie gerne sie hier leben. Das berührt mich.

Zürich und seine Lebensqualität sind in internationalen Studien immer weit oben. Sind sie eine Schönwetter-Stadtpräsidentin?
Nein, auf keinen Fall. Es ist richtig, dass es der Stadt Zürich gut geht. Wir haben die Krise bis jetzt überraschend gut überstanden. Das ist nicht selbstverständlich. Die Amtszeit meines Vorgängers fiel in die sieben Jahre, in denen die Steuereinnahmen flossen und wir jedes Jahr grosse Überschüsse hatten. Zürich hat heute trotz der Krise eine gute Ausgangslage, aber das heisst in keiner Art und Weise, dass wir uns jetzt zurücklehnen können. Im Gegenteil. Die Einbrüche in der Finanzbranche haben uns getroffen. Hier gibt es eine grosse Abhängigkeit.

Ist diese Abhängigkeit zu gross?
Man kann es als Klumpen-Risiko oder als Klumpen-Chance sehen. Der Finanzplatz hat eine lange, alte Tradition in der Stadt Zürich und wird auch in Zukunft unabdingbar sein. Es bedeutet aber für uns auch, darum bemüht zu sein, die Diversifizierung zu stärken.

Sie heben die Wichtigkeit des Finanzplatzes hervor. Doch trotz Gewinnen zahlen die Banken keine Steuern mehr.
Die Banken haben lange und gut Steuern gezahlt und davon haben wir profitiert. Seit 2008 ist das nicht mehr so und führte allein in jenem Jahr bei juristischen Personen zu einem Steuereinbruch von 400 Millionen Franken – das sind immerhin 20 Prozent aller Steuern. Zum Glück sind wir dank einer weitsichtigen Politik mit der Bildung von Reserven in der Lage, diesen Einbruch tragen zu können. Wir werden Ende Jahr immer noch Eigenkapital von mehr als 700 Millionen Franken haben. Es ist aber klar, dass diese Durststrecke mit den verschärften Eigenkapitalvorschriften nun länger anhalten wird.

Werden in Zürich bald die Steuern erhöht?
Wir haben im Budget 2012 keine Steuererhöhungen beantragt. Ich hoffe, dass wir diese Konstanz auch in Zukunft bieten können. Es gibt aber viele Unsicherheitsfaktoren. Denken Sie nur an die neuen Vorgaben in der Gesundheitspolitik. Gerade bei der Langzeitpflege, die vor allem von den Gemeinden getragen werden muss, ist kaum abschätzbar, was da für Kosten auf uns zukommen. Trotzdem bleibt mein Ziel: Wir wollen für die Menschen und die Wirtschaft berechenbar sein.

Repräsentieren Sie eine Stadt, in der Boni-Bezüger am Paradeplatz mehr Chancen haben als Normalverdiener in Schwamendingen?
Das ist eine falsche Perspektive. Boni-Bezüger arbeiten zwar tatsächlich am Paradeplatz, zahlen aber die Steuern sehr oft nicht in der Stadt Zürich. Wir hatten denn auch einen Einbruch bei den juristischen Personen, konnten ihn aber teilweise mit einer Zunahme von Steuereinnahmen bei den natürlichen Personen kompensieren.

Nochmals: Zürich wird mehr mit Bankern als mit jungen Familien in Verbindung gebracht.
Das ist ein Irrtum. Im Moment wächst die Zahl der Familien in der Stadt. Zürich ist für junge Familien offenbar sehr attraktiv.

Wird diese Entwicklung mit der am letzten Wochenende beschlossenen Erhöhung gemeinnütziger Wohnungen von einem Viertel auf ein Drittel anhalten können?
Der Abstimmungsausgang ist ein klarer Auftrag an den Stadtrat, im Bereich des gemeinnützigen Wohnungsbaus einen verstärkten Effort an den Tag zu legen. Das geschieht auch nicht zum Selbstzweck, sondern hat ein übergeordnetes Ziel: Zürich soll auch künftig ein Ort sein, in dem alle Bevölkerungsschichten wohnen können.

Vorausgesetzt, man findet eine Wohnung und kann die hohen Mieten zahlen.
Dieses Image ist vorhanden, aber unsere Erhebungen kommen zu erstaunlichen Ergebnissen: Eine Vier-Zimmer-Wohnung kostet in der Stadt Zürich im Durchschnitt 1750 Franken. Das ist viel tiefer als man meinen könnte. Es ist vergleichbar mit Wallisellen oder Schlieren. Das haben wir einem jetzt schon hohen Anteil von gemeinnützigen Wohnungen zu verdanken, die klar viel billiger sind.

Trotzdem kommen auf eine ausgeschriebene Wohnung teilweise Hunderte von Bewerbern.
Wir reden von einem Durchschnitt, der den Einzelfall nicht berücksichtigt. Wer ein schmales Budget hat, wird tatsächlich Mühe haben, auf dem freien Markt eine Wohnung zu findet. Das betrifft auch Menschen, die in sehr kurzer Zeit eine Wohnung benötigen. Wer sich aber mehr Zeit nehmen kann, findet in der Regel etwas – häufig über Leute, die man schon kennt. Die Angebotsmieten von ausgeschriebenen Wohnungen sind in der Tat klar höher.

Zahlen Sie auch eine durchschnittliche Miete?
Ich zahle mehr als der Durchschnitt.

Über 2000 Franken?
Ja.

Der Prime Tower in Zürich West steht für ein neues Gesicht von Zürich. Was antworten Sie Kritikern, die schon ein Klein-Singapur wittern?
Nur, weil wir dort ein schönes Hochhaus haben, sind wir noch lange nicht Singapur. Der Prime Tower gefällt mir extrem gut. Das ist effektiv ein Wahrzeichen geworden. Zürich West ist ein wieder urbanisiertes Gebiet. In den 90er-Jahren war es ein Symbol für die A-Stadt: Alte, Arbeitslose, Abhängige, Arme, Alleinerziehende. Jetzt ist es ein boomender Stadtteil. Wir haben aber nicht nur Zürich West, sondern auch die Altstadt oder Schwamendingen als eigentliche Gartenstadt. Diese Vielfalt auf kleinem Raum ist eine der zentralen Qualitäten von Zürich. Diesen Charakter und Attraktivität wollen wir behalten.

Wie sieht Ihre Verkehrsvision für Zürich aus? Mehr Tempo 30?
Es ist keine Vision, sondern ein Ziel: Die wachsenden Mobilitätsbedürfnisse müssen effizient abgewickelt werden können. Der öffentliche Verkehr steht dabei zuvorderst. Wir haben bereits ein hocheffizientes System, das Delegationen aus der ganzen Welt zur Besichtigung anzieht. Aber auch der Langsamverkehr wird an Bedeutung zunehmen. Der Veloverkehr ist viel wichtiger geworden und hier müssen wir entsprechende Infrastrukturen anbieten. Oder der Fussverkehr, der oft vernachlässigt wird. Ich kenne einige Leute, die von Zuhause ins Geschäft laufen.

Das tönt nicht nach mehr Parkplätzen, wie sie dauernd vom Gewerbe gefordert werden.
Wenn wir in erster Linie auf den Autoverkehr und auf Parkplätze setzen würden, wäre das im dichten Stadtraum eben nicht effizient. Pro Fläche bringen wir mit dem öffentlichen Verkehr einfach viel mehr Leute in der gleichen Zeit von A nach B. Vom Gewerbe höre ich oft die Klage, mit den Lieferwagen zu wenig gut durch den Verkehr zu kommen. Darum ist es ja wichtig, dass der Strassenraum jenen zur Verfügung gestellt wird, die ihn auch wirklich benötigen. Dazu gehören in erster Linie das Gewerbe und nicht die Pendler, die Alternativen haben.

Braucht es auch mehr Tempo-30-Zonen?
Tempo 30 ist ein Konzept, das sich ausgezeichnet bewährt hat. Ich war soeben in Strassburg und habe mit den dortigen Behörden darüber gesprochen. Sie kommen nun nach Zürich, um es sich vor Ort anzuschauen. Bei Tempo 30 war die Grundidee, die Bevölkerung vom Strassenverkehr zu entlasten. Das ist gelungen. In den Quartieren haben wir das erreicht. Ein weiteres Thema sind vom Bund vorgegebene Lärmschutzvorschriften. Eine der möglichen Massnahmen wäre, auf gewissen Strecken in der Nacht Tempo 30 einzuführen. Damit könnten die tieferen Grenzwerte erreicht werden.

Sie prüfen Tempo 30 auf Durchgangsachsen zwischen 22 und 6 Uhr?
Es wäre eine Möglichkeit unter anderen. Wir sind jedoch noch mitten in der Prüfung, entschieden ist nichts.

Für Sie eine realistische Variante?
Es wäre auf jeden Fall eine effiziente, wirksame und kostengünstige Variante. Aus städtebaulicher Sicht ist es ja schon aus Platzgründen nicht möglich und auch nicht schön, im grossen Stil Lärmschutzwände aufzustellen. Und in der Nacht muss auch kaum ein Gewerbetreibender sofort einen Auftrag ausführen. Wir prüfen jetzt im Einzelfall, wo diese Massnahme allenfalls vertretbar wäre.

Sie vermerken auf Ihrer Internetseite stolz die über 43 000 Studierenden, doch das wird von den Hochschulen zunehmend als Belastung empfunden.
Sie sprechen von Äusserungen seitens der ETH, aber das ist eine Ressourcenfrage bei dieser Bundesinstitution. Zürich ist ein hervorragender Bildungs- und Forschungsstandort. Firmen wie Google kommen nach Zürich, weil sie hier gut ausbildete, kreative und innovative Leute finden. Es stellt sich die Frage, ob wir wirklich auf diese Leute verzichten wollen.

Ihre Meinung?
Wir können froh sein, dass solche Talente zu uns kommen. Auch profitieren wir von der Zuwanderung bereits ausgebildeter Leute. Ein anderes Problem: Die Kontingentierung qualifizierter Arbeitskräfte aus Drittstaaten ist für eine dynamische Region wie Zürich einfach nicht ausreichend. Im Moment gibt es ein einziges Kontingent von der Landwirtschaft bis zur IT. Hier muss man aus gesamtvolkswirtschaftlicher Sicht flexibler sein und Engpässe beseitigen können.

Am 14. Dezember geht es bei der Nachfolgewahl Ihrer Parteikollegin Micheline Calmy-Rey auch um den Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf. Würden Sie eine Abwahl bedauern?
Als Exekutivpolitikerin weiss ich: Das Wichtigste für eine Regierung sind kompetente Mitglieder, die ihre Aufgabe ernst nehmen und bereit sind, in einem Gremium zusammenzuarbeiten. In diesem Sinne ist Eveline Widmer-Schlumpf eine gute Bundesrätin. Ich würde es bedauern, wenn sie abgewählt würde. Sie wurde aus der SVP hinausgeworfen, nur weil man den offiziellen Kandidaten der Partei nicht gewählt hat. Auch Otto Stich wurde gegen den Willen der SP gewählt. Trotzdem hatten wir keine Parteispaltung wie die SVP. Stich war ein SP-Bundesrat und erst noch ein guter. Auch die Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen war für die SP sehr schwierig.

Also hat die SVP kein Anrecht auf einen weiteren Sitz.
So kann eine Optik berechtigterweise aussehen.

Was tun Sie, damit das Privatleben bei einem wöchentlichen 90-Stunden-Pensum nicht auf der Strecke bleibt?
Ich schaue, dass es in meiner Agenda immer Inseln hat, die für mein Privatleben reserviert sind. Aber das ist ein dauernder Kampf (lacht).

Die «NZZ» schrieb nach Ihren ersten 100 Tagen im Amt, Sie seien «noch nicht ganz angekommen». Und heute?
Ich bin im Amt angekommen. Und zwar in dem Tempo, dass ich mir selber gegeben habe. Ich wurde ja direkt in den Stadtrat und ins Präsidium gewählt. Ich habe immer gesagt, dass es eine Zeit braucht, bis ich den Stadtrat und die Dossiers kenne.

Ihre Mutter Ursula Mauch hat als erste Frau den Kanton Aargau im Nationalrat vertreten. Was haben Sie von ihr für Ihre eigene Politkarriere gelernt?
Den Mut, hinzustehen, sich Positionen zu erkämpfen und einzunehmen. Meine Mutter hat das einfach gemacht und so wurde es auch für mich selbstverständlich. Aber noch heute spüre ich in Gesprächen mit Frauen, dass es für viele nach wie vor eine Herausforderung ist, dieses Selbstvertrauen zu haben. Die Frauen sollten diesen Mut haben, sich etwas zuzutrauen und standhaft zu sein.

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