Aus der Traum. Die bunte «Sex and the City»-Seifenblase, in der Carrie Bradshaw und ihre glamourösen Freundinnen vor fünfzehn Jahren ihre Cosmo-Drinks schlürften, ist geplatzt. Manhattan ist jetzt ausser Reichweite, Brooklyn liegt gerade noch knapp drin: Die New Yorker «Girls» um Möchtegern-Autorin Hannah (Lena Dunham) haben kein Geld, aber hohe Ansprüche; experimentellen Sex, aber keinen Zugang zu ihren romantischen Gefühlen mehr. Kurz: sie leben stets unter einer grauen Wolke.

Woody Allen, der Opa aller Film-Neurotiker, lässt grüssen. Als Hommage an die guten alten Zeiten hängt bei Shoshanna (Zosia Mamet) noch ein «Sex and the City»-Poster im Zimmer, aber Jessa (Jemima Kirke) ist zu hip und weit gereist, um die Serie überhaupt zu kennen. Und Marnie (Allison Williams) zerbricht sich nicht wie Carrie & Co. den Kopf darüber, wie sie den perfekten Boyfriend landen soll, sondern wie sie ihn los wird.

«Girls» ist die neue Kultserie aus den USA – eine semi-autobiografische Beichte der 27jährigen Autorin, Produzentin, Regisseurin und Schauspielerin Lena Dunham. Sie spielt Hannah, die seit zwei Jahren aus dem College ist, aber sich finanziell noch immer nicht selber über Wasser halten kann. Sie möchte ihre Memoiren schreiben, aber die muss sie ja zuerst noch erleben. Als ihr die Eltern in der Pilot-Episode den Geldhahn abdrehen wollen, ist sie entsetzt: Alle ihre Freunde werden von den Eltern unterstützt und ihre haben doch noch Glück, sie ist ja nicht mal tablettensüchtig! Also bitte weiter buttern. «Ich bin die Stimme meiner Generation!», meint Hannah. Die Stimme einer Generation, die untermotiviert und überprivilegiert ist und nicht vom Fleck kommt.

Lena Dunham kennt die Stimme: «Ich höre mich selber noch sagen: ich ging doch aufs College, diesen Job will ich nicht machen», erinnert sich Dunham an die Zeit, bevor sie «Girls» und einen 3,5-Mio-Dollar-Deal für einen Essay-Band hatte. «Es herrscht Rezession und all die gut ausgebildeten Uni-Abgänger kommen auf dem Arbeitsmarkt nirgends mehr unter.

In einer anderen Zeit hätte das eine Revolution verursacht, aber meine Generation ist sehr apathisch, selbstbesessen und verbringt ihre Zeit statt auf den Barrikaden auf Facebook. Oprah hat uns in ihrer Talkshow gelehrt, dass wir das Beste aus unserem Selbst machen sollen. In der Folge haben wir vergessen, wie wir die beste kollektive Gesellschaft werden. Aber ich glaube, es tut sich langsam wieder etwas: meine Schwester ist 21 und in ihrer Uni sind sie sehr engagiert.»

Revolutionär ist in Dunhams mutiger und unerbittlichen Nabelschau, dass sie das Image des TV-Stars neu definiert: Ihr Körper ist nicht der gängigen Model/Schauspielerin-Schablone entsprungen, und trotzdem rennt sie meist nur in Unterwäsche oder allgemein unvorteilhaft gekleidet in ihrer Serie herum. Dass die schauerlich unbeholfenen Sexszenen bereits eine Porno-Parodie zutage gefördert haben, hält die sich in ihrer Rolle als Post-Feministin noch findende junge Frau für nicht besonders lustig: «Ich wollte es cool nehmen, aber ehrlich gesagt: Wir strengen uns an, zu zeigen, was Hollywood und Pornografie mit unserem Verständnis von Sex angestellt haben. Diese sorgfältig augearbeiteten Figuren nun in einen Porno zu stellen, ist kein Kompliment.»

Auf Twitter musste sie sich deswegen als humorlos und prüde beschimpfen lassen. Dass sie beides nicht ist, beweist Lena Dunham in jeder Episode neu: «Die provokativen Momente in der Show kommen entgegen Erwartungen nicht von meinem Co-Produzenten Judd Apatow, sondern von mir – von ihm sind eher die romantischen Augenblicke.»

Mit den derben Komödien bekannt gewordene Filmemacher Judd Apatow hat Lena Dunham durchs South By Southwest Festival entdeckt, wo ihr zweiter Spielfilm «Tiny Furniture» (2010) Furore machte. Die für 50 000 Dollar produzierte Dunham-typische Selbstreflektion spielte hauptsächlich in einem Apartment, Dunhams Mutter und Schwester traten als ihre Co-Stars auf. Der «Sex and the City»-Sender HBO engagierte sie darauf als Schreiberin und stellte ihr Apatow zur Seite. Das Resultat «Girls» ging 2012 erstmals auf Sendung. Dunham ist die Tochter zweier etablierter Künstler. Ihr Babysitter und Schulballkleid-Designer war kein Geringerer als Zac Posen. Für ihr TV-Ensemble engagierte sie ebenso privilegierte Promikinder: Allison Williams ist die Tochter des renommierten US-Nachrichtenmoderators Brian Williams, Zosia Mamet die Tochter des Dramatikers und Regisseurs David Mamet, und Jemima Kirkes Eltern sind Lorraine und Simon Kirke, die «Sex and the City» beliefernde Vintage-Boutique-Besitzerin und der «Bad Company»-Schlagzeuger.

Der Erfolg von «Girls» (zwei Golden Globes, ein Emmy und eine Einladung in die Filmakademie) hat Lena Dunham im wirklichen Leben stabilisiert: Vor einem Jahr zog sie bei der Mutter aus.

Mit ihrem Freund, der «Fun.»-Gitarrist Jack Antonoff, ist sie nun auch schon mehr als ein Jahr zusammen. Nur ihre neurotischen Zwangsstörungen melden sich ab und zu zurück. Aber ihr OCD sei nicht mehr so schlimm wie früher. Zur Beruhigung hat sie nun einen Hund und sie meditiert: «Im Gegensatz zu Hannah hatte ich zum Glück jemanden, der mir mit neun Jahren zeigte, wie das geht...»

«Girls» – die ganze 1. Staffel ist am 13. und 14. Juli ab 22.00 Uhr in zwei 150-Minuten-Blöcken auf ZDFneo zu sehen.

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